12. Cordoba – San Pedro de Atacama

12. Reisebericht: Cordoba – San Pedro de Atacama

Mina Clavera – Villa de Soto – Chamical – Patquia – Valle de la Luna – Difunta Correa – San Juan – Termas de Talacasto – San Juan – Paso Los Colorado – Rodeo –(San José de Jáchal – Villa Union – Chilecito – Pituil – ) Termas de Fiambalá – Paso de San Francisco (Chile) – Copiapó – Puerto Viejo – Caldera / Bahia Inglesa – Antofagasta – Salar de Atacama – Peine – Toconao – San Pedro de Atacama

Nach unserem anstrengenden Ralley-Wochenede haben wir uns erst mal in dem kleinen Kaff Mina Clavera auf dem Campingplatz eingemietet. Es war zwar der Abend vor dem 1. Mai und auch hier wird groß gefeiert, aber davon hatten wir erst mal die Nase voll.
Nach einer kalten Nacht haben wir uns auf den Weg Richtung Westen und dem Valle de la Luna (Mondtal) gemacht, wir wollten unterwegs ein bisschen Internetkram erledigen und vor allem unsere Bilder online stellen. Das sollte sich als schwieriger herausstellen als wir dachten, denn die Strecke ging im Wesentlichen durch kleine Dörfer, die vielleicht Computer hatten, diese waren jedoch ausschließlich für Computerspiele gedacht, ins Internet konnte man damit nicht. Oder die Verbindung war dermaßen langsam, dass man problemlos, während man auf den Aufbau einer Seite wartete, einen Pullover stricken könnte. Na wenigstens konnte ich meine Bilder brennen, denn meine Speicherkarten waren voll und ich wusste, dass es die nächste Zeit viel zu knipsen geben würde. Die folgende Nacht verbrachten wir an einer Tankstelle, die zwar Nachts geschlossen wurde, aber sie lag so einsam, da hätte sich eh niemand hinverirrt. Und die netten Tankstellenbesitzer boten uns noch an, in der Einfahrt der Waschstrasse zu nächtigen. Aber das war dann auch nicht nötig, die Nacht war zwar mit -2º Außentemperatur kalt, aber ruhig.
Der nächste Tag verlief nicht viel anders, aber auf der Suche nach einem Internetladen fuhren wir durch süße kleine Dörfer wo die Uhr nur halb so schnell tickt, natürlich in allen Örtchen eine schnuckelische Kirche am zentralen Plaza. Die Strecke verlief durch (wie so oft!) traumhafte Landschaft, überall standen Palmen zwischen den Bäumen, auf den Strommasten befanden sich immer wieder große Papageiennester (hier jedoch eher eine Plage), im Hintergrund waren die Berge zu sehen und ab und an standen kleine Häuschen dazwischen. Und der orangerote Sonnenuntergang über den Kakteenfeldern machte das ganze noch perfekt.
Zur Übernachtung fanden wir uns in Chamical an einer Tankstelle ein, deren Shop zwar wegen illegalem nächtlichem Alkoholverkauf vorübergehend geschlossen war, aber der freundliche Tankwart bot uns an, sofort die Duschen für uns zu heizen. Ich musste zwar in der Herrentoilette duschen (also nicht in der Schüssel, die haben auch ab und an Duschkabinen), aber dafür konnten wir dann frisch und lecker in die Koje hüpfen.

An der Grenze zur Provinz Rioja bekamen wir deutlich zu spüren, dass wir in eine der ärmsten Provinzen Argentiniens kamen. Bisher hatten wir keinerlei Probleme mit der Polizei, wir mussten auch nie Strafe bezahlen für unsinnige Dinge, wovon uns viele andere Reisende berichteten. Die Polizisten waren äußerst freundlich, waren uns bei der Weg- oder Schlafplatzsuche behilflich und fragten im Anschluss schon fast schüchtern nach einer „colaboration“. Entweder dafür, dass sie uns einen Regionsplan gaben (gibt’s auch für umme an der Touri-Info) oder dass sie z.B. Strassen von toten Tieren usw. befreien. Einfallsreich sind sie ja. Aber leider verflüchtigt sich in solchen Momenten vollends unser spanisch und wir fahren freundlich winkend und uns bedankend weiter.
Nicht so einfach ist es für uns, wenn verkommene Straßenkinder oder arme alte Menschen um ein paar Pesos betteln, da lassen wir unser Herz doch lieber mal erweichen, auch wenn wir wissen, dass es sich nur um eine sehr kurzfristige Hilfe handelt.

Nachdem wir endlich unseren Interkram erledigt hatten, wollten wir uns in dem nahegelegenen Dorf Polco einmieten. Auf den ersten Blick waren wir sehr verwundert, denn der Ort bestand aus drei Luxusvillen und der Rest war runtergekommen, sogar die Polizei hatte nur ein Mofa. Laut Plan gab es auch einen Campingplatz, aber den konnten wir nicht wirklich finden. Auch nachdem wir danach gefragt hatten und uns versichert wurde, dass er offen sei, konnten wir zwar etwas entdecken, was mal ein Campingplatz oder ähnliches war, aber der hatte seine besten Zeiten wohl lange hinter sich. Ist eh so in Argentinien, da wird etwas gebaut und offensichtlich nie mehr etwas daran gemacht. Und nach ein paar Jahren sieht die ganze Sache dann total fertig aus, aber das stört auch keinen, ist halt normal.
Na ja, und ein Restaurant oder so etwas konnten wir auch nicht entdecken, nur ein paar Ziegen auf der Strasse, und so entschlossen wir uns dieses Kaff hinter uns zu lassen. Gerade wollten wir wieder zurück Richtung Chamical fahren, läuft uns ein großer weißer Hund mit eingezogenem Kopf über den Weg. Hunde, die frei herumlaufen gehören hier ja zum täglichen Bild, aber dieser war mehr als abgemagert. Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten und seine Rippen waren deutlich sichtbar. Also öffneten wir eine Packung Nudeln, gaben ihm ein paar und nachdem er wild sabbernd anfing sie in sich reinzuschlingen ohne noch etwas um sich herum wahrzunehmen opferten wir ihm die ganze Tüte. Da es hier nicht besonders viele Leute gab und auch keinen Imbiss oder so etwas, fällt entsprechend auch nicht viel für die Hunde ab.

