27. Carúpano II – Caracas (Colonia Tovar)

27. Entlang der venezolanischen Karibikküste – mit Abstecher zu deutschen Schmankerln 

Isla Margarita / Playa el agua (24.05.) – Carúpano (25.05.) – Gran Sabana / Santa Elena de Uairen (30.05.) – Carúpano (01.06.) – Peninsula Araya (02.07.) – Puerto la Cruz (03.07.) – Colonia Tovar (05.07.) – Chichiriviche de la Costa (07.07.) – Colonia Tovar (12.07. – 14. 07)

Wir sind wieder gut auf venezolanischem Boden gelandet und wurden gleich von Marlene abgeholt und zu unserem Pauli gebracht, der verdreckt aber wohlauf auf uns wartete. Danach haben wir gleich versucht, ein neues Visum für unser Auto zu bekommen, dazu schickte man uns zum SENIAT, der Zollbehörde Venezuelas, in der Nähe vom Fährhafen. Dort bestellte man uns jedoch wegen der Feierabendzeit noch mal für den nächsten Tag her. Wo wir schon am Hafen waren, wollten wir uns gleich Tickets für die Fähre aufs Festland holen, aber das konnte man dort nur für den selben Tag lösen oder musste dafür ins Zentrum nach Porlamar fahren. Sehr erfolgreich bis dahin!

Danach sind wir nach Juan Griego gefahren, haben dort wenigstens zu einem guten Kurs Geld gewechselt und sind noch ein wenig durch das idyllische Städtchen gebummelt. Wir haben uns dann in Playa el Agua in eine Posada eingemietet, diesmal unbedingt was mit Klimaanlage, denn die Hitze ließ uns die Kleider am Körper kleben. Außerdem hatte das Zimmer einen Fernseher, doch viel sehen konnte man nicht, da auf jedem (!) Programm die „Dauerwerbesendung“ des Präsidenten Chavez lief. Aber wir waren ja auch nicht zum Glotzen da, sondern wollten am Abend noch mal zum Hotel Flamenco um die Animateure wieder zu sehen. Das gab ein großes Hallo dort und alle sind uns überschwänglich um den Hals gefallen. Doch gleich sollte die Abendshow stattfinden, zu der wir eingeladen wurden. Doch nach diesem langen Tag waren wir nicht mehr so besonders fit und die Sketche kannten wir schon, also verabschiedeten wir uns mit einer lockeren Verabredung für den nächsten Tag, zur Geburtstagsfeier einer der Animateure und fielen geschafft ins Bett.

Am nächsten Morgen sind wir früh morgens abermals zum SENIAT, dort hat man sich auch ausgiebig Zeit für unser Anliegen genommen, aber uns letzten Endes mit der Aussicht auf einen weiteren „Ausflug“ an die Grenze entlassen, da man ausschließlich dort das Visum verlängern könne. Was ist das denn, da scheint Venezuela so toll organisiert, Mathias kann trotz Stempel im Pass ausreisen, aber um das Visum zu verlängern sollen wir 1500 km zur nächsten Grenze fahren??? Das wollten wir erst mal sehen…

Auf jeden Fall war uns die Lust auf Party am Abend vergangen, wir kauften kurzerhand das Fährticket und fuhren am selben Nachmittag zurück aufs Festland. Nach vier heißen Stunden in der Hafengegend und vier unterhaltsamen Stunden auf der Fähre kamen wir in der Abenddämmerung in Puerto la Cruz an. Dann nur noch vier Stunden Fahrt an der Küste entlang und wir waren „schon“ wieder in Carúpano in der Posada Panda wo Renata bereits sehnlichst auf uns wartete. Markus war derzeit in Deutschland und sie schmiss alleine den Laden. Sie hatte zwar viel an der Posada gearbeitet, aber langsam ging ihr so alleine die Puste aus.

Gleich am nächsten Abend kam Sigrid mit zwei schweizer Gästen vorbei, und da wir ja noch ihren Geburtstag nachzufeiern hatten, wurde der Abend lang. Nachdem ich mit Roger alias „Röschi“ alle Ärtzelieder durchgesungen hatte, Mathias mit ihm alle Fußballgemeinsamkeiten ausgetauscht hatte, die letzte Bratwurst gegessen und das letzte Bier getrunken war, ging die Party richtig los. Die Cuba libre wurden nur noch per Strohhalm geext, wir tanzten barfuß durch die Küche und Sigrid „peitschte“ mit Claudios Gürtel in der Hand die mittlerweile nur noch in Unterhosen bekleideten Jungs aus. Was soll ich sagen: „Teufel Alkohol!“ Nach ihrem 16. Cuba libre (gemeinsam) schickte ich die Schweizer um 5.30 nach Hause, Sigrid brachte die Jungs unter Einbeziehung des kompletten Strandes heim, Renata war bereits bettfertig und Mathias überzeugte ich noch, besser nicht auf dem Tresen zu schlafen. Na dann, gute Nacht!

