22. Aracaju – Natal – Sao Luis

22. Von den Stränden zum Karneval in Brasilien 

Aracajú – São Christovão (23.01.) – Penedo (24.01.) – Maceió – Recife / Olinda – João Pessoa / Ponta das Seixas (25.01.) – Praia da Pipa (31.01.) – Natal (04.02.) – Iguape (06.02) – Fortaleza (09.02) – N.P. Urubujá (10.02.) – Teresina (13.02.) – São Luís (14.02.) 

Nachdem wir Aracajú hinter uns gelassen hatten, wollten wir uns die kleine Stadt São Christovão ansehen. Im Reiseführer als viert älteste Stadt beschrieben und als Freiluftmuseum angepriesen freuten wir uns schon sehr auf die Besichtigung. Das in einer an die Toskana erinnernde Landschaft liegende Städtchen war zwar sehr süß, aber auch nichts sooo besonderes, also haben wir uns nach einem kleinen Bummel wieder auf die Bundesstraße begeben, wo nach kurzer Fahrt leider ein Stau unsere Reise stoppte. Immer wieder fuhren Polizei und Krankenwagen an uns vorbei und der Unfall schien nicht weit vor uns passiert zu sein. Mathias machte sich mit der Kamera bewaffnet auf den Weg und ich wartete schwitzend im Auto darauf, dass die Straße wieder passierbar ist. Als Mathias zurückkam konnten wir weiterfahren und er berichtete mir schon von dem schrecklichen Unfall. Doch kurz vor der Unfallstelle wurde der Verkehr ein weiteres Mal gestoppt. Jetzt wollte ich auch mal schauen, was so los ist. Da sind zwei LKWs scheinbar frontal zusammen gekracht und ein PKW wurde auch in Mitleidenschaft gezogen und lag total verbeult am Abhang. Einer der LKWs lag auf dem Rücken, die Fahrerkabine total verbeult und verquetscht, die Kabine des anderen war zur Unkenntlichkeit verschoben, die Seitentüre befand sich nun vorne. Mathias hatte noch mitbekommen, wie die Feuerwehr den vor Schmerzen schreienden Fahrer aus der Kabine geschnitten hatten, das blieb mir zum Glück erspart. Der andere LKW hatte Käse geladen und die Leute aus der ärmlichen Umgebung kamen zu Fuß und mit Rädern herbeigeeilt und plünderten das Fahrzeug. Mittlerweile war jedoch die Polizei eingetroffen und versuchte gut bewaffnet die Sachen zu sichern. Dies gelang jedoch nur mäßig, und nachdem die Umstehenden ein kleines Feuer zündeten und alles sehr tumultig zuging, schossen die Polizisten in die Luft und langsam kehrte wieder Ruhe ein. Aber eine undenkbare Situation für uns, die Ladung wird geplündert, überall stehen die Gaffer zwischen den Helfern, suchen zwischen den Trümmern nach brauchbaren Teilen, die endlos filmenden Reporter haben alles im Kasten und wir zwei wieder mitten drin! Nach zwei Stunden wurde die Straße wieder für unsere Spur frei gegeben und wir fuhren an 8 km Stau entlang weiter.

Weit kamen wir durch diesen ungeplanten Stopp an diesem Tag nicht, langsam dämmerte es und wir suchten uns eine Tankstelle zum Übernachten. Dort war es aufgrund des Staus auch richtig voll und wegen eines Stromausfalls nur schummrig notbeleuchtet.

Da wir abends schon früh geschlafen hatten, waren wir schon um 6.30 geduscht und abfahrbereit. Hätten wir zu diesem Zeitpunkt schon gewusst, dass dieser unser „Endlostag“ werden sollte, wären wir besser liegen geblieben. Aber der Tag fing gut an, wir kauften uns bei einem Mofaverkäufer frische Brötchen und fuhren durch die von Zuckerrohrpflanzen geprägte Landschaft. Wieder mal mussten wir mit der Fähre über einen Fluss und wir landeten im süßen kleinen Ort Penedo. Wir bummelten durch den geschäftigen Ort, bewunderten koloniale Kirchen und Fassaden, schlenderten über den wuseligen Markt und erfreuten uns an den rot und üppig blühenden Flamboyant-Bäumen und den darunter warteten Fahrer der Eselskarren. Einfach idyllisch, dort haben wir uns sehr wohl gefühlt und hatten schon unsere erste Besichtigung des Tages um 8.00 hinter uns.

Danach ging es wieder palmengesäumte Straßen entlang, Palmen, Palmen, so weit das Auge reicht und das über Kilometer. So viele haben wir noch niemals vorher gesehen! Zwischendurch machten wir eine kleine Pause in einem Fischerort, bewunderten die großen Fische, die direkt aus den Booten verkauft wurden und liefen ein paar Meter am Strand entlang. Danach passierten wir immer wieder kleinere Orte und die bunte Wäsche auf den Zäunen vor Lehm- und Holzhäusern erfreute jedes Mal wieder mein Auge. Der überall gespannte Stacheldraht ersetzt die Wäscheleine und Klammern.