Wir sind dann weiter Richtung Valle gefahren und unterwegs standen vier Männer ratlos vor ihrem Auto. Sie hatte einen Platten und unter solchen Umständen hilft man doch gerne. Also haben wir einen von ihnen mit in den nächsten Ort genommen, jedoch haben wir kein großes Glück bei Trampern und den wohl ungesprächigsten aller Argentinier dabei gehabt. Zum Glück war es nicht so weit und das peinliche Schweigen, bzw. der verzweifelte Versuch ein Gespräch zu beginnen hatte ein Ende.
Patquia besteht eigentlich nur aus einer Tankstelle, einem Busbahnhof und einer Strasse. Für uns genug, um die Nacht dort zu verbringen. Erst mal setzten wir uns bei einem Bierchen vor einen kleinen Laden, bei dem man gleichzeitig Brot, Wasser, Zigaretten, Shampoo und Fleisch kaufen konnte. Dort herrschte in den Abendstunden ein reges Treiben und natürlich wurden wir zwei Blondies mit großen Augen bestaunt. Im Gegenzug bestaunten auch wir die Leute, die mit ihren windigen Mofas zu dritt angefahren kamen oder ihre durchgerosteten Pick-Ups beluden. Danach gingen wir auf der gegenüberliegenden Straßenseite an einen dieser beweglichen Imbissbudenwagen essen und ließen uns köstliche frische Burger schmecken. Mit vollem Bauch fuhren wir an die Tankstelle und nachdem uns der erste Hund ausgiebig beschnuppert hatte, konnten wir die Nacht beruhigt unter seiner Obhut dort verbringen.

Nach nur 150km Fahrt durch trockene wüstenähnliche Landschaft mit ein paar Bäumen und Sträuchern, vereinzelten Palmen und unzähligen Kakteen, unter den Reifen Strassen aus rotem Sand und um uns herum eine phantastische Bergewelt erreichten wir das Valle de la Luna. Wir waren schon sehr gespannt, aber mussten uns noch ein wenig gedulden, bis genügend andere Touristen eintrafen, damit sich die Tour lohnt. Endlich ging es los, wir bezahlten den Eintritt von 25$/Person (im letzten Jahr noch 10$) und machten uns auf den Weg. Doch anfangs waren wir schon etwas enttäuscht, die Gegend war relativ langweilig, nix was wir nicht schon mal gesehen hätten, der Führer war zwar gut zu verstehen, was die Sache unwesentlich interessanter machte. Noch dazu fuhren wir in einer geführten Gruppe im Konvoi mit 8 Autos und zwei Mopeds. Das ist ja gar nix für uns, aussteigen, wo alle aussteigen, Bilder machen, wo es alle tun und immer schön in einer Reihe fahren. Wir setzten uns bald an letzte Stelle, so verpassten wir zwar die ersten Erklärungen unseres Guides, aber wir waren relativ „frei“ und genossen die immer abstrakteren und verschiedenartigen Felsformationen und –farben.
An einer Stelle stand ein großer Kaktus mitten auf dem Parkplatz und Mathias’ Traum war es schon immer mal, ein Foto zu machen, auf dem er gegen einen Kaktus gefahren ist. Was man halt so für Träume hat! Also warteten wir ewig bis alle in ihren Autos saßen und endlich außer sichtweite waren. Mathias fuhr ganz leicht gegen den Stachelbaum und wir veranstalteten eine kleine Fotosession aus allen Winkeln. Doch bevor wir den Anschluss verpassen und uns am Ende noch verfahren, wollten wir schnell wieder unserer Gruppe hinterher. Doch blöderweise ging es zum Kaktus hin leicht bergab und wir hatten einen losen Schotteruntergrund. Ja, und bei jedem Versuch, den Wagen wieder nach hinten zu bewegen, rutschten wir weiter an den Kaktus. Uff, jetzt begannen wir schon leicht zu schwitzen und ich stieg schnell aus, um von vorne zu schieben, was relativ aussichtslos schien. Gedanken rasen durch den Kopf, „wann werden sie uns vermissen?“, „was denken die anderen, wenn sie uns am Kaktus stehen sehen?“. War ja genügend Platz um außen herum zu fahren! Doch ein kräftiger Schub reichte, und unser Pauli war befreit und wir fuhren so schnell es die Wege erlaubten hinterher und taten so, als wäre alles normal. Na ja, da wäre ein Traum beinahe wahr geworden.
Nachdem die Tour beendet und meine Speicherkarte fast voll fotografiert war, überlegten wir uns, auf dem Parkplatz des Geländes zu übernachten und die zwei fränkischen Mopedfahrer Diana und Carsten hatten die selbe Idee. Es gab nichts in der näheren und weiteren Umgebung, wo man sonst hätte übernachten können, und nach einer heißen Dusche richteten wir unser Nachtlager ein. Glücklicherweise gab es ein Restaurant, in dem wir uns mit ein paar Bierchen eindeckten und so plauderten wir den ganzen Abend, wir packten jeweils unsere restlichen Vorräte aus und wir kamen in den Genuss von Roggenbrot. Mmmhhh! Ich vermisse ja nicht viel hier und ich esse wirklich gerne Weißbrot, aber so eine Stufe dunkler, das gibt’s hier eigentlich nie.
Lustigerweise waren die beiden zur selben Zeit im Torres Nationalpark wie wir und sie kannten auch unseren trinkfesten Pfälzer. Von ihnen erfuhren wir, dass es damals sein Bauchbeutelchen nicht verloren hatte, sondern an seinem Fahrradlenker vergessen. Auch Kyle, den amerikanischen Mopedfahrer mit seiner defekten BMW hatten sie kennen gelernt. Tja, die Welt ist klein, und als „rum-reiser“ in Südamerika manchmal noch kleiner.

So trennten sich unsere Wege wieder und wir fuhren am nächsten Tag in die Richtung aus der sie kamen. Die Pilgerstätte „Difunta Correa“ sollte unser nächstes Ziel sein. Die Strasse dorthin war relativ gut, doch manchmal fühlten wir uns wie auf einer Achterbahn, denn die Senken für eventuelle Regenfälle waren tief. Ansonsten war die Gegend einsam, nur ab und an sah man vereinzelt kleine Lehmhütten am Straßenrand. Wir fuhren parallel zur Sierra, die mich mit ihrer faltigen Oberfläche sehr an Venezuela erinnerte. Ansonsten war alles platt, und wie aus dem Nichts ragten diese Knitterberge bis auf eine Höhe von 2.500m auf. Gewaltig. Wir legten während der Fahrt eine kleine Putzaktion ein, denn wir haben ja sonst „keine Zeit“! Aber wat mut, dat mut und als wir bei der Abzweigung zur Difunta ankamen, wurde unser Auto auch noch von unten desinfiziert. Kostet knapp nen Euro und dafür muss man dann durch ein Becken fahren und wird von unten angesprüht. Obs viel hilft bezweifle ich ja, aber so hat hier jede Provinz ihre Eigenart und nen kleinen Nebenverdienst.

