24. Carúpano I.

24. Carúpano I.

Carúpano – Posada Nena (08.03.) – Posada Panda (10.03. – 15.04.)

 

In der ersten Nacht in Carúpano haben wir nach der ganzen Aufregung und Wiedersehensfreude nur wenig geschlafen. Nach einem Strandspaziergang haben wir uns unter der Freiluftdusche am Strand erfrischt und sind dann nach Carúpano in die Stadt gefahren. Wir genossen es, auf den belebten Straßen wieder all die alten klapprigen und rostigen Amischlitten zu sehen, deren Scheiben so stark getönt sind, dass nur noch ein Sehschlitz übrig bleibt. Die Arme der Fahrer hängen so weit aus dem Fenster, dass die schon fast auf dem Boden schleifen und die Musik dröhnt aus den Boxen, das ist das uns so vertraute Latinoflair. Dazwischen drängten sich die Fußgänger, überall bieten Händler an Straßenständen ihre Waren wie Batterien, Klamotten, Spülschwämme, Obst, Motoröl oder Haarklammern an, der Zuckerrohr wird mittels altertümlichen Apparaten vor Ort gepresst und an den Essständen wartet man auf hungrige Passanten.

Im Zentrum haben wir uns zuallererst mal ein neues Handy zugelegt, damit wir nach Monaten mal wieder erreichbar sind. Unglaublich aber wahr, dass man in Venezuela, wenn man sich ein Prepaid-Handy zulegen möchte, seine Fingerabdrücke auf dem Vertrag hinterlassen muss! Und als wir uns im Supermarkt eine Tüte Milch und ein paar Cornflakes kaufen wollten, mussten wir doch tatsächlich aus irgendwelchen Steuergründen – oder  was weiß ich – Namen, Adresse und Passnummer angeben! Willkommen im Sozialismus!

Danach haben wir verzweifelt eine Wäscherei gesucht, doch entweder landeten wir bei einer Reinigung oder man schickte uns zum wiederholten Mal zu einer seit längerem geschlossenen Wäscherei oder uns wurde freundlich der Weg zu einer Autowaschstraße erklärt. So haben wir uns ewig durch die quirlige, laute und vom Verkehr verstopfte Innenstadt gequält und letztendlich dieses Vorhaben aufgegeben. Den restlichen Tag haben wir dann entspannter in der Posada verbracht. Unser Auto hatten wir mittlerweile auf das untere Grundstück am Strand abgestellt, wobei es mir dort nicht besonders wohl war. Denn leider konnte die Mauer des Strandgrundstücks dem letzten Unwetter nicht standhalten und so standen wir jetzt sozusagen frei am Strand. Das ist eigentlich eins der Dinge, die in Venezuela unter die Rubrik “don´t” gehören. Und unser Pauli hat halt auch keine Gitter an den Fenstern.

Am nächsten Morgen fiel uns Markus Angebot ein, dass wir uns auch bei ihm in den Garten stellen könnten. Dort versicherte uns auch Renata gleich, dass es überhaupt kein Problem sei, wenn wir bei ihnen in der Posada Panda blieben, sie bot uns sogar statt der Feiluft- ihre private Dusche an. So stellten wir unser Auto vor den von Palmen umgebenen Pool. Nach ein paar Stunden notwendiger Ruhe haben wir uns in die Posadaküche begeben. Sigrid, die seit kurzem in der Posada Nena arbeitet und noch ein paar andere ihrer Gäste kamen vorbei. Da Renata eine Art Tennisarm hatte, der ihr besonders beim Pizza rollen schmerzte, bot ich mich gleich an, ihr diese Arbeit abzunehmen. Das wurde ein Spaß, wenn ich auch für Markus am Anfang etwas zu “lahm” arbeitete, aber das sollte sich noch ändern.