An einer der vielen Stichstraßen durchquerten wir die Palmen und hinter Lagunen und Flüssen erreichten wir nach wenigen Metern über eine rote Sandstraße das Meer. Die endlos scheinende menschenleere Küste, natürlich auch von Palmen gesäumt, riss uns zu einer ausgiebigen Fotosession hin. Schon jetzt waren wir mit unserer Aufnahmefähigkeit am Ende, und das schon um 10.30. Weiter an der küstennahen Straße entlang, entdeckten wir eine weitere Stichstraße, die auch direkt zum Meer führte. Diesmal landeten wir an einer Steilküste von etwa 70 Metern Höhe, deren Felsen weiß, rotbraun und orange leuchteten und am Fuße ein weißer Sandstrand. Wow! Wir kletterten ein wenig die Felsen entlang und fuhren dann weiter nach Maceió. Dort gab es wieder einladende Sandstrände und wir fanden sogar einen Campingplatz wenige Meter vom Wasser entfernt. Spätestens hier hätten wir bleiben sollen, aber unsere Zeit in Brasilien war ja begrenzt. Daher wollten wir lieber weiterfahren und dann an einem Ort länger bleiben und nicht schon wieder am nächsten Tag los. Somit entschlossen wir uns, weiter bis nach Olinda zu fahren. In Recife, das mit Olinda fast übergangslos miteinander verbunden ist, kamen wir bei Sonnenuntergang an. Dort herrschte hektisches Treiben auf den Straßen, überall Menschen, zu Fuß, mit dem Fahrrad, Moped oder Auto, die Straßen waren voll und wir quälten unseren Pauli durch den Feierabendverkehr. Eigentlich war es dort super, aber leider konnten wir die Situation nicht ganz genießen, da wir ja die Schlafplatzsuche vor Augen hatten und nicht bei Dunkelheit durch große Städte eiern wollten. Wir beschlossen an der nächsten großen Tankstelle zu halten, um dort die Nacht zu verbringen, doch leider gab es auf der Strecke zwischen diesen beiden Städten keine 24h Tankstelle mehr. Also ging es direkt rein nach Olinda, das durch seine schön restaurierte und von der Unesco geschützte Altstadt bekannt ist. Dort sollte es laut Reiseführer auch zwei Campingplätze geben, einer davon recht zentral. Also versuchten wir ihn ausfindig zu machen, die Adresse hatten wir, und fragten uns durch. Mitten im Zentrum wurden wir ständig von Vermittlern für Unterkünfte angequatscht, uns wurde erklärt, dass es schwierig sei einen Zeltplatz zu finden, wir sollten uns doch lieber in eine von ihnen angepriesene Pousada einmieten. Die Jungs waren mehr als aufdringlich und querten „zufällig“ wiederholt unseren Weg. Wenigstens war die Touristenpolizei nicht so anstrengend und erklärte uns wenigstens den Weg zur Touri-Info. Dort konnte man uns wenigstens mit einem Stadtplan versorgen und man kannte immerhin das Gelände, ob der dortige Platz noch geöffnet sei, wusste jedoch niemand. Also haben wir uns durch die engen Kopfsteinpflastergassen geplagt, der Stadtplan war eher eine grobe Richtungsangabe, wir landeten endlich in besagter Straße, fanden aber trotz mehrmaligem Nachfragen nicht die Nummer, geschweige dem einen Camping! Man erklärte uns bei einem Supermarkt freundlich, wir sollten doch die Touristenpolizei fragen, die hielt auch gerade in diesem Moment mit quietschenden Reifen mit drei Mopeds und einem Auto an und fragte ausgerechnet nach der von uns gesuchten Straße. Das konnten wir also vergessen. Aber wir waren nahe, und endlich fand sich jemand, der uns zu dem Tor brachte, hinter dem sich unser Nachtlager verbergen sollte. Doch der Camping war mittlerweile geschlossen und zu einer Edelpousada umgebaut worden!! Na, immerhin wussten wir jetzt, dass wir den aus unserem Führer streichen konnten. Total entnervt suchten wir uns wieder den Weg durch den Innenstadtirrgarten und trafen unterwegs wenigstens auf eine Tankstelle, wo wir günstig tanken konnten, tankten selbst erst mal ein Bier und überlegten, wie es jetzt weitergehen sollte. Dann gingen wir halt auf die Suche nach dem anderen Zeltplatz außerhalb – wir pfiffen bereits auf Olinda, war uns zu touristisch, ordentlich und zu nervig – und unterwegs wollten wir alternativ die Augen nach einer Tankstelle aufhalten. Doch weder das eine noch das andere kreuzte unseren Weg, wir landeten wenigstens an einer Tankstelle mit Pizzeria und ungeachtet der dringend notwendigen Dusche und der vorangeschrittenen Uhrzeit ließen wir uns erst mal die größte Pizza mit vier verschiedenen Geschmacksrichtungen schmecken. Dann sind wir weiter auf die Suche, der Campingplatz vom CCB existierte irgendwie auch nicht mehr, es wollte einfach keine Tankstelle mehr kommen und so fuhren wir weiter und immer weiter. Endlich standen an der Bundesstraße zahlreiche LKW, dort hielten auch wir an, aber es handelte sich nicht um eine Tankstelle. Und zwischen all den Karten spielenden und trinkenden Fahrern und leichten Mädchen hätten wir weder eine Dusche noch die notwendige Ruhe zum Übernachten gefunden. Also weiter und gegen Mitternacht haben wir endlich eine Tankstelle gefunden, die rund um die Uhr geöffnet war, sogar mit bewaffnetem Wächter, und einer ekligen aber erfrischenden Dusche! So fanden wir dann nach heißen 19 Stunden, 660 gefahrenen Kilometern (auf Landstraße!!), zwei komplett durchquerten Bundesstaaten und Tausenden neuen Eindrücken abgeschafft unsere Nachtruhe!

Glücklicherweise sieht am nächsten Tag die Welt immer gleich wieder viel freundlicher aus und noch dazu befanden wir uns nur noch wenige Kilometer vor unserem nächsten Ziel João Pessoa. Dort wussten wir schon sicher von einem Zeltplatz des CCB am Ponta das Seixas, dem östlichsten Punkt Amerikas, und trotz mangelnder Ausschilderung haben wir ihn schnell gefunden. Der Platz lag nur durch ein paar Büsche getrennt am Strand und wir errichteten unser Lager unter den vielen Palmen. Und das beste: direkt nebenan war eine Strandbar. Hier ließ es sich aushalten, der Ort war zwar ziemlich klein, aber es gab eine Lanchonette mit verschiedenen Gerichten auf unserem Platz und drum herum gab es auch noch ein paar kleine Strandrestaurants. Natürlich wieder alles überwiegend tagsüber gut besucht und abends leer und geschlossen. Aber es gab in diesem kleinen Nest sogar eine 24h Bar. Die haben wir gleich am ersten Tag entdeckt und sind noch dort des öfteren zu jeder erdenklichen Uhrzeit eingetrudelt. Wir haben auch gleich die Besitzer kennen gelernt, die ganze Familie war wirklich sehr herzlich und dank des englisch sprechenden Schwiegersohns war die Verständigung garantiert. Jeden Montag fand am Nachbarstrand eine Forrónacht mit Livemusik statt, die wir uns nicht entgehen lassen wollten. Wir haben vor einer Kneipe gesessen, warmen Cachaca mit Limone probiert (igitt!), Fleischspieße gefuttert (lecker) und uns ausgiebig die Leute angeschaut (witzig). Und noch bevor wir in den Tanzschuppen gehen konnten, war die Band blöderweise fertig, dafür sind alle Besucher gemeinschaftlich in die nächste Kneipe umgezogen. Da sind wir halt auch mal hin, haben ein dort paar Jungs kennen gelernt (von denen wir wieder mal auf etwa 5 Jahre jünger geschätzt wurden), gemeinsam getrunken und getanzt, und als dort auch Feierabend war, sind wir alle noch mal zusammen in die 24h Bar. War wieder mal ein sehr witziger Abend, wir tanzten am Strand, tranken ein paar Bier und quatschten uns die Münder fusselig – aber das muss ich ja nicht extra erwähnen. Doch leider machte Mathias wieder mal Bekanntschaft mit der brasilianischen Erziehung, als einer unserer Mittrinker hemmungslos unter den Tisch pinkelte!