Die „Difunta Correa“ war eine Frau, die mit ihrem Säugling ihrem Mann in den Krieg (ich weiß nicht mehr genau welcher) gefolgt ist. Doch sie ist unterwegs verdurstet und als man sie gefunden hat, war das Kind noch am Leben. Es hatte sich an der Brust der Mutter ernähren können und so überlebt. Seitdem wird sie wie eine Heilige verehrt, zum einen als treue Ehefrau, zum anderen als aufopfernde Mutter. Und somit verehren sie alle die unterwegs sind und eigentlich jeder, der Schutz vor oder für irgendetwas braucht. Ihr werden auch an vielen Stellen an den Strassen kleine Altare gebaut, an denen man neben ihrer Figur, Autoteile oder Wasserflaschen finden kann.
Wir konnten zuerst gar nicht erkennen, wo es genau zur Difunta ging, denn in die Strasse war auf der einen Seite gesäumt von Restaurants, auf der anderen mit Souvenirshops. Aber dann sahen wir den Hügel, der mit kleinen Nachbauten von Häusern und Hütten gepflastert war und die Überdachung bestand aus Nummernschildern, Radkappen oder anderen Autoteilen. An jeder freien Stelle waren Dankesplaketten und Fotos befestigt und Kerzen für die Verehrte angezündet. Es fanden sich sogar Leute, die auf Knien die Stufen heraufrobbten.

Wir waren mäßig begeistert, denn der Hügel erinnerte eher an eine Müllhalde als an einen Wallfahrtsort. Und als wir etwas ratlos dastanden, wurden wir von einem älteren deutschen Ehepaar angesprochen, die auch mit der Grimaldi verschifften. Wie eigentlich jeder hier, der mit eigenem Auto unterwegs ist. Auch die beiden, wie eigentlich jeder, der mit Grimaldi kommt, hatten ihre Negativerfahrungen gemacht (ich glaube wir sind die einzigen, die eine relativ erträgliche Crew hatten, gute andere Mitreisende und denen nichts zerstört und auch nichts gestohlen wurde). Kurzerhand luden uns Jörg-Erich und Gisela auf einen Kaffee in ihr Wohnmobil ein. Tja, und so verging der Nachmittag bei guten Gesprächen und deutschem Filterkaffee rasend schnell und nachdem es schon dämmerte beschlossen wir gemeinsam auf dem Parkplatz zu nächtigen. Am Abend gingen wir noch zusammen Essen, ich glaube, das schlechteste, was ich je in Argentinien gegessen habe! Und danach noch auf ein Gute-Nacht-Bier ins warme WoMo. Am nächsten Morgen weckte uns Jörg-Erich mit der Aussicht auf frischen Kaffee, den sie sogar extra für uns kochten und original Pumpernickel. Danach gingen wir noch mal zur Difunta, denn wir wollten dort schon alles sehen, wenn wir schon mal da waren. An der liegenden Difunta, mit dem säugenden Kind an der Brust lehnte gerade ein Junge, der extra mit seinem Fahrrad angereist war und betete innig zu ihr. Schon erstaunlich, welch intensiven Glauben die Leute hier noch haben, oder, dass er bei uns so abhanden gekommen ist.
Der Wallfahrtsort bestand neben dem Hügel noch aus zahlreichen kleinen Kapellen, in denen die Gläubigen ihre Dankesgegenstände ablieferten. Die Kapellen waren nach Richtungen sortiert, mal voll mit Hochzeitskleidern oder Uniformen, in anderen Nachbauten der eigenen LKWs oder Autos, oder sämtliche Sporttrophäen und anbei immer Dankesbriefe und Photos. Wir waren angetan von der Kapelle mit den Autos, nahmen ein Bild von unserem Pauli und hefteten es an die Wand, in der Hoffnung, dass sie weiterhin gut auf ihn aufpasst. Kann ja nicht schaden.

Als wir uns endlich von der Stätte und unserer Reisebekanntschaft loseisen konnten, brachen wir in Richtung San Juán auf. Die Gegend ist eher trocken, doch finden sich überall Weinanbaugebiete und die Flaschen werden am Straßenrand angeboten. In San Juán haben wir unsere Wäsche abgegeben und uns nach dem Campingplatz erkundigt. Sonst konnten wir nicht besonders viel machen, denn hier wird die Siesta mehr als ernst genommen und strikt eingehalten. In den Mittagsstunden ist die sonst quirlige Stadt wie ausgestorben. Auf dem Campingplatz wurden die Duschen für uns angeschmissen, doch leider gab es für Mathias nur eine mögliche Dusche (dank des Damenfußballspiels hatte ich drei zur Auswahl). Leider fehlte bei ihm wie so oft der Duschkopf und aufgrund des niedrigen Wasserdrucks lief das Wasser direkt an der Wand runter, was Mathias einiges an akrobatischem Geschick abverlangte, um sich das Shampoo vom Körper zu waschen.
Als wir am nächsten Tag in die Stadt fuhren, knallte Mathias beim Rückwärtsfahren voll an einen niedrigen Pfosten, was unsere Stossstange leicht verformte. Danke Difunta, dein Glück hat ja einen ganzen Tag angehalten. Vielleicht wollte sie uns auch nur vor schlimmerem bewahren und darauf aufmerksam machen, dass ich in Zukunft aussteigen und ihn einweisen soll. Man kann ja immer alles positiv sehen. :-)
Also haben wir schnell unsere Wäsche abgeholt und nix wie raus aus der Stadt und ab über den Paso Aqua Negra nach Chile. Doch das stellte sich wieder mal als kleine Irrfahrt heraus, auf der Hauptstrasse kannst du fast nie links abbiegen, die Richtungen der Einbahnstrassen sind nach Willkür vergeben und wenn man fast draußen ist, gibt es eine Sperrung oder Umleitung. Grrr!
Wir deckten uns noch mit vielen Zigaretten ein, füllten den Tank randvoll und prüften noch mal den Luftdruck. Das ist hier auch immer ein kleines Abenteuer, denn wenn man an einer Tankstelle ist, hat man noch lange nicht die Garantie ein funktionstüchtiges Teil zu finden. Und wenn, kann man vielleicht Luft füllen, aber es gibt häufig keine Anzeige. Und gibt es eine, hat sie für gewöhnlich keine Anzeige in bar, aber die Umrechnung kennen wir mittlerweile ja. Und um dann den Reifen mit der nötigen Luft zu versorgen bedarf erst einiger Kreativität, bis man herausgefunden hat, welcher Schlauch, wie für was zu gebrauchen ist. Aber wir sind ja lernfähig und zwischenzeitlich kennen wir wohl sämtliche Varianten mit entsprechender Bedienung.
Danach fuhren wir zu den Thermen Talacasta. Die sollten zwar nicht so dolle sein, aber es war schon spät, es lag auf dem Weg und wir sahen die Chance auf eine morgendliche Dusche. Wir kamen dort im Dunkeln an und fuhren über den Parkplatz. Besonders einladend sah das hier ja nicht gerade aus, aber wo sollten wir jetzt noch hin? Als wir schon überlegten, wegzufahren, kam ein junger Mann mit Kerze aus dem „Kiosk“. Wir fragten ihn nach den Öffnungszeiten der Thermen und wo sie wären. Aber er zuckte nur verständnislos mit den Achseln und führte uns zu den Baños. Viel konnte ich bei Kerzenschein nicht erkennen, aber irgendwo plätscherte Wasser vor sich hin und vor mir lag ein Becken in der Dunkelheit. Mathias meinte, das wären die Toiletten und wir wollten uns das genauer bei Tag ansehen. Der junge Mann lud uns zu einem Mate ein, und da er auch Brot hatte, arrangierten wir gemeinsam ein spontanes Abendessen. Es stellte sich heraus, das er die ganze Woche dort alleine ist, ohne Strom!, und nie wirklich Leute dorthin kommen. Verständlich, dass es sich über ein bisschen Gesellschaft freute und auch über den Wein und vor allem über unsere Musik! So verbrachten wir gemeinsam einen lustigen Abend und am nächsten Morgen stellte sich heraus, dass die Thermen aus wirklich einem einzigen ummauerten Becken mit lauwarmem Wasser bestehen, aber wir dort gerne baden könnten. So waren wir wenigstens frisch und der Berg konnte kommen.