In der Nähe der Posada ist eine Diskothek und Marco, Besitzer und Türsteher der Disco – wirklich ein Watz, wie er im Buche steht – und Freund von Renata und Markus mietet sich manchmal übers Wochenende dort ein. So auch an diesem Wochenende und die Band “Los Fotres”, die am Abend in der Disco auftreten sollte gleich mit. Doch bevor die Party losging, tranken und vor allem sangen sie sich privat in der Küche der Posada warm. Wow, die Jungs haben es wirklich drauf. Roro, Bandleader und Sänger ist eigentlich eine wandelnde Jukebox. Bei ihm konnte man sich jedes erdenkliche Lied wünschen, er legte sofort los, haute in die Tasten seines Keyboards und machte eine richtig gute Show. Und neben einer wirklich geilen leicht rauchigen Stimme hatte er auch noch alle Texte fließend drauf – und das obwohl er kein Wort englisch sprach. Seine Kollegen holten sich alle möglichen Trommeln, Rasseln oder funktionierten Klingeln als Instrumente um und machten auch richtig Stimmung. Was für ein Abend! Als sich dann später alle fertig machten, um noch in die Disco zu gehen, mussten wir beiden leider passen, wir waren zu kaputt um noch feiern zu gehen – und wer uns kennt weiß, das gibt’s selten!

Am nächsten Tag kehrte wieder Ruhe ein, die Band lümmelte die ganze Zeit in den Hängematten, ich brachte mal wieder mein Tagebuch und Reiseberichte auf Vordermann und wir ruhten uns noch ein wenig aus. Am Abend, wie immer Sonntags, kamen die Pizzabestellungen der Posada Nena rein, und ich rollte, was das Zeug hielt. Ansonsten hielten wir uns in der Küche, bzw. Bar auf – alles ist sehr offen gebaut, viel aus Bambus und lädt zum Verweilen ein. Es gab viel zu erzählen, schließlich kannten wir ja Markus und Renata nicht wirklich – aber auch das sollte sich noch ändern.

Da die meisten Gäste der Posada Panda Venezolaner sind, die am Wochenende ans Meer fahren, war das Leben in der Posada unter der Woche eher gediegen. Tagsüber vertrieben wir uns die Zeit damit, Wäsche zu waschen, Reisebericht zu schreiben, uns im Pool oder im Meer (super Surfstrand) aufzuhalten, mal schauten wir in der Posada Nena vorbei oder erledigten unsere Sachen in der Stadt (klassische Besuche: Bäckerei, Pharmatodo, Supermarkt, Internet). Die Abende verbrachten wir ruhiger, oft schauten wir Video, wir lasen oder unterhielten uns angeregt mit unseren Gästen, mit Sigrid, und vor allem mit Renata und Markus, was immer recht amüsant und interessant war. Da Markus schon die letzten Jahre teilweise in Venezuela gelebt hat, kennt er sich mit den hiesigen Gewohnheiten und Eigenarten ganz gut aus. Zusammen mit Renata, die aus Ungarn kommt und die unter anderem in England, Deutschland und China gelebt hat, führt er seit zwei Jahren diese Posada und sie stecken viel Geld, Energie und neue Ideen in die Gestaltung. Besonders schön ist es, dass viel aus Bambus gebaut ist. Viele Dächer, Regale und Möbelstücke sind aus dem besonderen Material – oft von Markus selbst gefertigt – und die Reste werden zu Aschenbechern oder Blumenvasen verwertet. Und auch in den fünf Wochen in denen wir dort waren wurde viel verändert, wobei wir uns gerne bei der Gestaltung beteiligten. Da die beiden Zimmer vor dem Pool eine Überdachung und Säulen davor bekamen, halfen wir gerne beim Streichen oder der Farbwahl. Markus sprüht vor Ideen und ehe eine Sache beendet ist, hat er schon neue Pläne im Kopf. Auch die Küche wurde fleißig erneuert, es wurden neue Herdplatten eingebaut und dank des neuen Pizzaofens kann man jetzt noch mehr der weltbesten Pizzen backen.
Leider ist momentan die politische Situation in Venezuela sehr unsicher und so sind viele Posadabesitzer am Grübeln, wie die Zukunft unter Chavez weitergehen soll.