Ansonsten waren wir die meiste Zeit lümmelnd am Strand oder in der Hängematte gelegen, außer unseren Badesachen brauchen wir kaum noch Klamotten, wir unternahmen Spaziergänge und erkundeten die Gegend. Viel gab es ja nicht, aber als wir an einem Abend an den Strandhütten des nächsten Strandes vorbeiliefen, kamen wir uns irgendwie vor wie vor hundert Jahren. Lauter Bretterverschläge, notdürftige Fischerbuden, aber immer wieder Bars zwischendrin. Aber irgendwie hatte das ganze auch Charme und mit den am Wochenende vollgestopften Stränden eine lebendige Atmosphäre, und wir zwei Goldköpfe natürlich mittendrin. Leider waren die Strände an ein paar Tagen voll mit Algen. Wir fanden das nicht so toll, aber die Fischer schon und so wühlten sie mit der ganzen Familie in ihren eingeholten Netzen im Schlick auf der Suche nach hängen- gebliebenen Fischen.

Wir wollten natürlich auch was von der Umgebung sehen und neben einem Ausflug in einen Riesensupermarkt oder zum futuristischen Leuchtturm sind wir mal nach João Pessoa ins Zentrum gefahren. Nur irgendwie konnten wir das Zentrum nicht sofort finden, wir sind in einer etwas verlassenen Gegend ausgestiegen, denn laut Stadtplan (sogar mal ein recht guter) mussten wir in der Nähe von malerischen Kirchen und restaurierten Gebäuden sein. Die haben wir auch gefunden und nach dem Sightseeing landeten wir in einem Bufferrestaurant, wo wir uns für 1,30 Euro den Bauch voll schlagen konnten, inklusive Saft. Dann kamen wir im eigentlichen Zentrum an, wo es von kleinen Geschäften und Ladenpassagen nur so wimmelte. Die Straßen waren voll und wir schmissen uns mitten ins Gewühl, machten ein wenig Shopping und erledigten unseren Internetkram. Als es dann dämmerte machten wir uns wieder auf den Weg zur Bushaltestelle, dort warteten wir zwar eine gute Stunde auf unseren Bus, aber dafür plauschten wir ein wenig mit den Leuten an der Haltestelle (wir fallen halt einfach auf, und die Brasilianer sind immer sehr interessiert). Die Heimfahrt dauerte zwar ziemlich lange, aber dafür fuhren wir durch verschiedenen Vororte, die wir uns gerne noch mal anschauten.

Nach knapp einer Woche verließen wir diesen lieb gewonnenen Ort. Als Mathias gerade bezahlen wollte, bekamen er die neue Ausgabe der CCB-Zeitung in die Hand gedrückt. Und tatsächlich waren wir drin! Das Foto wurde damals in Parati aufgenommen, die Qualität war unter aller Sau, Mathias war abgeschnitten, dafür waren Dieter, Pauli und ich drauf, die Namen allesamt falsch geschrieben und Dieter war in einem Supermarkt angestellt. Aber was soll’s, immerhin waren wir – mehr oder weniger – in einer brasilianischen Zeitung!

Auf unserer Weiterfahrt passierten wir unzählige Camarãofarmen, woraufhin wir uns auch gleich mal eine große Portion Shrimps haben schmecken lassen. Danach mussten wir mal wieder einen kleinen Fluss mit der Fähre überqueren, aber was uns dort erwartete, konnte ich gar nicht glauben. Die einzelnen Fähren waren von der Fläche her kaum größer als unser Auto und der Fährmann stieß uns mit einer langen Stange im nicht sehr tiefen Wasser voran. Unglaublich, und nicht sehr vertrauenserweckend, zumal aus unserer Fähre gerade noch das Wasser herausgeschöpft wurde. Aber wir kamen wohlauf auf der anderen Seite an, mussten noch die letzten Meter durchs Wasser fahren, und konnten unseren Weg fortsetzen.

Dann kamen wir in Praia da Pipa an, und da es sich in diesem Ort um hauptsächlich eine lange Straße handelt, voll mit (überwiegend skandinavischen) Touristen und unübersichtlichen Straßenschildern, fanden wir weder die Touri-Info, noch einen Campingplatz. Nach kurzen nachfragen lag uns direkt ein Camping vor der Nase, wo wir schön unser Auto parken konnten. Dort machten wir es uns gemütlich und liefen erst mal zum Meer. Der Weg endete an einer Steilküste mit beeindruckendem Blick auf das Meer und den Strand mit ein paar Bars, Liegestühlen und Sonnenschirmen. Wir liefen die steilen Felsen herunter, in die provisorisch eine Treppe eingeschlagen war. Eigentlich wollten wir hier mal wieder unser Surfbrett ausprobieren, doch bei diesen steilen Weg  wäre das eine waghalsige Aktion geworden. Wir gingen uns erst mal im Wasser erfrischen und glücklicherweise gab es ein paar Meter weiter eine bessere Treppe. Der Campingplatz lag zwar etwa 15 Gehminuten vom Strand entfernt, war aber direkt an der Hauptstraße und hatte witzigerweise Freilufttoiletten. Da musste man jedoch aufpassen, dass man sich beim Duschen (oder so) keinen Sonnenbrand holt!