Nach etwa 5 km Fahrt hörten wir ein komisches Geräusch aus dem Motorraum. Geschockt hielten wir sofort an, öffneten die Motorhaube (ist bei uns der Sitz) und untersuchten alles genau. Aber wenn man halt nix davon versteht, kann man solange untersuchen wie man will, also stoppten wir das nächste Auto. Die Männer verstanden ein bisschen mehr von der Materie, stellten die eine oder andere Vermutung an und rieten uns auf jeden Fall die 70 km zurück nach San Juán und auf keinen Fall über den Pass zu fahren. Super, da freuen wir uns ewig, und dann so was! Aber bevor wir ein ernsthaftes Problem riskierten fuhren wir lieber zurück.
In der ersten Werkstatt wurden wieder nur wage Vermutungen angestellt, aber dort begleiteten sie uns in eine größere Werkstatt, deren Mechaniker hauptsächlich für die riesen Bergbaumaschinen und die Geländewagen dorthin zuständig waren. Dort konnten sie jedoch auch noch nicht sicher sagen, worum es sich handle, wahrscheinlich die Wasserpumpe, deren Besorgung und Reparatur bis zum nächsten Tag dauern würde, wollten aber die Sache sofort in Angriff nehmen. Ein etwas schleimiger junger Schlipsträger kümmerte sich persönlich um uns, versprach uns eine flotte Reparatur und war irgendwie schon ein bisschen zu freundlich. Aber wenigstens konnte er aufgrund seines Amerika-Studiums und seiner Europa-Aufenthalte gut englisch, und wir hatten ja keine große Wahl. Er empfahl uns ein bisschen durch die Stadt zu bummeln (uffreschend zur Siestazeit) und bot sogar an, uns ins Zentrum zu fahren. Aber wir hatten ja Zeit und so gingen wir die paar Blocks zu Fuß, verbrachten die sich wie Kaugummi hinziehenden Stunden ein bisschen im Internet. Zum Vereinbarten Termin kamen wir zurück, die Herren war fleißig am werkeln und eröffneten uns die frohe Botschaft, dass es sich nur um eine kleinere und billigere Sache handle, irgendeine Zahnriemenspannung, soweit ich das auf englisch-spanisch verstehen konnte, die Reparatur in vollem Gange war und wir noch am selben Abend unsere Pauli abholen könnten. Bei der Gelegenheit wollten sie auch noch unseren Zahnriemen wechseln, denn er hätte es langsam nötig und wenn der reißt, ist der Motor am Arsch und länger dauern tut’s auch nicht wirklich. Da war unsere Laune sofort wieder gestiegen, schließlich hatten wir uns schon um einen Schlafplatz Gedanken gemacht. Der immer netter werdende Typ versorgte uns noch mit einer Tüte voll Touri-Prospekten, bot uns noch ein paar Fahrräder zur Stadterkundung an und wir gingen frohgemut in die Stadt. Jetzt konnten wir das Treiben auf der Plaza genießen, die Strassen waren mittlerweile vollgestopft, Clowns, Straßenkünstler, die wuselnden Massen und kleine Stände bestimmten das Bild und aßen noch etwas bis wir endlich unser Auto abholen konnten. Wieder in der Werkstatt, war der Wagen fast fertig, leider konnten sie keinen passenden Zahnriemen auftreiben, aber den würden wir sicherlich in Chile bekommen. Die Rechnung hielt sich dann auch im Rahmen und nach einem gemütlichen Plausch mit Gaston (gar nicht mehr schleimig), Mail-Austausch und ner Einladung zum Bier für den Abend (lehnten wir dankend ab, war genug Aufregung für den Tag) verabschiedeten wir uns. Wieder kam uns die Difunta in den Sinn, aber auch hier kamen wir zu der positiven Erkenntnis, dass sie uns nur darauf hinweisen wollte, bald unseren Zahnriemen zu wechseln. Also bringt sie doch Glück, obwohl wir von Gaston aufgeklärt wurden, dass man eigentlich bei ihr um etwas bittet, und wenn das in Erfüllung gehen sollte, dann bringt man sein persönliches Opfer. Wir haben uns noch nicht für ein Opfer entschieden, aber sollten wir dort noch mal vorbeikommen, überlegen wir uns noch was.