Obwohl wir nicht wirklich viel zu tun hatten, war uns keine Sekunde langweilig, vielmehr genossen wir die Ruhe und Entspannung. Langsam kamen wir von unserem Erlebnisflash wieder runter. Zu unseren erwähnenswerten Aktivitäten zählt unser Ausflug zu dem nahe gelegenen Militärstrand Playa Manzanilla. Die Bucht ist einfach traumhaft schön, einige Boote lagen um den Steg herum im Wasser, der Sand ist karibisch weiß, ein paar kaktusbestandene Felsen rahmten die Bucht ein, im Hintergrund die sanften Berge und außer uns war kein Mensch zu sehen. Außer den paar Soldaten, die den Strand und das dazugehörige Hotel leiten. Dort verbrachten wir den ganzen Tag mit baden, lesen und ruhen. Leider ist die Landschaft momentan sehr trocken und der erwartete Regen wird erst ab Mai oder Juni einsetzen, bis dahin wird sich die Natur nicht viel verändern. Noch dazu ist es relativ heiß (immer um die 30°) und jeden Nachmittag fegt ein starker Wind über die Landschaft. Dieser sorgt dafür, dass alles in Strandnähe – wie die Posada Panda und auch unser Auto – vom herangewehten Salz klebrig wird. Bei uns wirkte sich das nur mit schmierigen Scheiben aus, in der Posada leiden darunter sämtliche Elektrogeräte, täglich muss man alle Stühle vom Kleb befreien. Aber das legt sich auch wieder und dafür hat die Posada eine erste Klasse Strandlage. Die Nächte waren dafür angenehm frisch, bis zu 17° zeigte das Thermometer die Nachttemperaturen an und bei der Trockenheit ließen sich wenigstens kaum Moskitos blicken.
Dafür hatten wir haufenweise andere tierische Begegnungen in der Posada. Neben den überall rumflitzenden Geckos, dem Gehege mit zwei kleinen Schildkröten und der Ente – die eigentlich mal ein Braten werden sollte, aber keiner schafft es sie in diesen Zustand bringen – gab es noch drei Hunde, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zum einen war da Paris, ein kleiner Puschelmischling, die Renata seit 9 Jahren überall in die Welt hin begleitet. Obwohl wir eigentlich nicht so besonders auf Schoßhündchen stehen, schlich sie sich schnell mit ihrer unzickigen Art in unsere Herzen. Sie war ungeachtet der Größe (oder Kleine) die eigentliche Chefin über die anderen beiden Hunde. Zu ihnen zählt Shira, eine junge Schäferhündin, die es liebt an Füßen zu schlecken oder nach Badeschlappen zu schnappen. Und dann war da noch Cacique (Namensgeber ist eine venezolanische Rumsorte), ein grauer Riese, mit sabbernden Backentaschen und die Ruhe selbst, solange ihm keine Kleintiere in die Quere kommen. Leider bekam Renata von Bekannten eine Babykatze geschenkt. Wir haben das kleine zitternde Ding gestreichelt und gefüttert und immer von den Hunden fern gehalten, was nicht immer möglich war. Paris beschnupperte sie nur interessiert, Shira hatte eher Angst vor dem kleinen Knäuel und Cacique freute sich über neues Spielzeug. Beim ersten Mal saß die Katze im Hausflur, fauchte wie wild und wir konnten das ums Leben ringende Ding noch in Sicherheit bringen. Minuten später verdiente sich die kleine ihren neuen Namen “Kamikatzi”, denn umgehend lief sie wieder zu Cacique hin!? Bei der dritten Begegnung lief die Sache etwas heißer ab, Kamikatzi fauchte und kämpfte mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, hing schon an Caciques Backentaschen, bis Markus endlich der unschönen Begegnung ein Ende machte. Die Katze hatte sich daraufhin auf einen Baum verzogen, der an den Backen blutende Cacique saß stundenlang wimmernd darunter, auch noch Tage später, als die Katze bereits das Weite gesucht hatte. Sie kam noch ein paar seltene Male laut miauend vorbei, verschwand aber irgendwann ganz, worum wir ganz froh waren, denn wer weiß wie ein weiteres Zusammentreffen geendet hätte? Vielleicht wie das mit “Pinki”, einem pinkfarbigen Osterküken, das für sich für einen Tag in unsere Herzen geschlichen hatte. Wir besorgten dem dauerfiependen Hühnchen ein warmes und weiches Plätzchen, doch irgendwie fand es dann ein jähes Ende im Pool…
Cacique hat aber ein ausgeprägt gutes Herz, sobald er jemand bekanntes im Meer sieht, versucht er ihn zu retten. So kam John, ein Freund von Markus, in den Genuss einer unfreiwilligen Rettungsaktion, als sie nachts baden waren und Cacique ihn am Arm packte und nicht eher frei ließ, ehe er nicht wieder sicher an Land war!
Aber ansonsten waren die Hunde eine Freude für uns, und wir fühlten uns im Hof auch wesentlich sicherer, denn kein Venezolaner schaffte den Weg ans Tor, ohne nicht lautstark angebellt zu werden. Selbst schon lange Bekannte wurden immer wieder angekläfft, denn die Hunde hier sind irgendwie Rassistisch, nur auf Weiße reagieren sie gar nicht. Das ist nicht gerade einfach für Venezolaner, die zwar auf Hunde stehen, aber nur so lange sie nicht über Kniehöhe gehen. Bei allem darüber bleiben sie schon meterweit entfernt stehen und bewegen sich auch nicht mehr weiter. Kann ja nicht schaden… Aber sobald die Posada voller wurde, haben wir die Hunde tagsüber weggesperrt, um die Gäste nicht zu verunsichern.