Als wir wieder auf unserem Platz saßen, kamen zwei Nachbarn vorbei, zwei Brasilianer um die 20. Sie waren sehr interessiert an deutscher Musik und die Unterhaltung war sehr witzig. Als Mathias bereits der Kopf vom vielen quatschen qualmte, ruhten wir uns ein wenig aus. Kurz darauf kam ein Deutscher vorbei, mit dem wir auch gleich ins Gespräch kamen. Er kommt aus Berlin, war aber schon einige Wochen zu Besuch bei Bekannten bei Rio. Mit Dieter plauderten wir bis spät in die Nacht, was sehr witzig und unterhaltsam war. Am nächsten Morgen trafen wir ihn gleich wieder und dazu ein dänisches Paar, das sich gerade ein Ferienhaus in der Nähe gekauft hatten. Sie boten uns sofort an, dort für ein paar Tage zu bleiben und gab uns Adresse und alles mögliche, aber leider lag es in die entgegengesetzte Richtung. Gemeinsam sind wir dann an den Strand, haben uns beim Surfen versucht und im Schatten den tollen Strand genossen. Mit Dieter haben wir den gesamten Tag verbracht, er hatte sich direkt auf dem Camping in ein „Zimmer“ eingemietet, das er noch nicht einmal abschließen konnte und verwahrte daher seine Wertsachen bei uns auf. Am Abend wollten wir zusammen Essen gehen, doch bevor wir in ein Restaurant kamen – wir saßen tatsächlich gerade in einer Saftbar :-)- trafen wir wieder auf die Dänen. Die hatten „zufällig“ fünf Bier dabei und wir gingen auf den Campingplatz zurück, um sie gemeinsam zu trinken. Dann holte Mathias noch ein paar und es wurde ein sehr lustiger Abend, wobei es sehr angenehm war, mal wieder deutsch, bzw. englisch zu sprechen. Ganz nebenbei eröffnete uns „Dieter“, dass er eigentlich Peter heißt, aber das war uns dann egal, wir nannten ihn weiterhin Dieter. Später gingen wir gemeinsam Essen und da die Nacht noch jung war zogen wir noch mal los. Wir wohnten in dem etwas einfacheren Teil des Ortes am Ende der Touristraße, und je weiter wir ins Zentrum kamen, desto chicer und schöner wurden die Restaurants und Cafés. Dort gab es unzählige Kneipen mit Livemusik, wo wir in einer hängen blieben. Später ging es noch weiter in eine andere Bar, und langsam wurden wir immer weniger, bis am Ende nur noch – wie immer -  Mathias und ich übrig blieben. Wir waren schon fast zu Hause, da fragten uns ein paar Argentinier nach dem Weg in eine Disko. Gemeinsam gingen wir auf die Suche, dort ließ man uns nicht mehr rein (wie wir hinterher sahen, weil nix los war!) dafür lernten wir auf der Straße zwei lustige Schweden kennen. Mit ihnen holten wir uns noch ein paar Bier am Kiosk und landeten schließlich wieder mal bei uns. Als wir endlich alle müde waren und die Schweden nach Hause gegangen sind, sind wir vom Hunger übermannt noch mal nebenan in die Bäckerei und haben leckere Käsebällchen geholt. Doch haben wir es nicht gleich wieder nach Hause geschafft, am Camping gab es eine kleine Pizzeria, die bis spät nachts geöffnet hatte (besser gesagt, es war mittlerweile 8.00 frühs), dort wurden wir vom schwulen Saftbarwirt aufgehalten. Wir ließen uns zu einem letzten Bier überreden und um 9.00 lagen wir endlich in der Falle.

Doch die Nacht war kurz, schon nach 3 Stunden standen die lustigen Dänen wieder vor unserer Türe um sich zu verabschieden. Kurz darauf traf auch Dieter wieder ein – er hatte sich ein anderes Zimmer gesucht – und wir lümmelten den ganzen Tag vor uns hin. Mit ihm ist es äußerst witzig, er ist sehr locker und ein angenehmer Zeitgenosse mit dem man gute Gespräche führen kann. Außerdem war es für ihn wie für uns das erste Mal seit Langem, dass wir wieder ausgiebig deutsch sprechen konnten, und das haben wir alle gebraucht. Ist schon witzig auf welche Leute man immer wieder auf Reisen trifft, oft sind es welche, die man in Deutschland gar nicht kennen lernen würde, aber immer stellen sie sich als tolle Bekanntschaften heraus. Am Nachmittag schafften wir es wenigstens mal ein paar Meter zu einem Plateau mit grandioser Aussicht auf die Küste zu laufen. Von dort aus starteten immer die Paraglyder und auch wir bekamen ein gutes Angebot für einen Flug bei Vollmond, doch das wollten wir unseren geschädelten Köpfen heute nicht antun.

Auch den nächsten Tag verbrachten wir zusammen am Strand, eigentlich sahen wir uns fast jede Minute. Als wir dann abreisen wollten, fragten wir Dieter ob er nicht noch eine Nacht mit uns verbringen möchte. Wir wollten nach Natal fahren, von wo aus er eh seinen Bus nach Rio nehmen wollte. Kurzerhand sagte er zu, wir würden schon einen Campingplatz mit Unterkunft für ihn finden. Die Strecke nach Natal war sehr schön, und auch Dieter genoss die Vorzüge eines eigenen Autos („Da sieht man ja richtig was!“). Immer wieder hielten wir für Fotostopps an, um die tolle Küste oder Sandbuchten festzuhalten. Unterwegs hielten wir an einem 100 Jahre altem Cashew-Baum, der eine Fläche von 8.000m² haben soll. Doch irgendwie stellten wir uns die Sache toller vor, aber immerhin kaufte ich mir ein Postkarte mit beeindruckender Luftansicht des mitten im Ort gelegenen Baumes.

Wir hatten im Internet einen Campingplatz entdeckt, doch blöderweise hatten wir uns die Adresse nicht rausgeschrieben. Und so irrten wir wieder mal herum, suchten auch vergeblich eine Touri-Info und schauten letztendlich noch mal im Internet, konnten die Seite aber nicht mehr finden. Wir waren bereits ziemlich entnervt, Dieter immer noch ganz gelassen, und wir fuhren schließlich auf den Camping vom CCB. Der wurde uns schon vielfach von anderen Reisenden angepriesen, doch konnten wir dem zwar grünen, aber weit außerhalb von allem liegenden Platz nicht viel abgewinnen. Aber egal, wir blieben erst mal da, Dieter – übrigens 52, aber wir hätten ihn gut 10 Jahre jünger geschätzt – wollte ganz unkompliziert in der Hängematte schlafen. Dort war noch nicht ganz klar, wie viel Dieter bezahlen sollte, der Platzwärter konnte auch mit unseren ADAC-Karten nicht so viel anfangen, was daran gelegen haben könnte, dass er nicht lesen kann. War uns dann auch egal, wir mussten erst mal was essen. Zum Glück gab es wieder auf dem Camping ein kleines Bistro, doch das Hähnchen der Jungs war mäßig und ich habe mir eigentlich Hackfleisch bestellt, habe aber irgendwelche bröckelige Leberstückchen mit undefinierbaren „Schläuchen“ drin bekommen. Dann haben wir halt doch noch mal den Weg nach draußen gewagt und sind an einem guten Burgerstand gelandet. Wieder „zu Hause“ haben wir noch lange draußen gesessen und Dieter hat sich – in der Hoffnung auf eine regenlose Nacht – die Hängematte hergerichtet.