 

Am Sonntag waren die Köpfe logischerweise dick, aber dank des Regens das Posadarestaurant relativ leer. Wir vertrieben uns die Zeit mit Backgammon (ja, wir haben es wieder aus der Kiste geholt, aber nicht für lange J) oder lümmelten im Bett, bis am Abend die Pizzabestellungen reinkamen.

Am Montag war schon wieder feiern angesagt, denn Roger hatte 30. Geburtstag. Mit den Bildern vom Vorabend als Videogeschenk und mit Mathias heiß geliebtem Kickers-Schal bewaffnet ging’s rüber in die Posada Nena. Aber auch die Jungs waren zum Glück noch nicht so fit und so war der Abend diesmal von lustigen Gesprächen geprägt und wurde nicht so heftig und lang andauernd. Dort trafen wir auch auf die ersten anderen Reisenden, die mit ihrem Fahrzeug in Venezuela unterwegs waren. Es waren alte Bekannte von Claudio und Roger, die für sieben Jahre durch die Welt tingeln und als nächstes über Kolumbien nach Nordamerika fahren wollten.

 

Für uns war ja noch der Papierkram angesagt, um das Visum fürs Auto zu verlängern. Luis „der Bürgermeister“, ein Bekannter von Markus und Renata, der mal auf dem Rathaus gearbeitet hat, verfügt über alle notwendigen Kontakte und lebt vom „Beschleunigen“ von Anträgen. Also bereiteten wir ihm Kopien von unseren Papieren vor, er wollte sich dann darum kümmern. Das ganze musste nur schnell gehen, denn das andere Visum lief in etwa einer Woche aus. Er ging die Angelegenheit auch sofort an, doch auch er konnte mit seinen Verbindungen nicht mehr erreichen. Wir hatten noch die vage Möglichkeit alle Papiere nach Caracas zu schicken, aber die Sache war uns zu knapp und unsicher. Also beschlossen wir, doch lieber die Sache selbst in die Hand zu nehmen und an die brasilianische Grenze zu fahren.

 

Am Mittwoch sind wir um 4.00 aufgestanden, um 5.00 ging die Reise los, wir hatten ja einen weiten Weg vor uns. Ein bisschen im Landesinneren war die Gegend schon etwas grüner, aber die Landschaft interessierte uns diesmal nicht sonderlich. Die ersten Stunden kamen wir wegen der kurvigen Strecke und der vielen Ortschaften und zahlreichen Geschwindigkeitsbegrenzern nicht richtig voran, ab Maturin ging es dann besser. In Puerto Ordaz entschieden wir uns diesmal für die neue „Chavezprestige“-Brücke statt für die Fähre. Und wir merkten, wie wir unsere Einstellung zu diesem Land langsam aber sicher änderten, denn als wir in El Dorado ankamen, empfanden wir die Gegend bei weitem nicht mehr so schlimm und assig wie beim ersten Mal. Wir mussten uns halt erst wieder an dieses Land gewöhnen, was uns mittlerweile bestens gelungen ist. Zum Sonnenuntergang erreichten wir bereits den Nationalpark Canaima. Wir suchten uns erst mal einen geeigneten Duschplatz, denn nach 13 Stunden bei 33° im Auto, da brauch ich wohl nichts weiter dazu zu sagen. Danach wollten wir unsere hungrigen Bäuche füllen, dazu landeten wir letztendlich im Grenzort Santa Elena, wo wir trotz später Stunde noch zwei üppig gefüllte Grillteller mit Kartoffeln und Salat bekamen, die locker für eine Großfamilie gereicht hätten. Und das ganze für gerade mal 8€ inklusive 4 kleinen Bier!

Satt fuhren wir dann zur Grenzstation wo wir uns geschafft nach 1090 km und einem 18 Stundentag ablegten. Wären da nicht noch die gelangweilten und neugierigen Soldaten gewesen, die größtes Interesse an unserem „Cama Rodante“ zeigten und noch auf einen Plausch aus waren. Ich beantwortete noch freundlich ihre Fragen, doch Mathias konnte nichts mehr vom Schlafen abhalten, war ja auch ein anstrengender Tag, und die angenehm frischen Nachttemperaturen von 16° taten ihr Übriges.