Nebenbei hatten wir auch zwei Probleme mit dem Auto. Wahrscheinlich hat sich Pauli nicht so wohl gefühlt, wenn er fast nur rumsteht. Einmal war am Morgen unsere Autobatterie komplett leer. Wir wunderten uns, denn nach einer Woche auf der Fähre sprang das Auto sofort an und jetzt hatten wir nach nur 12 Stunden stehen dieses Problem. Wir überprüften sämtliche Stromquellen, Lichter und Schalter und entdeckten, dass die Nebelschlussleuchte an war. Aber ob die so viel Strom zieht, vor allem wenn der Motor gar nicht läuft? Wir ließen uns von Markus überbrücken und wollten die Sache im Auge behalten. Doch zwei Tage später dasselbe Spiel, Batterie total entladen! Wir informierten uns schon, wo wir eine neue kaufen könnten, doch glücklicherweise machten wir an diesem Tag einen Großputz und Aufräumtag im Auto und so entdeckten wir einen Lichtschalter an der Decke, von dem wir nicht mal wussten, dass es ihn gab und der sich irgendwie umgelegt hatte. Die Birne war schon extrem heiß und wir hatten Glück, dass nicht einer der unterm Dach befestigten Rucksäcke Feuer gefangen hatte. Dieses Problem hatten wir also behoben.

Ein paar Tage später mussten wir feststellen, dass sich unser Kofferraum nicht mehr richtig schließen ließ. Ausgerechnet bei einer Straßenkontrolle sollten wir ihn öffnen und dann bekamen wir ihn nicht mehr zu. So standen wir mitten auf der Straße und werkelten hektisch am Deckel herum. Da wir nicht unnötig lange die Straße blockieren und die Aufmerksamkeit der Polizisten auf uns lenken wollten, lehnten wir ihn dann nur an und fuhren schnell weiter. Zu Hause betrachteten wir die Angelegenheit genauer und es stellte sich heraus, dass eines der Scharniere komplett verzogen war. Wahrscheinlich kam das davon, dass wir immer mit einem Stock an der Seite den Deckel offen halten und bei den extremen Windböen hat sich das Scharnier dann verzogen. Wir fuhren dann mit Markus in eine Werkstatt und dort bog, drückte und hebelte man so lange herum, bis sich der Deckel wieder schließen ließ. Auch das Problem hatten wir also beseitigt! Und so lange es sich um solche Kleinigkeiten handelt, und nichts an Motor oder Getriebe ist, können wir ja froh sein.