Wir fuhren wieder auf den uns bekannten Campingplatz, der an diesem Tag ziemlich verlassen war. Wir dachten schon, er wäre geschlossen, aber dann öffnete uns doch jemand, aber bei der Frage nach einer Dusche, geriet der Mann ins Stocken. Die Gaslieferung käme erst in ein paar Tagen, und somit konnte er uns die Duschen nicht heizen. Aber im selben Atemzug bot er uns an, seine private Dusche in Anspruch zu nehmen. Der Wahnsinn, hier gibt es nichts, was einem nicht angeboten wird! Wir kochten uns noch was, ließen den Tag und die neuerworbenen Vokabeln (correa distibution = Zahnriemen, radiator = Kühler, rudio = Geräusch,…) durch den Kopf gehen und legten uns früh ab, denn am nächsten Tag wollten wir ja endlich über den Pass.
Den Tag begannen wir gutgelaunt mit einem Kaffee und einer holzgeheizten Dusche, machten dem Verwalter im Gegenzug noch Wasser für seinen Mate heiß, er hatte ja kein Gas, und brachen auf. Bei unserem zweiten Versuch passierten wir wieder die Thermen, die Pannenstelle, tolle Bergwelten und gelangten am Paso „Los Colorado“ zu unserem neuen Höhenrekord von 2624m. Dort oben hatte es zwar nur noch 13°, aber die wärmende Sonne und der tolle Blick auf die schneebedeckten Berge ließen uns im T-Shirt rumhüpfen.
Bei dem am Rio Jachal gelegenen Örtchen Rodeo machten wir Mittagspause am Stausee. An diesem Stausee soll ungewöhnlich viel Wind herrschen, sodass dort schon zweimal Surfweltmeisterschaften statt fanden. Vom Wind merkten wir jedoch nicht viel, so bauten wir unser Esszimmer auf, erledigten ein paar „Bürosachen“ und legten eine kleine Siesta ein. Nachdem wir wieder aus unserem Bußchen krochen, wussten wir, was es mit dem Wind hier auf sich hat. Richtige Wellen bildeten sich in dem zuvor spiegelglatten Wasser. Rodeo ist der letzte Ort vor dem Pass und wir wollten die Nacht noch hier verbringen. So schlenderten wir durch die lange und eigentlich einzige Strasse, die von Bäumen im herbstlichen Kleid gesäumt war, auf der Suche nach einem Restaurant. Doch wie so oft waren wir zu früh dran, hier wird ja erst gegen 22.00 das cena zu sich genommen. Endlich fanden wir eine kleine Bar, in der es wenigstens schon mal ein Bierchen gab, das Vertreibt die Wartezeit ja recht gut. Erschreckend für uns, das dort Rauchverbot herrscht, ein neues Gesetz in dieser Provinz, das aber zum Glück nicht besonders eingehalten wird. Nach ein paar leckeren Burgern sind wir „nach Hause“ gegangen und haben uns einen Schlafplatz gesucht. Aber im Ort direkt haben wir nichts geeignetes gefunden, und so haben wir etwas außerhalb, an einer momentan geschlossenen Touri-Info geparkt und die kalte Nacht verbracht.