Am Morgen ging es dann nach einer Katzenwäsche vor dem Grenzhaus sofort zum Zoll, wir wollten endlich das neue Visum. Innerhalb kürzester Zeit wurden wir mit neuen Papieren und der Gewissheit, dass wir es auch nirgends sonst bekommen hätten, mit weiteren drei Monaten Aufenthalt für unseren L300 entlassen. :-)

Nach einem Bummel durch die kleine Stadt sind wir frohgemut durch die mit Fächerpalmen durchzogene Landschaft mit ihren grünen Hügeln und umgeben von den mystisch in den Wolken liegenden Tafelbergen, gefahren. Diesmal gefiel es uns die Gran Sabana noch besser als vor drei Monaten, wahrscheinlich weil alles so schön saftig grün war und die Luft trotz der in den Bergen hängenden Wolken ausgesprochen klar war. An einem kleinen Flusslauf wollten wir eine kleine Mittagspause einlegen, doch kaum aus dem Auto ausgestiegen wurde vor allem Mathias von den lästigen Blackflies malträtiert. Diese Mistviecher sehen aus wie Fruchtfliegen, stechen aber und hinterlassen kleine rote Punkte und dicke Beulen auf der tagelang juckenden Haut. Hier konnten wir nicht bleiben!

Auf einer Anhöhe mit traumhaftem Ausblick – trotz Regens -, hielten wir für eine kleine Pause an und fielen sofort in einen festen Mittagsschlaf. Danach haben wir uns langsam nach einem Schlafplatz umgesehen, der möglichst nahe an der Parkgrenze liegen sollte. Wir wollten die Nacht auf jeden Fall noch im Park verbringen, da dieser dank Polizeibewachung im Gegensatz zu den folgenden Städten sicher war. Doch wollten wir auch schon so viele Kilometer wie möglich hinter uns gebracht haben, schließlich waren es von dort aus immer noch 850 km zurück nach Carúpano. Wir fanden ein geeignetes Plätzchen vor dem Denkmal an Soldaten, die erst vor 24 Jahren in Schwerstarbeit eine Straße durch den über 1200 Höhenmeter überwindenden Nebelwald bauten. Dort wurde erst mal gevespert, wir gönnten uns noch eine frische Freiluftdusche und freuten uns, mal wieder so zu reisen.

Die Nacht war wieder mal angenehm frisch, so waren wir schon um 5.00 bereit für einen weiteren langen und anstrengenden Fahrtag. Zum Glück war es die ersten Stunden relativ bewölkt, was die Tour etwas unanstrengender gestaltete und ein paar Schauer kühlten die Luft auf angenehme 24° ab. Wir waren guter Dinge und wieder aufnahmefähig für Schönheiten und Kuriositäten des Landes. Da wären zum einen die überall im Land aufgebauten Tische mit mehreren angeketteten Handys darauf, die neben den öffentlichen Telefonläden die Telefonzellen ersetzen. Dort kann man von den Privatgeräten günstig in alle Handynetze telefonieren. Natürlich werden in Venezuela, wie in allen Südamerikanischen Ländern, Werbeschilder überwiegend von Hand gemalt statt gedruckt. Die Frauen tragen alle die Einheitsgröße XS – ungeachtet der eigenen Figur. Wenn man bedenkt, dass ich bei XL Probleme hatte in die stretchigen „Teilchen“ reinzupassen, bzw. mich darin mehr wie eine Bratwurst fühlte, kann man nur feststellen, dass die Frauen hier absolut keine Figurprobleme kennen. Außer beim Baden, da herrscht auch hier das Tobago-Phänomen, in voller Montur ins Wasser zu gehen!?