Die Bucht, an der die Posada Panda liegt ist einfach super. Links ist sie begrenzt durch Hügel, davor die klassisch bunten Mauern der Grundstücke und ein paar Palmen und Bäume davor. Rechts ragt ein einziger hoher kakteenbesetzter Fels ins Wasser, am Fuße ein Marienbild, der die Bucht vom Nachbarstrand abteilt. Obwohl wir uns bereits an der Karibikküste befanden, waren die Strände irgendwie anders als man sich die Karibik vorstellt – aber schön – und das Wasser war nicht ganz so warm wie erwartet. Wir empfanden es sehr angenehm, dass der Strand unter der Woche wenig besucht war, nur ein paar einheimische Surfer oder Fischer fanden den Weg hierher. Also kein typischer Touristenstrand. An den Wochenenden kamen dann die Bewohner aus Carúpano oder den umliegenden Städten, um sich dem Badespaß hinzugeben. Dann wurde die Posada immer recht voll, wobei die Venezolaner sonderbare Reiseangewohnheiten haben. Oft kommen sie erst samstags am Nachmittag an und verschwinden schon wieder recht früh am Sonntag. An den Wochenenden lief der Posadabetrieb auf Hochtouren, das Restaurant erfreute sich großer Beliebtheit und in Bar und Küche stand keiner still. Markus und Renata haben noch drei Angestellte. Manuel, der sich um sämtliche Aufgaben in der Posada kümmert, und Julia und ihre Mutter Carmen, die die Zimmer säubern und mit Renata und Markus die Küche schmeißen. Ich hatte mittlerweile meinen festen Platz am Pizzaofen, Mathias ließ sich alle Cocktailrezepte beibringen und sprang sonntags auch mal als Pizzalieferboy ein, Renata führte Buch und die Kasse und Markus kümmerte sich um sämtliche Besorgungen die anfielen. So entwickelten wir uns zu einem sehr guten Team und bereiteten uns langsam auf die herannahende Osterwoche – hier “Semana Santa” genannt – vor. Das sind die Hauptferien der Venezolaner und in dieser Zeit pilgern alle an den Strand. Wir wussten, dass es dann sehr voll werden würde und jede helfende Hand gebraucht werden würde.
Und dann war es so weit, die Semana Santa war da und die Stadt und die Strände wurden richtig voll. In der Stadt herrschte nur noch Verkehrschaos, jede Zufahrtsstrasse ins Zentrum war zu. Armer Markus, der musste da nämlich immer mitten rein, aber zum Glück hat er ja noch ein Moped. Und auch am Strand wurde jedes Fleckchen Sand ausgenutzt, da wurden Grills, Sonnenschirme und Kühlboxen herbei geschafft, und neben Hunderten von Autos standen nicht wenige Zelte am Strand. Manche nur, damit man sich vor der starken Sonne schützen konnte, manch andere übernachteten auch gleich hier. Ist ja auch keine Wunder, denn in diesen Tagen ist alles restlos ausgebucht, die Venezolaner bringen in die Posadas ihre eigenen Matratzen mit und belegen die Zimmer bis in den letzten Winkel. Dass das ganze dann die Wasserversorgung zum Erliegen bringt ist bekannt, da regt sich keiner mehr auf, wenn nur am Abend in Etappen und mit einem Rinnsal geduscht werden kann. Die Wasserknappheit bekamen wir nur dann zu spüren, wenn die Toiletten nicht mehr funktionierten, und das war dann schon mal unangenehmer. Aber auch da kennen die Venezolaner nichts, wenn sie mussten, haben sie halt Meerwasser zum Spülen geholt. Ganz nebenbei gab es in der Osterwoche wie auch in den Tagen zuvor schon öfters mal Stromausfall – mal ein paar Minuten, mal bis zu drei Stunden -, aber das fiel dann auch nicht weiter ins Gewicht. So ist es halt einfach und wir hatten die Kerzen und batteriebetriebenen Lampen immer griffbereit.