Jetzt aber, endlich ging’s los, ab übern Berg. Wir waren ja eigentlich gar nicht mehr sicher, ob wir den als so toll beschriebenen Paso „Aqua Negra“ überqueren könnten, denn schon in der Werkstatt und auch in der Touri-Info von Rodeo, meinte man, der Pass wäre wegen schlechten Wetters und Schneefalls geschlossen. Aber das hielt uns nicht wirklich ab, wir wollten es selbst erfahren, die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Tja, und ein par Kilometer weiter, am argentinischen Grenzhäuschen, teilte uns der nette Zöllner mit: „Es tut mir leid, aber der Pass ist geschlossen!“ Hat uns auch leid getan, bringt uns aber nicht weiter und schon gar nicht nach Chile und über unseren ersten richtigen Andenpass. Aber hilft ja alles nichts, suchen wir uns halt einen anderen, weiter im Norden. Dafür haben wir uns dann noch bei einem Bauern mit Ziegenkäse eingedeckt (1,2 kg für 3,50€, kleiner gab’s nix), den wir unter anderen Umständen ja nicht hätten mitnehmen dürfen. Dazu noch ein paar Tomaten und etwas pan casado (hausgebackenes Brot), das ganze am Stausee bei traumhaftem Wetter und die schneebedeckten Berge im Hintergrund, war eine ganz gute Entschädigung.
Danach ging die Fahrt weiter durch steile und schroffe Berge, tief unter im Tal ein leicht bewachsenes Flussbett, indem sich das türkise Rinnsal schlängelt, und oben einfach nix. Kein Busch, kein Halm und demnach auch keine Tiere. Später änderte sich die Landschaft wieder komplett, wir fuhren auf abenteuerlichen Wegen, vorbei an Staudämmen, die Berge leuchten in sämtlichen Rot-, Grün- und Sandtönen und die verschiedenen Schichten lassen auf eine bewegte erdgeschichtliche Vergangenheit schließen. Die Strecke führte uns durch eine wirklich abwechslungsreiche und lohnenswerte Landschaft der Huaco von San José de Jachal, immer umgeben von den bis zu 6300m in den Himmel ragenden Gipfeln und mit Ausblicken über die Schlucht, die einem dem Atem verschlagen. Die weitere Strecke von Villa Union nach Chilecito übertraf all unsere Erwartungen, die Landschaft wurde noch unglaublicher, teilweise waren die Felsen und Strassen knallrot, dazwischen unzählige Kadelaberkakteen, die Berge fantastisch in unzähligen Farben und dazwischen kleine Lehmhäuser. Einfach traumhaft, fantastisch, der Wahnsinn. So hat halt alles Schlechte sein Gutes. Hätten wir den Pass nehmen können, wäre uns eine der tollsten Strecken entgangen. :-)
Die Schlafplatzsuche erwies sich dagegen erst mal als nicht so traumhaft, die wenigen Orte erschienen uns nicht so geeignet, und letztendlich landeten wir auf einer abgelegenen Strasse, auf der wir uns einfach irgendwo abstellten. Außer ein paar Büschen und die einzige Lichtquelle war der fast volle Mond und wir kamen uns vor, wie alleine auf der Erde. Die kalte Nacht verlief ereignislos, auf diese Seitenstrasse verirrt sich auch eigentlich niemand und die ganzen 14 Stunden, die wir dort insgesamt verbrachten, kam keine einziges Auto. Bei Helligkeit erinnerte uns die Landschaft irgendwie an Afrika und wir genossen die Weiterfahrt über die gute Sandpiste. Wir kamen durch kleine Orte, die abwechselnd aus alten Kolonialhäusern und den typischen Lehmhäusern bestehen und hier gibt es kurioserweise trotz des trockenen Bodens Weinreben. In Tinogasta, einer kleinen Stadt, tankten wir erst mal wieder voll und mussten feststellen, dass es hier oben im Norden unser Öl nicht gibt (war aber noch nicht dringend, trotz unseres Verbrauchs von 1 Liter pro 1000km). Bei der Polizei erkundigten wir uns, ob der Paso „San Francisco“ denn frei sei, doch man erklärte uns, er sei momentan geschlossen und erst wieder in etwa 2 Wochen passierbar. Na ja, egal, schaun mer mal, wie´s weitergeht. Wir hatte ja schon mehrmals von den schönen Thermen von „Fiambalá“ gehört, vertreiben wir uns halt dort erst mal die Zeit, und überlegen was wir machen. Vom Ort aus ging es noch eine Serpentinenstrasse hoch, da die Thermen auf etwa 1700m liegen. Die Strecke führte uns mitten durch die Wüste, und der Ort selbst gleicht einer grünen Oase, inmitten der öden und sandigen, aber keinesfalls langweiligen Gegend. Die steile Serpentine kreuzte mehrmals den grünen und schilfbewachsenen Wasserlauf, und oben angekommen bestaunten wir die schöne Anlage. Die zwischen Bäumen liegenden Becken sind in Stufen angelegt und werden von einer über 80° heißen Quelle gespeist. Das Wasser fließt, manchmal angelegt als Wasserfall, von dem heißesten Becken mit 50° ins jeweils untere, wodurch in jedem Becken eine andere Temperatur herrscht. Leider gab es dort keine Duschen, aber im untersten Becken konnte man sich bequem baden, war zwar eigentlich nicht erwünscht, aber wir hatten ja keine Wahl und in diesem 28° heißen Becken war es den Leuten eh zu kalt.
Es ließ sich dort gut aushalten, wenn es auch schon früh kalt wurde, sobald nämlich die Sonne hinter den Felsen verschwand. Dort haben wir auch ein anders deutsches Paar kennen gelernt, die sich allerdings am nächsten Morgen verabschiedeten. Dafür wurden wir von Gisela und Jörg-Erich überrascht (unsere Difunta-Bekanntschaft), die sich mit ihrem Wohnmobil den Hang hochquälten. Mit ihnen haben wir dann wieder mal viele Stunden verquatscht und abends gemeinsam in ihrem WoMo gekocht. Zu einer richtigen Planung für unsere Weiterreise sind wir nicht gekommen, aber mit den beiden vergeht die Zeit einfach wie im Fluge, bei dem ein oder anderen Bier und guten Gesprächen.
Am nächsten Morgen kamen Hartmut und Tessy, die am Vortag abreisten, wieder an und verkündeten die frohe Botschaft, dass der Paso de San Francisco seit dem heutigen Tage wieder geöffnet sei. Da hat sich für uns ja nicht mehr die Frage gestellt, was wir als nächstes machen, also nix wie hoch zum Pass. So haben wir uns in Fiambalá mit Lebensmitteln und Benzin eingedeckt und uns auf den Weg gemacht.
Und wieder wurden wir mit phantastischen Ausblicken belohnt. Zuerst ging die Fahrt durch eine graue schroffe Felsgegend und im Tal konnte man einen kleinen schilfbewachsenen Flusslauf bewundern. Die Farben änderten sich wieder und wechselten zu jeglichen Ocker- und Rottönen, einfach atemberaubend. Der Straßenbelag war überraschend gut und wir konnten mit konstanten 100 km/h fahren. Die auf der Straßenkarte eingezeichneten Orte existierten nicht, oder es waren nur noch Überreste aus lang vergangener Zeit zu sehen. Um uns herum sah man Büsche und Gestrüpp, manchmal mit Guanako- oder Eselfamilien dazwischen, und je höher wir kamen, desto weniger Vegetation fanden wir vor. Einzig am Straßenrand wuchsen hohe Gräser, der Boden war bedeckt von goldgelbem Bodenbewuchs. Die Feuerzeuge funktionierten schlecht, aber wenn das die einzigen Höhenerscheinungen sind, soll’s mir recht sein.
Den auf dem GPS ablesbaren Höhenanstieg konnte man kaum bemerken. Endlich hatten wir, nach vielen Staun- und Fotopausen, die argentinische Grenzstation auf 4000 Höhenmetern erreicht. Die Zöllner waren richtig lustig und nett, dort oben konnte man sogar noch mal nachtanken und sie waren sehr bemüht, dass wir vor Anbruch der Dunkelheit die etwa 100 km entfernte chilenische Station erreichten. Doch zuerst mussten wir noch einen kleinen Plausch mit dem Ösi und den zwei australischen Radlern halten, die sehr erstaunt waren, was wir schon alles über sie wussten. Aber so etwas spricht sich halt recht schnell herum, und Traveller kennen eben Traveller.
Jetzt ging es stark bergauf, in der Minute konnten wir 100 Höhenmeter messen und wir erreichten den ersten Schnee. Die Strecke war kurvig und steil und wir genossen es, zum ersten Mal die Füße in den Schnee zu stapfen. Und das alles bei strahlend blauem Himmel. Öfter mal fuhren wir durch Schneeverwehungen, die erklären, warum die Strecke die letzten Tage geschlossen war und wir unsere Spuren als erste in die Schneeflächen ziehen durften. Endlich erreichten wir die Passhöhe, ganze 4772m hoch, aber wir ließen vorsichtshalber mal den Motor laufen, um eventuellen Startproblemen zu entgehen. Mensch und Auto vertrugen jedoch die Höhe ohne Probleme und außer ein wenig Kurzatmigkeit, merkten wir keine Veränderungen. Sogar die Kippe schmeckte noch, wenn sie auch etwas langsam und lustlos vor sich hinglimmte. Auf der chilenischen Seite mussten wir zwar auf Schotterstraßen weiterfahren, aber auch die waren erstaunlich gut und kurz nach dem Pass erreichten wir auf 4300m Höhe die mitten im Schnee gelegene salzumkrustete Laguna Verde, die von heißem und dampfendem Wasser gespeist wird. Dort konnte man sich ein Bad gönnen, worauf wir aufgrund der Kälte und knappen Zeit verzichteten. Aber wie wir erfuhren, dass dort in der vorigen Nacht ein Deutscher Radfahrer übernachtete, was schon fast an Selbstmord grenzt, denn dort werden nächtliche Temperaturen von –20° gemessen.

