11. Ralley-WM 2006 Argentinien (Cordoba)

11. Reisebericht: Ralley-WM 2006 Argentinien (Cordoba)

Cordoba – Cavalango – Tanti – Paso “El Condor” (Copina)

Am Freitagmorgen, dem ersten Ralleytag, waren um uns herum alle Wege gesperrt, da die Ralley gegenüber des Camping- und Messegeländes im Stadion startete. Wir kauften uns an der nächsten Sperre ein Parkticket, ohne eigentlich genau zu wissen wofür. Aber so nach und nach kamen wir dann dahinter, dass im Messegelände das Fahrerlager der eigentlichen Helden der Ralley war, und wir im beim Werkeln und Basteln und den letzten Vorbereitungen der grossen Tour zuschauen konnten.
Wir sind dann nach Cavalango gefahren, wo am nächsten Tag ein Teil der ersten Touretappe stattfinden sollte. Dort mieteten wir uns in einem Campingplatz direkt am Fluss ein und erkundeten ein wenig die Gegend, den steinigen Flusslauf und guckten uns schonmal ein Plätzchen an der kurvigen, von Felsen und Wiesen gesäumten Strecke aus. Noch war alles relativ ruhig, aber die bunten Absperrungsbänder und die ersten Camper und Fressstände liessen schon ein grösseres Spektakel für den kommenden Tag erahnen.
Am nächsten Morgen herrschte schon früh ein reges Treiben auf dem Campingplatz, da sich alle Besucher für das bevorstehende Ereignis vorbereiteten. Auch wir haben uns mit reichlich Futter und `nem Fläschchen Wein eingedeckt, Isomatte und Schirme waren auch im Gepäck, denn man musste zeitig los, bevor die Strecke auch für Fussgänger gesperrt wurde. Gut gerüstet gings auf den Bersch, vorbei an all den Motorsportbegeisterten, die mittlerweile die Strecke säumten. Was für ein Spektakel überall standen grillende, trinkende, singende und fahnenschwingende Fans am Streckenrand und es war nicht mehr so einfach, einen geeigneten Platz zu finden. Doch letztendlich fanden wir einen Felsen, der für einen guten Streckenabschnitt Übersicht bot und wir beschlossen, dort zu bleiben. Kaum angekommen wurden wir von ein paar Jungens angesprochen, die uns mit Fragen (natürlich viel über Fussball) löcherten und gleich mal Fernet-Cola anboten. Wir lehnten dankend ab und hielten uns lieber an unseren Wein. Kurz darauf fing es noch zu regnen an, und trotz unserer Vorkehrungen blieb nicht viel von uns trocken.
Tja, und da sich das warten hinzog und wir eher durstig statt hungrig waren, waren zwar unsere Essvorräte noch voll, der Wein dagegen leer und Mathias versuchte noch eine Flasche Wein aus dem Auto zu holen. Nach einer halben Stunde kam er entnervt wieder, da ihn die Polizei nicht mehr hatte zurückgehen lassen und so mussten wir dann notgedrungen doch auf das Fernet-Gemisch zurückgreifen. Wir Armen! Und noch bevor das Rennen begann, war es für manch andere schon vorbei. Bisher sahen wir nicht viele Betrunkene in Argentinien, aber einige hatten sich wohl ihren Jahressuff für dieses Event aufgehoben, und so waren sie dermassen besoffen, dass sie von den Polizeikräften „entfernt“ wurden.