Was sich wirklich als Problem – gerade für die Venezolaner – herausstellen sollte, war ein neues Gesetz, das für die Ostertage gelten sollte: “ley seca”. Das bedeutet, dass an manchen Tagen der Ausschank und selbst der Genuss von Alkohol eingeschränkt wurde, an anderen Tagen wurde er komplett verboten! Dies sollte die Zahl der Verkehrsunfälle einschränken – tatsächlich sind sie jedoch gestiegen. Alkoholkontrollen wurden nur in so fern vorgenommen, dass Schnapsflaschen aus gestoppten Fahrzeugen konfisziert wurden. Aber das geht bei den Venezolanern nicht, schließlich haben sie Urlaub und Trinken ist eigentlich ihr einziges Hobby. Immerhin dürfen sie weiterhin super laute Knaller und Raketen abschießen, das ist nämlich das andere Hobby. So gab es immer wieder Schwierigkeiten mit dem Ausschank, heimlich füllten wir die Biere in undurchsichtige Plastikbecher um, aber nur für die Leute, bei denen wir sicher sein konnten, dass sie keine Kontrolleure sind. Ansonsten zögerten die Leute auch nicht, sich mit ihren selbst mitgebrachten Getränken ins Restaurant zu setzen, oder bestellten sich vielleicht gerade mal zu fünft eine Cola. Toll, das ist natürlich nicht gut fürs Geschäft, aber nicht nur wir sollten das zu spüren bekommen, Likörshops oder Diskotheken schlossen an ihren Hauptumsatztagen komplett! Venezolaner haben noch eine für uns ungewöhnliche Eigenart. Wenn sie etwas zu Essen bestellen, dann erwarten sie die Getränke immer erst zum Gericht dazu. Solange sitzen sie dann “trocken” am Tisch.
Aber ansonsten lief das Geschäft gut, nur am Grill außen haperte es noch etwas. “Wir” hatten ja nicht den einzigen Ess-Stand am Strand, manch andere boten Spieße, Empanadas oder Arepas an. Bei uns gab es deutsche Bratwurst – haben wir extra von einem deutschen Metzger schicken lassen – und als der Verkauf noch etwas schleppend voran ging, erweiterte Markus spontan das Angebot auf leckere Burger. Er ist halt ein Meister der Improvisation. Nur sein Verkäufer war leider etwas demotiviert, was sich bei steigenden Verkaufszahlen dann zum Glück legte. Ansonsten hatten wir oft die Bude voll und viel zu tun. Und viel zu schauen, denn wenn man nicht immer hinterher ist, machen die Venezolaner was sie wollen. Die bringen noch ihre halbe Familie mit in die Posada zum Duschen oder zum gemeinsamen Planschen im Pool, die wollen ihre großen Kühlschränke im Zimmer aufstellen oder Grillen sogar im Zimmer (als Entschädigung gab’s einen großen Grillteller für uns – immerhin!). Aber andererseits achten sie doch auf Sauberkeit, nicht selten fragte jemand nach einem Schrubber oder Besen, da wurde neben den Zimmern auch gleich mal durch den Gang gefegt. Und auch der Strand war erstaunlich sauber (vor allem, wenn man Brasilien gewöhnt ist), die Leute haben meist ihren Müll selbst weggeräumt und dazu kamen Putzkollonen, die den Rest beseitigten. Toll. Und noch eine venezolanische Eigenart ist uns schnell aufgefallen, die stehen total drauf uns zu fotografieren. Da kommt ein kurzes Zischen, und kaum schaut man in die Richtung, schon wird abgedrückt. Oder das ganze geht etwas offensichtlicher zu, und es artet schon fast in eine Fotosession aus. “Noch mal mit mir!” – “Und jetzt mit beiden!”

Genau in diese Woche fiel am 03.04. unser 500. Reisetag. Haben wir nur durch Zufall auf unserer Homepage gesehen und in Feierlaune waren wir auch nicht wirklich. An diesem Tag waren nach einem Ausflug wieder die Berliner Jungs da, beide richtig sympathisch und super gut drauf. Sie hatten nicht einen solchen Ansturm an Ostern erwartet und konnten sich keine Unterkunft mehr besorgen und so brachte Markus sie notdürftig unter. Sie hatten dann immerhin eine Luftmatratze und Bettzeug, ein Dach über dem Kopf und sogar ihren eigenen Garten. Aber ansonsten Freiluft pur und abschließen konnten sie auch nicht, aber in der Not… Im Laufe des Tages waren wir alle gut gelaunt, haben mittags schon ein bisschen Sangria getrunken und die Party ging dann bis in die späte Nacht. Ich bin “schon” um 3.30 ins Bett, die anderen waren nachts noch schwimmen und kamen unbestimmte Zeit später zur Ruhe. Da haben wir mal wieder mehr als gebührend gefeiert, aber wann ist man schon mal 500 Tage fern der Heimat?

Und am nächsten Morgen ging’s – mehr oder weniger – munter weiter, aber wenn man genug zu arbeiten hat und immer was los ist, dann vergeht die Zeit auch rasend schnell. Außerdem gibt es immer wieder etwas aufzufüllen, neuer Teig oder Pizzasauce muss angesetzt werden, oder für die anderen Essen Salat oder Gedecke vorbereitet werden. Ich muss sagen wir Mädels waren in der Küche ein gutes Team und hatten Spaß an der Arbeit. Auch an der Bar oder im Service und an den Tischen am Strand waren wir immer wieder gefragt, und trotz kleinerer Sprachbarrieren lief das bei mir ganz gut. Man lernt ja nie aus. Auch die Gäste verstanden uns schon als festen Bestandteil der Posada (könnte natürlich unter anderem an unseren “Posada Panda”-Shirts gelegen haben) und kamen immer wieder mit Fragen und Anliegen auch zu uns. Doch hauptsächlich kamen wir spät in der Nacht oder frühs um 7.00 zum Einsatz, wenn jemand das Hoftor geöffnet haben wollte. Wir hatten bereits der Nähe halber einen Schlüssel und das wussten alle. Gewundert hat sich da keiner, dass wir in einem Auto schlafen, jeder weiß halt, was in der Semana Santa los ist.
Auch die anderen Abende gab es immer wieder gute Partys am Strand, die Nachbarn hatten eine Musikanlage mit großen Boxen aufgebaut und der DJ spielte von Mittags bis in die späten Abendstunden venezolanische Feiermusik.