Wir waren umgeben von Sechstausendern, erloschene Vulkane, einer phantastischen Bergwelt und wir genossen die Fahrt zur chilenischen Grenze. Doch vorher versteckten wir noch unsere Leckerein vor den Zöllnern, da hier die Kontrolle sehr genau durchgeführt wird. Die Zöllner waren eh nicht bester Laune, da sie eigentlich schon Feierabend hatten, und wegen uns zwei Blondies noch mal in die Kälte mussten. Und während sich Mathias mit einer jungen Schweizerin unterhielt – sie ist alleine für vier Monate mit dem Rad in Südamerika unterwegs – die in der Grenzstation übernachtete, musste ich mich mit dem Kontrolleur rumschlagen. Der untersuchte wirklich alles peinlich genau, fragte ständig, ob ich nicht doch noch irgendwo was Essbares hätte. Und ich hab extra noch eine Zwiebel und eine Orange übriggelassen, zur besseren Glaubwürdigkeit. Während ich mich dann mit der vertrockneten Orange rumgeschlagen hatte, ich durfte sie nämlich wenigstens noch essen, oder sie wandert direkt in den Müll, wurde die Sache langsam heiß. Wir hatten die Lebensmittel im „Kleiderschrank“ hinterm Kofferraumdeckel versteckt, und er beäugte unsere Kanister. Doch da sie voll waren (ist eigentlich auch nicht erlaubt), erklärte ich ihm, dass sie zu schwer seien, um den Deckel zu öffnen.
Endlich gab er sich zufrieden und die Männer boten uns noch an, auch in der Station zu bleiben. Das Angebt nahmen wir danken an, zogen es aber wie immer vor, draußen im Auto zu nächtigen. Wir plauderten noch ein bisschen mit Irene und ich weiß nicht, ob ich sie aufgrund ihres Trips für phantastisch oder verrückt halten soll. Danach verzogen wir uns dann ins Auto um heimlich von unserer Verpflegung zu naschen und uns ins Bett zu mummeln. Und das war nötig, denn diese Nacht war richtig kalt. Wir konnten eine Außentemperatur von –8° verzeichnen und drinnen war’s wenig wärmer. Aber wir haben uns gut eingepackt und so konnte uns weder Kälte noch Höhe (3800m) etwas anhaben. Wir verabschiedeten Irene noch mit einer „la Ola“ und schickten sie auf den schwierigen Weg. Für uns war er leichter, weil bergab und mit neuen landschaftlichen Erfahrungen.
Unterwegs, nachdem wir die öde mit Bergwerken und Minen gespickte Gegend hinter uns lassen konnten, fanden wir ein schönes Fleckchen, endlich wieder grün und mit einer grasenden Herde Eseln. Dort richteten wir uns häuslich ein, genossen das Essen und das Wetter und legten noch eine kleine Siesta ein. Gut gestärkt und ausgeruht ging die Reise weiter, doch die Landschaft wurde nicht wirklich freundlicher. Außer mal einem grünen Tal, in dem ein schwefelhaltiger Flusslauf lag, war es ansonsten alles ziemlich braun, viel Geröll und eine schroffe und lebensunfreundliche Gegend, die aber auf ihre Art trotzdem beeindruckend war.
In Copiapó, zwischen Weinbergen und Wüste gelegen und direkt an der Panamericana, fanden wir einen großen Super- und Baumarkt, wo wir erst mal eine kleine Shoppingtour einlegten. Danach ging’s für eine Runde in die Stadt, aber besonders beeindruckend wirkte der Ort nicht. Also sind wir wieder auf den Supermarktparkplatz, haben und das eine oder andere Fläschchen Wein gegönnt und dort übernachtet. Der nächste Morgen sah schon wieder fröhlicher aus doch nachdem wir wieder vom Parkplatz der Touri-Info wegfahren wollten, fuhr Mathias (schon wieder!) ein einen Pfosten und drückte eines unserer „Köfferchen“ ein. Armer Pauli, da wurde er ja ganz schön geschunden von uns. Konnte man aber problemlos wieder ausbeulen, ein fester Ruck genügte. Daraufhin fuhren wir zum Mitsubishi-Händler, um den Zahnriemen zu bestellen. Hat alles geklappt und am nächsten Tag konnten wir die Teile abholen. Doch für den Einbau wollten sie unverschämte 320 US$!!! Da wollten wir doch lieber bis Argentinien warten und uns nicht von irgendwelchen Chilenen abzocken lassen. Danach ging’s zum Reifenhändler und unser Pauli hat zwei neue Schlappen bekommen.
Dann ging’s zur Tankstelle, wo ich für schlappe 60 Cent eine Dusche genoss (ich glaube die beste, größte, heißeste und sauberste Dusche bisher in Südamerika). Danach sind wir Essen gegangen, mal was anderes als immer Fleisch, es gab Lachs, Spinat und Krabbensalat. Danach wieder der obligatorische Gang ins Internet und nach einem Bummel durch die vollgestopften Straßen, Stände und Gewusel haben wir uns zum Schlafen an eine Tankstelle gestellt. Durch die Zeitumstellung wurde es hier noch eine Stunde früher, also schon gegen 18.00, dunkel und bis dahin wollten wir gut unter sein.

Nach einem Kaffe am Morgen ging’s wieder ins Internet, Mathias holte unsere Riemen ab, noch schnell was zu futtern geholt und ab ging’s wieder auf die Straße. Auf dem Weg nach Puerto Viejo hielt uns ein Wagen mit drei Anglern an und sie fragten nach Werkzeug. Wir hatten das passende und einer der Männer machte in Windeseile sein Auto wieder fahrtüchtig. Den Plan hätte ich auch gerne. In Puerto Viejo, einem kleinen Urlaubsort am Meer, haben wir zum ersten Mal den Pazifik gesehen. Aber der Ort war irgendwie trostlos, die eher schäbigen Häuser waren alle leer und außer ein paar Fischern, war der Ort verlassen. Es wirkte eher wie eine Geisterstadt auf uns und so fuhren wir weiter die Küste entlang. Erstaunlich, wie trocken dort alles ist, man sieht zur linken das Meer und ansonsten weit und breit nur Wüste und ein bisschen Industrie. Es ist so trocken, da sind sogar die Kakteen vertrockneen und viele auf der Karte eingezeichneten Dörfer bestanden lediglich aus dem Ortsschild. Das war’s. Ab und zu gab es sogar verwitterte Sonnenschirme, aber auf uns wirkte es dort nicht besonders ansprechend eher runter gekommen. Wenn das die schönsten Strände Chiles sein sollen, möchte ich nicht die andern sehen. Gut, die Strände an sich waren ja schon schön, und vor allem die tollen hohen Wellen, aber die trockene und leblose Gegend und das diesige Wetter übten auf uns keine Anziehungskraft aus. Wir waren langsam auf der Suche nach einem Übernachtungsplatz und da kamen wir an einem der seltenen Campingplätze vorbei. Er war zwar nicht sehr einladend, aber der einzige in der Gegend. Und geschlossen. Aber von den in der Nähe gelegenen Fischerbooten kam ein Mann herüber gelaufen und ließ uns herein. Wenigstens gab es Duschen, es war billisch und wir hatten ja keine große Wahl. Der Wärter Eduardo leistete uns Gesellschaft, war sehr freundlich und so luden wir ihn zu Wein und Nudeln ein. Dafür konnten wir in seiner Privathütte kochen und uns aufhalten und seiner schnulzigen Latinomusik lauschen. Jedoch waren wir schon früh in der Kiste, da uns der enorme Höhenunterschied der letzten zwei Tage (von 4.700m auf 0m) noch in den Knochen steckte. Am nächsten Morgen wachte Mathias recht aufgelöst auf, ihm ist in der Nacht eingefallen, dass die abgeholten Riemen völligst anders waren, als die benötigten. Und tatsächlich, also brachen wir nach einer eiskalten Dusche hektisch auf und fuhren die 70km nach Copiapó zurück, diskutierten mit dem Händler bis wir endlich unser Geld zurück hatten, versuchten nochmals – vergeblich – unser Glück beim Hyundai-Händler (die wollten immerhin nur noch 160 US$, hatten aber die nötigen Teile nicht) und bestellten letzendlich die Teile per Mail über meine Eltern in Deutschland. In Caldera deckten wir uns mit Lebensmitteln für die nächsten Tage ein, und versuchten diese unliebsame Gegend und Leute schnell hinter uns zu lassen. Was nicht besonders einfach ist, denn man fährt hunderte von Kilometern durch die absolut vegetationsfreie Wüste und alles was man zu sehen bekommt, ist eine staubige Tankstelle. Dort wollten wir aber die Nacht lieber nicht verbringen, und so fuhren wir weiter durch die Nacht bis nach Antofagasta und kehrten bei der ersten großen Tankstelle ein. Im Truckertreff wollten wir noch ein Bierchen zu uns nehmen, gab es dort aber nicht und alle LKW-Fahrer sahen uns etwas befremdet an. Also schnell ne Cola bestellt und wieder raus, dann gehn wir halt ins Bett.