Es gab keinen Regen in der Nacht und wir haben nach einem ausgiebigen Frühstück und nach einem Besuch der süßen kleinen Äffchen unsere Sachen gepackt. Beim Bezahlen akzeptierten sie diesmal unseren Ausweis und Dieter hat als Angehöriger wie wir auch nur 2 Euro bezahlt. Ha! Wir sind noch mal zu den bekannten Sanddünen von Natal gefahren und haben „Dauer-Dieter“ dann zum Busbahnhof gebracht. Der Bus fuhr glücklicherweise gleich darauf ab und er hatte eine Reise von läppischen 44 Stunden (!) nach Rio vor sich.

Am Abend übernachteten wir wieder mal an einer Tankstelle, wo wir zeitig müde ins Bett fielen. Wir merkte ja schon die ganze Zeit, dass wir mal eine Pause brauchen, sozusagen „Urlaub vom Urlaub“, denn wir sind einfach nicht mehr aufnahmefähig. Wir können uns kaum noch merken, wann wir wo übernachtet haben, es kommt einfach zu viel rein in unseren Kopf. Und selbst wenn wir ein paar Tage an einem Ort bleiben, wie die letzten Tage in Praia da Pipa, kommen wir einfach nicht zur Ruhe! Es ist zwar immer wieder total super und interessant, aber einfach zu viel. Das habe ich dann auch am nächsten Tag sehr zu spüren bekommen, ich war einfach die ganze Zeit müde und erschöpft. Wir haben uns noch in zwei kleinen Orten umgesehen, der eine davon lag mitten in den Dünen, aber kaum waren wir ein paar Minuten im Auto bin ich sofort wieder eingeschlafen. Wir waren ganz froh, dass die weitere Gegend schon fast langweilig war, so gab es nicht so viele neue Eindrücke für uns.

In Iguape haben wir den – wieder mal leeren – Campingplatz gleich gefunden. Der lag in der Nähe vom Strand und hatte zwei Pools. Wir parkten uns zwischen die Palmen, verpflegten und fürs nötigste im Minimercado und fielen müde ins Bett. Und das schon um 16.00, aber scheinbar hatten wir den Schlaf bitter nötig, denn wir schliefen tatsächlich durch bis morgens um 7.00!

Die nächsten zwei Tage haben wir fast gar nichts gemacht, mal unsere Wäsche gewaschen, mal einen der unzähligen dicken Kröten aus dem Pool gerettet, mal selbst im Pool geplanscht, uns die tief hängenden Kokosnüsse schmecken lassen, ein bisschen am Auto gewerkelt und geräumt und sonst einfach nur viel geschlafen und abgeschaltet. Eigentlich wollten wir dort ein wenig länger bleiben, aber nach einem Bummel durch den Ort mussten wir feststellen, dass die Gegend und der Strand eigentlich doch nicht so idyllisch sind. Auch waren kaum Leute unterwegs, und wir fragten uns schon, wem der süße Opi, dem wir Kleinigkeiten wie eine Muschelkette oder süßes Kokosgebäck abkauften, sonst als Kundschaft fand?

Außerdem wollte ich mal wieder Reisebericht schreiben, aber da bei meinem Laptop einige Tasten nicht mehr so ganz wollten wie ich (ohne Leertaste fehlt halt einfach was!), wollten wir das Problem in Fortaleza beheben lassen. Dort gab es auch einen Campingplatz in Strandnähe, den fanden wir trotz bescheidener Ausschilderung und ohne Stadtplan recht gut. Dieser war – zum Glück – geschlossen, denn dort hätten wir nicht bleiben wollen, denn sowohl der Platz als auch die Gegend waren uns irgendwie zu assig. Dafür fanden wir ein gutes Internetcafé, wo zufälligerweise ein Computertechniker anwesend war, der sich um mein Problem kümmerte. Er meinte jedoch, dass eine Reparatur nicht lohne, ich sollte mir lieber eine externe Tastatur anschaffen, checkte sofort im Internet nach Angeboten, und wir bekamen eine tolle Wegbeschreibung inklusive Stadtplan. Nachdem wir einige Zeit im klimatisierten Shopping verbracht hatten fuhren wir gleich wieder stadtauswärts, verfuhren uns noch mal trotz Stadtplan und Schildern in der 2,2 Mio. Stadt. Endlich waren wir auf der richtigen Ausfahrtsstrasse, da wurde es bereits dämmerig und wir erlangten dadurch interessante Einblicke in die Häuser der Bewohner. Wichtigstes „Möbelstück“ neben dem Fernseher war in den kleinen Wohnräumen die Hängematte, ob quer durch den Raum gehängt, oder vor die Veranda, die darf nirgends fehlen. Und dazwischen natürlich unzählige kleine Lebensmittelläden und Bars, immer mit einem Billardtisch unter der Veranda ausgestattet. Die Nacht verbrachten wir wieder mal an einer Tankstelle, ließen uns eines der besten Fleischgerichte schmecken, plauderten mit dem Kellner, der von unserem Vorhaben nach Venezuela zu reisen ganz angetan war, da er dort selbst für einige Jahre wohnte. Wir genossen die laue Nacht, das Bier, unter den Bäumen haben die Fernfahrer ihre Hängematten platziert, die parkenden Autos beschallten das ganze Gelände mit lauter und immer der gleichen Forró-Musik aus den riesigen Boxen im Kofferraum. Gleich am Morgen ging die Musik weiter und nach einem Ölfilterwechsel auch unsere Reise. In der etwas trockenen und kargen Landschaft, die uns irgendwie an Argentinien erinnerte, ließen wir uns unterwegs ein regionaltypisches Frühstück schmecken und die Landschaft änderte sich allmählich. Die Erde war rot, Kakteen und Palmen säumten die Straße, am Rand viele weidende Esel und Ziegen, die Abwechslung tat unserem Auge gut. Je weiter wir ins Landesinnere des Nordwesten kamen, desto ärmer wurden die Gegenden, wir sahen immer weniger Autos, natürlich weiterhin die in jeden Winkel des Landes fahrenden LKWs, viele Fußgänger und Eselreiter, Radfahrer und natürlich Mopeds (oft als Taxis). Und damit wird einfach alles transportiert. Nichts ist zu hoch, zu breit oder zu unförmig, dass man es nicht auf jegliches Fortbewegungsmittel schaffen könnte. Tja, bei Benzinpreisen von etwa 1 Euro, wer kann sich da schon ein Auto leisten? Aber was sich viele leisten können – oder wollen – ist ein Besuch in einem der zahlreichen und im ganzen Land vorkommenden Motels. Die großen Komplexe an den Hauptrouten haben hohe Mauern und diskrete Einfahrten, und für die Brasilianer ist der Besuch nichts anrüchiges, sondern eine der normalsten Dinge der Welt. Hier treffen sich nicht ausschließlich Ehebrecher, sondern Verliebte ohne eigene Wohnung, oder Eltern, die mit der zahlreichen Familienmitgliedern auf engem Raum wohnen und ein wenig Privatsphäre benötigen. So ist das hier halt.