Natürlich war nicht immer nur alles rosarot, es gab auch anstrengende Momente. Manchmal nerven die Gäste wirklich (vor allem venezolanische Schwulis sind stressig) und auch wir hatten nicht immer nur gute Laune. Und wenn zum Beispiel das Gas schneller als normal leer wird oder der Ofen mitten im Betrieb einfach ausgeht (beim anzünden hab ich mir mal ganz schön die Haare, Wimpern und Augenbrauen versengt!), zerrt das schon an den Nerven. Und heiß war es neben auf dem 240° laufenden Ofen natürlich auch! Aber das gehört einfach dazu und letzten Endes wurde alles immer geregelt und die Laune war wieder oben. Vor allem, als wir am Ostersamstag alles leer verkauft hatten. Es gab keinen Fisch, keine Lasagne, keine Nudeln, keine Suppe und keine Pizza mehr. Alles weg, sogar die meisten Schnäpse und das Bier, trotz “ley seca”! Das freut das Unternehmerherz und wir wussten, dass sich das tägliche Schuften gelohnt hat. Wir hatten wirklich immer lange Arbeitstage in dieser Woche, zwischen 13 und 20 Stunden täglich, unsere “Chefs” meist noch länger. Aber uns hat es gut getan, mal wieder so richtig zu arbeiten, sich mal wieder ordentlich zu verausgaben und nebenbei haben wir das Feiern ja auch nicht ganz vergessen. Und Markus und Renata vertrauten uns, es kam dann auch mal vor, dass sich die beiden erschöpft ins Bett legten, und wir noch die restlichen Gäste – meist deutschen von der P. Nena – versorgten oder zum Weitertrinken animierten. Macht ja auch Spaß und wir haben halt das gemacht, was wir können. ;-)
Am Ostersamstag kam auch noch Mathias Freund Rio mit seiner Freundin Sandra aus Deutschland zu Besuch. Wir hatten leider nicht so viel Zeit für die beiden, aber die haben sich dann einfach dem bunten Treiben hingegeben und sich Mathias Cocktails schmecken lassen, sein Caipirinha war auch wirklich die Wucht. Sonntags verabschiedeten sich dann die meisten Gäste und es wurde wieder ruhiger.
Wir haben dann mit Sandra und Rio einen Ausflug zum Playa Medina unternommen, dem wohl schönsten Strand Venezuelas. Nicht umsonst ist er auf einem der Reiseführer auf der Titelseite angebildet. An diesem Tag wollten wir eigentlich mal wieder ein bisschen ruhiger machen, aber “man kann ja nicht ohne Kühlbox zum Playa Medina fahren!” (O-Ton Markus). Also haben uns doch durch den überfüllten Supermarkt gequält, die Box mit Bier und Eis gefüllt und es ging los. Blöderweise hat Mathias uns Mädels zu “Ice Ärschen” verholfen, da er einen dieser nervenden Lomos zu spät erkannte und beim Bremsen ist die hinter uns platzierte Box umgekippt und uns das komplette Eiswasser über die Hintern gelaufen. Huch – kaaalt! Dafür war die Fahrt sonst sehr schön, wir genossen die abwechslungsreiche Landschaft, zeitweise fuhren wir durch dschungelige gar nicht mehr trockene Gegenden, dazwischen immer wieder kleine Kolonialstädtchen oder Orte im typischen Lehmbau. Am Strand ging es dann gediegen zu, wir platzierten unsere Hängematten zwischen den unzähligen Palmen und genossen die Ruhe. Da es bereits Dienstag war, waren die meisten Gäste ja schon wieder zu Hause und selbst so ein klassisches Ausflugsziel relativ leer. Wir vertrieben uns die Zeit mit extrem Hängematting und einer ausschweifenden Fotosession, wobei uns keine Albernheit zu blöd war.
Am nächsten Tag brachten wir die beiden noch nach Güiria, da von dort aus die Fähre nach Trinidad ablegte. Wir haben uns dort auch gleich um eine Transportmöglichkeit für unser Bußchen nach Trinidad erkundigt, doch wurde unser kleiner Funken Hoffnung schnell zunichte gemacht. Wir wussten, dass es sowohl schwierig als auch teuer werden würde, unser Auto dorthin zu verschiffen, aber so schwierig und vor allem soooo teuer? Das lassen wir dann lieber – leider, wir hätten schon gerne unseren Pauli mit nach Trinidad & Tobago genommen!
Wir haben Sandra und Rio am Fährhafen abgesetzt und nach letzten Abschiedsfotos haben wir uns wieder auf den heißen 3 Stunden langen Heimweg gemacht. Am Abend kamen wieder Gäste von der anderen Posada vorbei, und mittlerweile war schon klar, dass Mathias und ich sie bewirten. Sie kamen ja schließlich auch wegen uns! :-)