Ich will ja keinem Chilenen zu nahe treten, aber uns hat der Norden einfach nicht zugesagt. Manche Regeln sind mehr als deutsch, z.B. Geld bezahlen für jede Toilettenbenutzung, aber es gibt auch positive Aspekte. Die Radiosender sind relativ gut und sehr international und abwechslungsreich. Die Straßen sind super. Und am meisten begeisterten uns die chilenischen Großsupermärkte. Hier gibt es ausnahmslos alles was das Herz begehrt, die Wursttheken sind der Wahnsinn (vor allem die Bedienungen mit ihren Dirndln und Filzhüten) und falls man deutsche Produkte wie Kühne-Gurken oder Jacobs-Kaffee oder Schwarzbrot vermisst, ist man hier absolut richtig. Aber das macht halt ein Land nicht aus, für uns war der Süden traumhaft, die Mitte kennen wir noch nicht und der Norden eher grauslig.

Am nächsten Tag ging’s wieder durch die endlose Wüste, im Bewußtsein, dass hier einer der trockensten Flecken der Erde ist, in die Berge rauf auf 3000m. Hier oben wurde die Landschaft wieder schöner, die Farben und Felsformationen wieder interessanter und abwechslungsreicher und wir kamen uns manchmal wie auf dem Mond vor. Aus der Ferne konnte man schon den Salar de Atacama erblicken, ein traumhafter Ausblick, die weißverkrustete Erde und um uns herum die Vulkane. Bei näherer Betrachtung jedoch erwies sich die Kruste als eher grau-braun als weiß, und als wir eine Lagune passierten sahen wir seit vielen hundert Kilometern mal wieder Pflanzen. Welch begehrter Anblick! In Peine haben wir nach einem Schlafplatz gesucht. Laut chilenischem Campingführer gab es auf dem Weg zu Ruinen die Möglichkeit zu übernachten, aber nachdem wir durch den ärmlichen Ort gefahren sind, haben wir es uns anders überlegt. Am Fuße von Peine war ein Wohnheim für Minenarbeiter und dort blieben wir, kochten uns was und verbrachten dort die eisige Nacht. Sympathiasch machte den Ort allerdings das Schild am Ortseingang: „Bitte fahren sie vorsichtig, wir haben keine Kinder im Überfluss!“
Am nächsten Morgen wollten wir zu zwei Lagunen mitten in der Salzebene fahren, in welchen auch Flamingos zu sehen sind. Doch vom Bezahlhäuschen konnte man die Lagunen und die drei Flamingos sehen und das war eher enttäuschend. Ich muss gestehen, dass wir von anderen Reisenden Bilder vom Salar de Uyuni gesehen haben und fälschlicherweise gedacht haben, die Bilder kämen aus der Atacama. Und somit erklärt sich unsere Enttäuschung und dass wir uns alles etwas anders und weißer vorgestellt haben. Daraufhin sind wir durch Toconao gefahren um uns die Quebrada de Jere, eine grüne Schlucht inmitten der Wüste, anzusehen. Auch dort verlangten sie Eintritt, aber da wir dort vormittags ankamen und über Nacht bleiben wollten, lohnte es sich für uns allemal. Der Parkplatz war sogar überdacht und so genossen wir das schöne Wetter bei Nudelsalat und Colabier. Währenddessen werkelten wir ein bisschen rum, sortierten unsere Kisten neu und legten sogar eine Autowaschaktion ein. Vom Bier beschwingt ging die Arbeit auch leicht von der Hand, und Abwechslung boten die paar vorbeikommenden Touristen.
Unten in der Schlucht gab es ein paar Schrebergärten, die Vögel zwitscherten, Libellen schwirrten umher, das Wasser plätscherte vor sich hin, dazwischen gab es ein paar Picknickgelegenheiten und die Bäume strahlten in herbstlichen Tönen. Weiter oben befanden sich ein paar Lehmhütten, Steinhöhlen und sogar richtige Toiletten. Und ohne dass wir es wussten, feierten wir unser Halbjähriges. Später musste auch noch die Flasche Pisco Sour dran glauben, eine chilenische „Köstlichkeit“, die einem die Schuhe auszieht, aber wenn man so am trinken ist… Und egal mit was wir ihn mischten, er wurde nicht besser und zur Belohnung bekamen wir einen Mörder-Brand. Ist zwar in diesen trockenen Gegenden schon zur Normalität geworden, dass man nachts total ausgetrocknet und durstig aufwacht, aber in dieser Nacht war’s doppelt hart. Aber wer will sich schon beschweren?
Am nächsten Morgen war wieder mal Duschen angesagt, also füllten wir unsere Solar-Duschen mit eisigem Wasser legten sie in die Sonne und warteten. Die Wartezeit verkürzten wir uns mit dem Bau einer Duschkabine, die wir kunstvoll über unseren Kofferraumdeckel drapierten. Hat aber gut geklappt und so konnten wir frisch und sauber die Weiterfahrt antreten. Zuerst schauten wir uns Toconao an, bekannt für seinen Kirchturm mit Kakteenholztüre, wo gerade eine Parade für Kinder stattfand. Danach fuhren wir weiter nach San Pedro de Atacama, wo wir viel Zeit mit der Suche nach der in einer Hotelanlage versteckten Tankstelle verbrachten. Der Ort selbst war ziemlich touristisch, überall Restaurants, Fahrradverleih und Touris mit Sandboards auf dem Rücken, aber mit schönen Lehmhäusern. Wir fuhren zur Passstation und traten den Weg über den nächsten Pass, dem Paso de Jama, Richtung Argentinien an…

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