Plötzlich führten Serpentinen in die Berge, die Luft kühlte merklich ab, die Landschaft wurde schnell saftig grün, änderte sich auf einen Schlag von gefühltem Argentinien in Venezuela. Wir kamen durch kleine Bergorte, wo geschäftiges Treiben herrschte, durch größere Städte mit Straßenmärkten und bunten Kirchen, wir waren überrascht und erfreut über die Abwechslung. Die Straße in den Nationalpark Urubujá, dem kleinsten Park Brasiliens, war erstaunlich gut und bestens ausgeschildert. Wir haben uns dort bei einer Pousada einquartiert, die in der großen und gepflegten Gartenanlage die Möglichkeit zum Campen anbietet. Überall standen kräftige Palmen, üppig blühten die Bäume, nebenan grasten die Pferde. Irgendwie war die Anlagenbetreiber – wie so oft in Brasilien – recht christlich angehaucht, auf der Speisekarte oder auf überall angebrachten Schildern waren Sprüche wie „Gott ist treu“ oder Bibelsprüche angebracht.

Wir konnten den großen Pool mitbenutzen, haben wir natürlich gleich gemacht, neben brasilianischen Reisegruppen, die alle mit dem gleichen T-Shirt bestückt wurden und finnischen Urlaubern, die sich alle mit dem gleichen rosaroten Hautton auf den Sonnenliegen weiter „bräunten“. Nachts wurde es mit 18° merklich frisch, was uns gut schlafen ließ, aber Mathias einen kleinen Schnupfen einbrachte.

Am nächsten Morgen wollten wir den nur 500m entfernten Park erkunden. Dort unternahmen wir mit Führer und zwei anderen Touristinnen eine Wanderung durch den Dschungel – wir durften nicht ohne!. Wir hielten bei einigen Wasserfällen und tollen Aussichtspunkten über das vor uns liegende Tal und die für den Urwald untypischen zahlreichen Palmen. Der Weg war anfangs bequem zu laufen, doch dann mussten wir mal über große Steine klettern, mal durch Flüsse und die Strecke wurde beschwerlicher. Wilde Tiere begegneten uns immer noch keine, nur Gruppen mit Eselstreibern überholten uns. Die Männer trugen trotz des steilen und rutschigen Untergrunds Badeschlappen (!), einer hatte sogar noch ein Bettgestell auf den Schultern, und überholten uns mit ihren bis zu zwanzig Tieren mit Leichtigkeit. Wir erfuhren, dass diese Strecke schon immer als Verbindungsstrecke zwischen den Bergdörfern diente und die Esel bringen auf dem Weg nach oben Brennkohle, verschiedene Gemüse usw. mit. Die Strecke endete an einer Grotte, die fürchterlich nach Fledermauspisse roch, dafür hübsch beleuchtet war. Davor fanden sich einige brasilianische Schüler ein, die sehr angetan von uns zwei „Exoten“ waren. Schließlich wollten sie, ungeachtet unserer schwitzigen Köpfe, unbedingt Fotos mit uns machen. Na, wenn sie das glücklich macht…

Danach ging es mit einer steilen Seilbahn wieder nach oben, von der Plattform hatte man noch mal eine tolle Aussicht, und erschöpft (vor allem der kränkelnde Mathias) gingen wir wieder nach Hause. Dort trafen wir auf unsere Wanderbegleiterinnen, eine Brasilianern und eine Chilenin, mit denen wir uns noch angenehm unterhielten.

Wir entschlossen, noch einen weiteren Tag die frische Luft, die schöne Anlage und die Ruhe zu genießen. Doch war es am folgenden Tag wirklich frisch, ich hatte lange Klamotten an und wickelte mich gegen den frischen Wind in eine Decke. Das war richtig super, nach vielen Wochen Dauerhitze, einfach mal wieder zu frieren. Ich schrieb endlich an meinem – wie immer lang überfälligen – Reisebericht, musste jedoch mit meinen Zigaretten stark haushalten. Am Abend waren wir noch mal richtig gut Essen (soweit das bei dieser katastrophalen Restaurantleitung möglich war, nämlich gar nicht!) und am nächsten Morgen ging’s dann weiter.

Nachdem wir die Bergwelt hinter uns gelassen hatten, führte unsere Strecke an Teresina, der heißesten Stadt Brasiliens mit Temperaturen bis zu 40°, vorbei. Leider verfehlten wir die Umgehungsstraße, also fuhren wir mitten durchs Gewühl. War aber nicht so schlimm, denn gerade an diesem Tag war’s mit gerade mal 27° nicht besonders heiß, die lebendige Stadt war toll anzusehen und wir fanden mit nur seltenem Nachfragen recht schnell wieder heraus. Schilder gibt´s ja keine! Doch es wurde gegen Nachmittag immer schwüler und der heftige Regen bescherte nicht nur die notwendige Abkühlung, sondern auch Überschwemmungen in der Gegend. Tat zwar den garkeligen Fächerpalmen nicht so gut, die standen oft mit hängenden Wedeln in den Schwemmgebieten, dafür war die Landschaft schön tropisch grün. An den Straßenrändern standen kleine Häuser aus Lehm mit Palmdächern, die Vegetation wurde dichter und undurchdringlicher, wir waren beide begeistert. Am Abend kehrten wir in einer großen Churrasceria, einem Fleischrestaurant, ein, wo wir dann auf dem bewachten Parkplatz bei strömendem Regen über Nacht blieben. Ganz nebenbei hatten wir heute die Marke von 40.000 km in Südamerika und 10.000 km in Brasilien überschritten. Wow, und unser Pauli läuft und läuft und läuft…!

Unterwegs nach São Luís, wo wir das Faschingswochenende verbringen wollten, kamen wir wieder an unzähligen kleineren und größeren Orten vorbei. Deren Zentrum befindet sich meist direkt an der Straße, von dort aus geht die Bebauung nach links und rechts ins Land. An der Straße herrscht Gewusel, es stehen Straßenstrände mit Kleidern und Kleinkram am Rand, in den offenen Schaufenstern der Läden hängen Fleischstücke aus und überall herrscht geschäftiges Treiben. Kinder fahren mit ihrem Fahrrad vorbei, in den Händen oftmals Vogelkäfige, die Vögel sind entweder Sammel- und Tauschobjekte oder werden verkauft. Wieder aus den Orten heraus stehen Frauen vor den unzähligen Straßenständen an der Straße und halten den Autos dampfende Maiskolben entgegen. Danach folgen wieder grüne Flächen mit unzähligen Fächerpalmen darauf und unterbrochen von roter Erde.