Die restliche Woche war dann wieder gediegener, wir hatten kaum noch Gäste und die Tage konnten wir uns mal wieder ausruhen und ich meinen geschwollenen Fuß pflegen. Ich bekam im Laufe der Woche nämlich einen total dicken Fuß und Knöchel, irgendwie hab ich mir da was entzündet und/oder überarbeitet. Am ersten Tag hatte ich auch richtige Schmerzen (vielleicht weil ich damit auch noch Stundenlang rumgetanzt habe?), dann war’s nur noch dick und nach einer Woche und dank Sandras Reiseapotheke konnte ich wieder Knochen und Adern erkennen. Dann konnten wir uns auch wieder unseren Erledigungen widmen. Ich hatte ja wie immer noch einen Reisebericht offen, wir wollten das Auto noch umräumen und für die Weiterfahrt auf die Isla Margarita fit machen. Und da uns Rio wie gewünscht ein Paket Weißwürste und original Händelmayer Senf mitgebracht hatte, veranstalteten wir einen bayrischen Abend mit Markus und Renata. Doch Markus meinte nur, Weißwürste müsse man mit Brezeln essen, doch woher sollten wir die bekommen? Das war für “Spontanmarkus” wieder mal kein Problem, Rezept ausgegraben und Teig angerührt. Er hatte tatsächlich ein Rezept da, sogar alle notwendigen Zutaten und zauberte uns leckere Brezeln. Fehlte nur noch das Weißbier, aber wir wollen ja nicht übertreiben. Das war ein leckeres Heimatessen und selbst Renata, die eigentlich kein besonderer Fleisch- und Wurstfan ist, und Markus, dessen letzte Weißwursterfahrung lange her ist und ihm nicht gerade in positiver Erinnerung geblieben ist, waren auch beide begeistert. Markus hatte uns vorher schon mal mit leckerem Schweinebraten, Semmelknödeln und Rotkraut verwöhnt. Das sind so Sachen, die wir neben Schwarzbrot halt vermissen.

Und wie es der Teufel (Alkohol) so will, haben wir am Samstag noch mal einen richtig ordentlichen Abschiedsschoppen hingelegt. Schließlich hatten wir fünf sowohl entspannte als auch erlebnisreiche Wochen gemeinsam hinter uns gebracht und eine tolle Zeit miteinander verbracht. Unser anfängliches Unbehagen in Venezuela hatte sich mittlerweile gelegt, wir hatten uns voll eingelebt und konnten das Land wieder genießen. Als die letzten Gäste weg waren haben wir uns zu viert auf Markus Moped geschwungen und sind die paar Hundert Meter zur Posada Nena gefahren. Dort gab’s noch ein letztes Bier mit Volker, Sigrid und einem lustigen “Ossi-Pärchen”, die schon einige Abende mit uns verbracht haben. Die Nacht wurde wieder mal kurz, schließlich wollten wir am Morgen früh raus um die Fähre zur Isla Margarita zu bekommen, wo wir nach 1 1/2 Jahren meine Eltern treffen wollten…

Hier gehts zum nächsten Bericht: 25. Isla Margarita: Wiedersehen mit meinen Eltern