Doch endlich war es soweit! Die Hubschrauber am Himmel waren die Vorboten und kurz darauf sah man im Tal die ersten Rennwagen über die Brücke rauschen. Dann kamen sie immer näher auf uns zu, man hörte die donnernden Motoren schon von Weitem und endlich slideten sie vor uns in den 180º Kurven und wirbelten den durchnässten Sand auf. Das ist schon ein tolles Gefühl, nur wenige Meter von uns entfernt brausen die weltbesten Fahrer auf den engen Pisten entlang und beweisen ihr Fahrkönnen. Nachdem ungefähr die ersten 10 Autos an uns vorbeigeheizt waren, musste ein paar Meter weiter oben etwas passiert sein, denn sofort eilten die Zuschauer nach oben. So auch wir hinterher, Mathias immer die Videokamera in der Hand, quer durch Büsche, hohe Gräser, Disteln und Gestrüpp. Ein paar Kurven weiter oben konnten wir den Grund des Aufruhrs sehen. Ein Auto hatte einen Ausfall, mehrere Männer versuchten gerade den Wagen weitgehend von der Strecke zu räumen und just in diesem Moment kam aus dem hinteren Wagenteil, über dem Reifen, Flammen heraus. Alle schreckten zurück, ein Feuerlöscher versuchte den Kampf gegen die Flammen und im selben Moment hörte man die Schreie: „Auto! Auto!“ und der nächste Wagen schoss durch die Gefahrenstelle. Knapp vorbei am Wagen und den selbsternannten Helfern. Die Polizei versuchte hilflos das Durcheinander in den Griff zu bekommen, als die nächsten Flammen herausschossen und diesmal warfen alle Erde auf den Brand und nach einigen Minuten war dieser Gefahrenherd gebannt. Die Leute standen auf der Strecke, immer wieder wurden die anrauschenden Wagen durch Winken zum Bremsen angewiesen, bis sich die Situation etwas entspannt hatte. Das nenn ich Action! Da war was los. Das ist ein Rennen hautnah!
Nach einem Foto mit uns und dem ausgefallenem Fahrer Xavier Pons (Tja, des einen Freud ist des anderen Leid!), sahen wir uns noch von unserem ursprünglichen Platz das restliche Rennen an und wurden danach von den Jungs zum Grillen eingeladen.
Wir fuhren gemeinsam nach Tanti, einem kleinem Ort, der nur wenige Kilometer vom Geschehen entfernt war und fanden uns in „Duraznitos“ Häuschen wieder. Dort verbrachten wir den Nachmittag auf der Veranda, ständig kamen und gingen andere Freunde, statt gegrillt haben wir erst mal unsere Mengen an Vorräten vernichtet und nebenbei auch noch die eine oder andere Flasche Bier, oder Wein, oder… Am Abend waren wir alle müde und Geschafft und wir konnten in seinem Garten parken und dort übernachten.
Wieder mal hatten wir einen tollen Haufen Argentinier kennengelernt, Duraznito bot uns an bei ihm zu Duschen, Kaffee zu machen und am nächsten Morgen wieder mit ihnen zum Rennen zu gehen. Doch wir hatten andere Pläne, wir wollten ein paar Sachen erledigen und weiterfahren um am Sonntag die Königsetappe am Paso „El Condor“, der auf 2.232m liegt, mitzunehmen.