Dann kamen wir in São Luís an, einer kolonialen Stadt mit 850.000 Einwohnern, die   einzigste Stadt, die von den Franzosen gegründet wurde. Sie ist eine der Städte Brasiliens mit dem größten Anteil Schwarzer und ist bekannt für seinen Reggae. Wir haben uns auf der Suche nach der Touri-Info durch die Ministräßchen gequält, diese aber leider nicht finden können. Touri-Infos gibt es ja schon selten genug in Brasilien, und dann finden wir sie nicht mal! Die Hitze und die vollen engen Gassen machten die Suche nicht angenehmer. Wir erfuhren von den Dänen aus Praia da Pipa, dass es einen Campingplatz in der Nähe geben soll. Doch leider kam die E-Mail mit der Frage nach der Wegbeschreibung wieder zurück, Empfänger unbekannt. Also machten wir uns selbst auf die unbestimmte Suche. Auf der anderen Seite der Brücke, die die Stadt von ihren Stränden trennt, fuhren wir ewig an der Promenade verschiedener Vororte entlang, manche Leute konnten uns eine Wegbeschreibung geben, dort wiederum versicherte man uns, dass es noch nie einen Campingplatz hier gegeben habe. So ging das ganze für ein paar Stunden, man informierte uns noch über einen öffentlichen Strandabschnitt, wo am Faschingswochenende wohl einige Leute wild zelten, es jedoch nicht besonders sicher sein sollte. Na, das brauchen wir dann auch nicht! Zwischenzeitlich versuchten wir eine andere Info zu finden, die in einem Shoppingcenter untergebracht sein sollte, doch nicht mal das konnten wir finden. Dann versuchten wir es beim Freizeitcamp des Militärs, die wussten dort leider auch nichts, gaben uns aber wieder eine andere Info. Auf der Suche danach hielten wir völligst entnervt an einer Tankstelle, fragten nach dem Weg, dort klärte man uns jedoch nur auf, dass dort Privatgelände sei, aber nix mit Camping. Da soll einer sagen, reisen ist immer easy!

Desillusioniert saßen wir im Auto, die freundliche Tankwärtin reichte uns zwei Verschwitzten erst mal Wasser und Kaffee, und bot uns zwinkernd an, doch hier zu bleiben, hier gäbe es Duschen und immer Kaffe. Dieses Angebot wollten wir jedoch nur im Notfall annehmen, wir änderten erst mal unsere Pläne. Wir fuhren zurück ins Zentrum und suchten dort nach einem Hotel. Laut Reiseführer gab es auch ein bezahlbares mit Pool, dort angekommen stellte sich leider sowohl die Preis- als auch die Poolinfo als falsch heraus (Reise Know-How Brasilien, kannst die Hälfte der Infos vergessen!) Was sollten wir aber bei so einer Hitze mitten in der Stadt ohne Pool? Ich fragte nach einem anderen Hotel in der Nähe, und siehe da, nur ein paar Meter weiter noch in der selben Straße, im Herzen der Stadt wurden wir fündig.

Das Hotel war wohl nicht mit Sternen ausgestattet, hatte aber bröckeligen Kolonialcharme und unser Zimmer lag direkt vor dem erfrischendem Nass. Das Zimmer war nicht besonders groß, hatte Ventilator und TV, jedoch war die Toilette direkt ins Zimmer gebaut, mit einer Wand getrennt aber oben offen. Aber wir fühlten uns wohl und waren froh, nach diesem anstrengenden Tag etwas gefunden zu haben. Wir mieteten uns gleich für die nächsten fünf Tage ein und stürzten uns ins Wasser. Dass heute Valentinstag war, davon hatten wir hier nichts mitbekommen, aber wir erinnerten uns zufällig daran und hatten uns somit ein schönes Geschenk gemacht.

Am Abend wollten wir in der Stadt etwas Essen gehen. Irgendwie herrschte auf den Straßen eine seltsame Atmosphäre. Ein diesiger Dunst hing in den leeren Gassen, alle Restaurants hatten geschlossen, die schummrige Straßenbeleuchtung war schwach und wir fühlten uns wie in einem englischen Krimi, nur ohne Regen. An einem schwach beleuchteten Platz vor einer Kirche wurden wir dann endlich fündig. Dort gab es neben einfachen Trinkbuden einen Stand mit Fleisch- und Wurstspießen, dazu gab es Reis und Salat, alles genau nach unserem Geschmack.

Am nächsten Morgen wollten wir das Frühstück natürlich nicht ausfallen lassen und wurden mit einer üppigen Auswahl von Früchten, Säften, Eiern, Kuchen… überrascht. Gut gestärkt unternahmen wir einen Stadtbummel, erfreuten uns an den alten Straßenzügen, den bunten Häusern, viele davon mit Azulejos (typisch portugiesischen blauen Fliesen) an den Fassaden, den steilen Gässchen, den Obstverkäufern mit ihren Handkarren und den unzählige Marktständen, an denen Radios, Unterwäsche, Hängematten oder Keilriemen verkauft wurden. Und immer wieder trifft man auf Frauen, die mit sich mit geöffnetem Regenschirmen gegen die Hitze schützen. Einfach eine schöne Stadt mit Flair! Viele Fassaden waren sehr verwittert, die Hautfarben gut gemischt, das ist es, was uns so gefällt. Trotz der Hitze fühlten wir uns wohl, und die überall aufgestellten Figuren mit grauslichen Masken erinnerten schon an den bevorstehenden Karneval. Wir gönnten uns ein Bier in einem kleinem Restaurant im ersten Stock, von wo aus wir einen grandiosen Blick auf das Gewusel der Straße hatten. Vor unserem Hotel spielten Kinder auf der Straße, und trafen sie mit ihrem Ball eines der Autos, diente die Alarmanlage als Hintergrundmusik für rhythmische Bewegungen. :-)

Und es war Karneval. Wir beiden sind zwar schon sehr feierfreudig, aber nicht solche Jecken, dass wir an Karneval unbedingt abgehen müssen. Am Donnerstag begnügten wir uns mit zwei Bier, verpassten leider den Faschingszug, beobachteten aber danach die Feiernden vor einer überfüllten Partyhalle mit Lifemusik. Irgendwie war es auch nicht so anders als bei uns. Davor standen wieder die Straßenverkäufer mit ihren Styroporkisten, um die Massen mit gekühlten Getränken zu versorgen. Manche waren verkleidet, viele darunter in typischer Tracht mit weiten bunten (Strampel-)Anzügen und skurilen Masken, andere als Prinzessin, Clown oder Sindbad, andere in ganz normalen Kleidern. Wir fielen also lediglich durch unser Aussehen und dem geringen Alkoholkonsum auf. Aber wir wollten uns unsere Energie für den nächsten Tag aufheben.