Die alten Amischlitten sind oft klapprig und rostig und es wunderte uns schon gar nicht mehr, wenn da ein Kofferraumdeckel per Vorhängeschloss notdürftig verschlossen wurde – wenn überhaupt! Und dann beobachteten wir noch die ungewöhnliche Art ein Auto abzuschleppen: Ein Typ sitzt auf der Motorhaube des Abschleppers und schiebt mit seinen Beinen das defekte Auto vor sich her. Überhaupt der Straßenverkehr in Venezuela. Fahren können die Venezolaner absolut nicht, schon gar nicht bei Regen. Nicht nur die alten Schüsseln mit abgefahrenen Reifen, defekten Scheinwerfern und nicht vorhandenen Scheibenwischern, sondern alle schleichen bei nassen Straßen mit 10 km/h und Warnblinker dahin! Dafür hupen sie fast so gerne wie sie überholen, natürlich auch in Kurven und unübersichtlichen Stellen, aber es gibt bei weitem nicht so viele Unfälle wie in Brasilen – es gibt ja auch nicht so viele Autos. Für uns war außerdem gewöhnungsbedürftig, dass ein Auto, dass uns anzeigen möchte, dass man es überholen kann (kam wirklich nicht oft vor), links blinkt. Nicht rechts, wie in Deutschland oder in Brasilien und es eigentlich logisch wäre! Wobei die Blinker ja in Venezuela eh eine untergeordnete Rolle spielen, ein aus dem Fenster gestreckter Arm zählt mehr als tausend Blinker.

Was uns außerdem aufgefallen ist, dass überall bewaffnete Wachleute mit großen Wummen herumstehen. Kann man als größere Sicherheit empfinden, schade nur, dass sie überhaupt notwendig sind. Nur sonderbar, dass die Wachen sogar vor Tankstellen stehen, haben die Angst dass jemand nachdem er für 1€ voll getankt hat, damit abhaut? Hoffen wir nur, dass ihre Waffen besser ausgerüstet sind, als die der jungen Wachen an Straßenkontrollen. Denn da ist uns schon mehrmals ein fehlendes Magazin an den stolz getragenen G3s aufgefallen. Arme uniformierte Bubis, aber vielleicht auch manchmal besser so.

 

Pünktlich um 19.00 waren wir wieder in Carúpano, um das Wochenende einzuläuten. Diesmal war die Hütte voll und die anstrengende und stündlich wachsende Geburtstagsgesellschaft hielt uns alle gut auf Trab. Wir ließen uns als Ausgleich dazu das frische gebackene Brot dank Brotbackmischung aus Deutschland schmecken. Ist schon toll, mal wieder was anderes zu essen als süßliches Weißbrot.

Die Woche war wieder ruhiger, wir haben viel geschlafen, was dank unseres neuen Schattenplatzes auch noch nach 8.00 möglich war. Es war immer noch unverändert heiß, was ohne nachmittäglichem Wind nicht auszuhalten war, und endlich kamen immer häufiger auch hier die dringend von der Natur benötigten Regenschauer. Auf Grund der fehlenden Kanalisation in lateinamerikanischen Städten kommt es dann jedoch meist zu heftigen Überschwemmungen. Ansonsten haben wir marathonmäßig viele englische Filme mit spanischen Untertiteln geschaut und das Auto auf Vordermann gebracht (irgendeinen Kleinkram findet man immer). Natürlich stand wieder unsere klassische Stadttour mit Bäckerei (die kannten uns schon dort, wir haben ja auch jedes Mal die geilen Enrollados bestellt, und wehe die gab’s nicht!), Internetladen und Supermarktbesuch auf dem Programm. Ansonsten ließen wir uns bei kleineren Touren durch die geschäftige Stadt trieben und freuten uns immer wieder neue Lädchen zu entdecken. Leider mussten wir uns wieder mal mit unserem Handy herumärgern. Irgendwie konnte man uns nicht mehr anrufen, obwohl wir vollen Empfang hatten. Aber da unsere Prepaidkarte leer war und wir unser Paket gekündigt hatten, und uns dadurch Unkosten von etwa 0,02€ entstanden sind, haben sie unser Telefon gesperrt! KEIN WITZ!

 

Und nach 8 Monaten verabschiedete sich abermals ein Teil unseres Auspuffs. Wurde ja damals in Brasilien super geschweißt, aber bei der ewig salzigen Meerluft, musste er ja irgendwann mal wieder durchrosten. Dafür landeten wir in einer professionellen Werkstatt, wo wir ein neues Auspuffrohr bekamen und das für nicht mal 20€.