Auf dem Weg dorthin deckten wir uns noch mit pan casero (hausgemachtem Brot), frischem Bergkäse und anderen Leckereien ein, die überall am Strassenrand verkauft wurden. Auf Wein verzichteten wir nach dem Vortag lieber. Ab Copina, dem letzten „Ort“ vor dem Pass erwartete uns eine grosse Überraschung, denn als wir uns die Strecke schonmal anschauen und nach einem geeigneten Platz suchen wollten, mussten wir feststellen, dass wir schon fast zu spät waren. Überall am Berg verteilt, in jeder kleinsten Nische hatten die Zuschauer schon den Berg mit Autos, Zelten, Planenkonstruktionen und natürlich Grills bevölkert. Hätte ich den Berg ohne die Massen gesehen, ich hätte nicht gewusst, wo in diesem felsigen und unwegsamen Gelände man nur ein einziges Auto hätte hinstellen können. Und die Leute waren schon am feiern, essen und trinken, ein einziges grosses Volksfest auf 1.600m Höhe. Unglaublich! So fuhren wir noch hundert Meter höher, über wackelige Brückelchen vorbei an schilfbewachsenen Schluchten bis auch wir auf einem Parkplatz (es gab wirklich ausgeschilderte Parkplätze mit Einweisern, für die man eine Gebühr bezahlen musste) ein Eckchen für unseren Pauli gefunden hatten. Wir hatten einen Platz neben einer Gruppe mit 8 Männern, die uns, noch ehe der Motor aus war, eine Rotwein-Mischung unter die Nase hielten um uns so willkommen zu heissen. Aber wir wollten ja gar nix trinken! Und so packten wir erst mal unsere Fressalien aus, tranken zur Überraschung aller einen Kaba und liefen auf dem „Festivalgelände“ (anders konnte man das Spektakel kaum nennen) herum. Hier herrschte eine unbeschreibliche Atmosphäre, überall feierten die Menschen, trotz der Kälte waren alle in ausgelassener Stimmung, an jeder Ecke wurden selbstgemachte Speisen aus den eigens dafür gebauten Lehmgrills verkauft und natürlich auch Getränke. Voller Begeisterung beobachteten wir das unglaubliche Treiben und vom Fieber angesteckt, deckten auch wir uns noch mit leckerem vino casaero ein, der zwar nicht gerade der billigste war, aber was erwartet man auf 1.700m? So kehrten wir wieder zu unserem Platz zurück und verbrachten den Abend mit unseren Nachbarn bei Wein und Fernet-Cola (ist, glaube ich, Nationalgetränk ;-)), natürlich wurden wir zum Essen eingeladen, babbelten ohne Unterlass – auf spanisch! – und als die älteren Semester in die Koje krochen feierten wir noch mit den Jungen am Lagerfeuer weiter, bis auch uns die Müdigkeit packte.
Zur Ralley suchten wir uns einen übersichtlichen Platz, von dem aus wir die staubige Strecke mit ihren engsten Kurven die sich um die Felsen schlängeln von weit oben beobachten konnten. Und wieder waren alle in ausgelassener (Trink-)Simmung und in jeder Nische loderte ein Feuerchen vor sich hin. Ob nur zum Wärmen oder um später die Fleischlappen zu grillen, zu den Argentiniern gehört ein Feuer einfach dazu.

Dann endlich kamen die ersten Wagen die enge, teilweise steil abfallende Strecke runtergerauscht und hinterliessen in jeder der sandigen Kurven hohe Staubwolken. Ist auch ziemlich Abhängig vom Fahrkönnen, je besser, desto schneller in der Kurve, desto mehr Staub. Und in der Ferne konnte man auf einer Gerade die rasenden Wagen aufgrund der Staubwolken noch lange verfolgen. Die Leute, die direkt an der Strecke in einer Kurve standen, sahen zwar hinterher aus wie nach einer Safari, aber das ist einfach ein tolles Erlebnis und gehört dazu. Und die über den Köpfen schwebenden Hubschrauber mit den lebensmüden Kameraleuten, die aussen auf der Kufe sitzen, machten das Erlebnis einfach perfekt. Nach ein paar Wagen wechselten wir unsern Platz, kletterten über Felsen um die Wagen beim Sprung an einer kleinen Brücke zu beobachten und gegen Ende hatte wir einen tollen Platz hoch über der Menge, von wo aus wir gesamte Treiben toll beobachten konnten. Nachdem auch die letzten Wagen die Etappe gepackt hatten (es gab schon ziemliche Nachzügler) packten die Leute gemütlich ihre Zelte und Planen zusammen, während andere noch auf ihr knuspriges Hühnchen warteten, immer noch an jeder Ecke begleitet von lauter Musik und Gewusel.
Wir warteten lange, da wir nicht wie die meisten den Berg runter fahren wollten, sondern nach oben zum Pass und das war bei dem Gegenverkehr unmöglich. Als die Strecke endlich relativ frei war verabschiedeten wir uns beim Männerausflug und dann ging es die restlichen 500 Höhenmeter steil bergauf, steinige Kurven und Schotter beschrieben die Strecke und immernoch befanden sich Begeisterte in kleinsten Felsvorsprüngen um das Erlebte ausklingen zu lassen.
Wir erfuhren, dass an diesem Tag etwa 24.000 Ralleybegeisterte auf diesem Pass waren, plus wir zwei :D, von denen wahrscheinlich jeder Einzelne den besten und spektakulärsten Platz hatte. Die Strecke war einfach der Hammer und das ganze Rennen war geil, toll, unbeschreiblich, einfach der Wahnsinn!

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