Wir lernten im Hotel die Stuttgarter Theresa und Jens kennen, die nach ihrem 3-monatigen Praktikum in São Sebastião jetzt mit einem Argentinier weiter unterwegs waren. Am Abend waren wir gemeinsam Essen, tranken diesmal viel Bier und eine Flasche Honiglikör, den Theresa am Tag besorgt hatte. Später wollten wir dann doch ein bisschen Fasching feiern und begaben uns beschwingt zur Halle des Vorabends. In die andere Richtung der Stadt zu gehen, hatte man uns dringend abgeraten, dort sei es zu gefährlich. Doch leider fand an diesem Tag nichts in der Halle statt, überhaupt waren wir auf der vergeblichen Suche nach Karneval, und so landeten wir erst in einer Reggaebar. Später liefen wir durch die Gassen, stoppten bei einer afrikanisch anmutenden Tanz- und Trommelgruppe auf einem kleinen Platz. Gerade setzte ein heftiger Regenschauer ein, und alle verzogen sich ins Innere einer Kneipe mit Nebenraum und tanzten dort weiter. Wir saßen verzückt daneben und bestaunten die ungewohnten Tänze und Bewegungen, bei denen jeder mitmachen konnte. Das haben wir natürlich nicht, das überlassen wir denen, die es können. Einfach geil dort, doch unglaublicherweise wurde die spontane Veranstaltung um 2.00 von der Polizei abgebrochen! Mitten im „regellosen“ Brasilien, an Karneval! Da soll noch mal einer was über Deutschland sagen…. Wir haben uns dort noch ein bisschen unterhalten, sind dann selig nach Hause geschlendert und haben bis 4.00 noch im Hof gesessen und dem Regen gelauscht.

Blöderweise hatten Jens und Theresa schon seit einigen Tagen Durchfall mit sich herumgeschleppt, und nachdem Mathias am Vorabend unbedingt eins ihrer Gläser leeren musste, fing es bei ihm dann auch an. Nicht sehr schön, und somit verliefen die nächsten Tage wesentlich ruhiger. Am Samstag haben wir den ganzen Tag im Bett gelümmelt, endlose (blöde) Spiel- und Partnershows im Fernsehen angeschaut und am Abend gingen wir noch mal gemeinsam zum Faschingszug. Aber irgendwie kamen die Wagen nur in großen Abständen vorbei, die Leute drum herum waren meist mit gleichfarbigen T-Shirts ausgestattet, wobei diese von den Mädels auf knappste sexy Fetzen zurechtgestutzt wurden. Die mobilen Getränkeverkäufer durften wie immer nicht fehlen, ebenso wenig wie Cocktail- und Fressstände. Auf den umgebauten Wagen und Bussen standen Bands obenauf, spielten Musik und sangen was das Zeug hielt. Wenn es auch manchmal etwas anstrengend für die Ohren war. Einige Leute waren auf der Straße unterwegs, tranken, sprühten Dosenluftschlangen, sangen und tanzten, ungeachtet des einsetzenden Regens. Die Stimmung war nicht gerade was wir uns unter brasilianischen Karneval vorgestellt hätten. Wir gingen früh wieder nach Hause, Mathias fühlte sich schwach und musste wieder schnell auf den Pott! ;-)

Am Sonntag verabschiedeten sich die beiden Stuttgarter und wir verbrachten noch einen geruhsamen Tag im Hotel und am Pool. Viel konnten wir auch nicht unternehmen, denn so ziemlich alles in São Luís hatte geschlossen. Am Nachmittag raffte sich Mathias trotz Kränklichkeit auf, wir unternahmen einen kleinen Stadtbummel und landeten bei einer Faschingsveranstaltung auf einem Platz mit Bühne. Dort setzte eine afrikanische Folkloregruppe den Auftakt, gefolgt von einer farbenfrohen Show – ich glaube wir sind auf einer Kinderfasching gelandet. Jedenfalls sehr lustig und interessant und am süßesten waren die kleinen Mädchen, die mit Pampers und Baströckchen dazu tanzten. Später kamen wir in den Genuss, eine der bekanntesten Sängerinnen der Region auf der Bühne live zu erleben.

Als der Regen einsetzte machten wir uns auf den Nachhauseweg, aßen noch an einem der „Futtergrippen“ Spießchen und trudelten im Hotel ein. Dort erwarteten uns zwei Australierinnen, die uns nach Faschingsinfos fragten und mit uns ausgehen wollten. Die Infos konnten wir geben, doch mehr auch nicht. Mathias legte sich schnell wieder ab, ich machte Bekanntschaft mit einigen anderen Hotelgästen und verbrachte mit ihnen lustige Abendstunden im Hotelhof. Als sich dann alle auf dem Weg zum Feiern machten, legte ich mich zu meinem Patienten.

Am Montag wollten wir weiter Richtung Belem fahren. Wir wollten von São Luís die Fähre nehmen, doch wurden wir aufgeklärt, dass es weder freie Plätze gab und die 200 gesparten Kilometer gegenüber der Strecke auf dem Landweg nicht wirklich günstiger waren. Mathias ging es schon besser und so luden wir – wieder mal – bei strömendem Regen unser Auto ein. Zumindest, nachdem sich der in aller Seelenruhe frühstückende Gast nach einer halben Stunde endlich dazu aufgerafft hatte unser eingeparktes Auto zu befreien! Unsere Bekannten vom Vorabend halfen uns eifrig beim Einladen und nachdem wir alles wahllos hinten reingeschmissen hatten ging es endlich los. Wir mussten stadtauswärts durch die „böse“ Gegend fahren und haben tatsächlich unterwegs ein Sambadrom entdeckt. Jetzt wussten wir auch, wo hier der richtige Karneval stattfand – dort wo wir besser nicht hin sollten! Drum herum standen die aufgeweichten Faschingswagen, oder sie wurden gerade auf der unter Sintflut stehenden Straße entlanggeschoben und für den Abend wieder fit gemacht. War uns aber egal, wir mussten erst mal Mathias wieder richtig fit machen, die Medikamente schlugen nämlich nicht an, und fieberten gespannt unserem Amazonasabenteuer entgegen…

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