Gleich darauf wollten wir es mal testen und unternahmen einen Ausflug zum wunderschönen Strand Pui Puy. Die Strecke dorthin führte durch tropisch grüne Vegetation, vorbei an keinen bunten Dörfern und ärmeren Lehmsiedlungen, Schweine auf der Straße gehören zum normalen Ortsbild. Obwohl wir den Großteil der Strecke schon von unserer Tour nach Playa Medina kannten, konnten wir uns immer wieder daran erfreuen. Am Strand angekommen parkten wir unser Auto frech mitten unter den Palmen. Dort gibt es zwar nicht ganz so viele Palmen, aber auch hier reihen sich die Schattenspender aneinander und am Ende der Bucht lag eine kleine Fischersiedlung. Wir hatten die weitläufige Bucht ganz für uns alleine, doch leider fing es nach unserem Strandspaziergang an zu regnen. Also sind wir wieder zurück gefahren und haben unterwegs in der Kakaofarm „Hazienda Bukare“ Halt gemacht. Wir mussten zwar einige Zeit warten, bis sich jemand unserer annahm, aber es hat sich gelohnt. Zum Auftakt gab’s eine heiße Schokolade, wir wurden von Willi durch die Plantage geführt – Kakaopflanzen würde ich so gar nicht erkennen – danach ging’s in die Fabrik, wo ein überwältigender Schokoladengeruch herrscht. Wir bekamen die Herstellung erklärt, probierten direkt aus der großen Rührmaschine die herbe Masse und landeten im Verpackungsraum. Die Hazienda ist ein kleiner Familienbetrieb, mit einer Posada im Anschluss. Dort bekamen wir zur Abrundung noch eine Schokoladenkostprobe und natürlich mussten wir ein paar Tafeln mitnehmen… Ein sehr schöner und informativer Ausflug.

 

Am nächsten Montag kam Markus wieder aus Deutschland zurück, Renata wollte ihn vom Flughafen auf der Isla abholen und sie wollten dort noch ein Wiedersehenswochenende verbringen. Das hieß für uns, wir waren die „Chefs“ in der Posada. Freitags brachten wir Renata noch zur Personenfähre in Chacopata, auf der wüsten Halbinsel Araya, dann hatten wir das Ruder in der Hand. Es war nicht so besonders viel los an diesem Wochenende, außerdem stand uns ja noch Carmen unterstützend zur Seite, aber was zu tun war, erledigten wir natürlich super. Selbst die stundenweise Vermietung der Zimmer brachten wir gut über die Bühne. :-) Nebenbei ließ sich Sigrid öfter mal blicken, die mit ihrer lustig-herben landshuter Art frischen Wind in die Bude brachte. Und montags kamen die beiden von ihrem Ausflug zurück und es war eine große Freude Markus wieder zu sehen. Natürlich hat auch er viele Leckereien neben den Brotbackmischungen mitgebracht, die wir uns gerne die nächsten Wochen schmecken ließen. Außerdem brachten uns die beiden einen neuen handlichen CD-Player von der Isla mit (zollfreie Zone), da wir ja unseren defekten auf Tobago zurückgelassen hatten. Natürlich verwöhnte uns Markus ab sofort wieder mit Gaumenfreuden wie gefüllten Paprikas oder traumhaften Bienenstich!

 

Eine Woche vor Beginn der Copa America – so etwas wie Europameisterschaft, nur eben in Amerika – die dieses Jahr in Venezuela stattfand, beschlossen wir noch mal eine Woche trinkfrei zu machen. Und wir wollten aufhören zu Rauchen. Haben wir auch geschafft, wobei mir – wer mich kennt, der weiß das – das Nichtrauchen schon sehr schwer gefallen ist! Während dieser Woche haben wir gemeinsam Markus Idee mit angepackt (naja, eigentlich hauptsächlich Manuel), im Garten eine Bambusbar zu errichten, die um einen alten Baum herum direkt neben die Churuata (ein überdachtes Karree mit Grill und Hängemattenplätzen) gebaut werden sollte. Tatsächlich hatte er sein Ziel verwirklicht, die tolle Bar stand, Renata und ich flochten fleißig Lampenschirme aus den großen Halmen der Strohmatte und wir konnten pünktlich zur Eröffnung die Bar einweihen. Wobei ich allerdings meine rauchfreie Zeit beendete, Mathias raucht bisher 7 Wochen später immer noch nicht.

Die Woche wurde noch auf ganz andere Weise spektakulär: die Hunde waren heiß! Erst schon die kleine Paris – wohl zum letzten Mal! – was den riesen Cacique nicht davon abhalten konnte, sie ständig in die richtige Position zu schieben und zu besteigen. Kaum war das ausgestanden, war Shira dran, für die es das erste Mal war und dadurch noch unerfahren an die Sache ranging. Eine Woche herrschte Stress, denn so ein potenter Hund wie Cacique muss da natürlich drauf! Und das wollte Shira definitiv nicht – ist ja praktisch ihr großer Bruder – und obwohl sie sich beherzt dagegen wehrte, glich das ganze einer Dauervergewaltigung. Ständig musste man den Hormonprotz zurückrufen, was maximal 3 Sekunden Wirkung zeigte. Shira jammerte ununterbrochen, was unsere Nächte nicht gerade sehr schlafreich gestaltete. Alternativ wurde Cacique weggesperrt damit Shira ihre Ruhe hatte, aber entweder schaffte er das Tor aufzubrechen und sich zu befreien oder wir hatten wiederum schlaflose Nächte dank seines unaufhörlichen Geheuls. Die Gedanken an Kastration bzw. Sterilisierung drängten sich immer mehr auf! Außerdem bekam natürlich die komplette Hundenachbarschaft Wind von der Sache und hielten sich ununterbrochen vor der Posadatüre auf, und kaum machte Shira einen Schritt an den Strand, versuchte jeder noch so kleine Köter sie zu besteigen, was sie sich gerne gefallen ließ! Um dem ganzen etwas Positives abzugewinnen, versuchten wir sie mit einem anderen Schäferhund zu verbandeln, aber weder Coco von der Nena war erfolgreich, er ist wohl schon zu alt und ihm fehlt das Durchhaltevermögen, um die Sache zu Ende zu bringen. Genauso wenig wie der Nachbarshund Rocky, eine italienische Schäferhund-Wolfsmischung, für den es auch das erste Mal war und dessen zaghafte Versuche zu Desinteresse bei Shira führten! Vielleicht beim nächsten Mal?

Markus hatte für die Copa einen Großbildschirm in der Churuata aufgebaut, von wo aus wir in den Hängematten liegend super die Spiele mitverfolgen konnten. Die Eröffnungsfeier war unspektakulär aber schön venezolanisch, mit Feuerwerk und natürlich mit Ansprache des „El Commandante“ (der im Stadion ausgebuht wurde, was im TV jedoch gleich ausgeblendet wurde!). Die Spiele fanden immer im Doppelpack statt und wir hätten sogar Karten für eines der ersten Spiele bekommen können, allerdings im  6 Autostunden (einfach) entfernten Puerto Ordaz, das war uns dann doch zu weit, wir würden schon noch unsere Chance bekommen. Wobei das ganze Spektakel recht unorganisiert war, Tickets bekam man nur per Zufall und es wurde viel Schmu damit getrieben, die Stadien waren nicht fertig, Spiele wurden noch nach Beginn in andere Stadien verlegt, eine halbe Stunde Flutlichtausfall während eines Spiels,… Typisch südamerikanisch halt, aber die Leute kennen es ja nicht anders! Die Betreiber dagegen waren sehr zufrieden, lobten ihre Copa auf europäisches Fußballniveau hoch, da dängt sich ganz stark das Gefühl auf, dass sie wohl maximal in Moldawien waren!

Wir sind ja hauptsächlich so lange in der Posada geblieben, weil wir in noch mal helfen sollten, falls es während der Copa wieder rund geht. Da der erhoffte Andrang allerdings zum Großteil ausblieb und das Geschäft auch locker ohne uns zu bewältigen war, fuhren wir noch vor Ende der Meisterschaft weiter, schließlich gibt es für uns noch eine Menge zu bereisen und unsere Zeit läuft unaufhörlich weiter.

Nach einem letzten entspannten schönen Tag am Strand, wo wir die Pelikane beim Fischen beobachtet haben und uns einen hervorragenden Fisch von Carmen haben zubereiten lassen, und nach einem Abschlussabend bei Volker und Sigrid ging für uns die Reise weiter. Wir wollten nach Puerto la Cruz und dort das nächste Brasilienspiel live sehen. Doch bis dahin waren noch zwei Tag Zeit und wir fuhren erst mal gemütlich über die Peninsula Araya. Schon seltsam, wenn man nur wenige Kilometer nach tropischer Dschungelwelt in die Wüste fährt. Die Felsen änderten ihre Farbe von rostrot über senfgelb, dazwischen ein paar Kakteen, Büsche, vereinzelt salzige Stellen, eine Saline und ein heftiger Wind fegte über die öde Landschaft. Aber irgendwie konnte uns die Gegend dort nicht wirklich beeindrucken. Abwechslung brachten mal einige Fischer und Ansammlungen kleiner Hütten, in denen die Bewohner wahrscheinlich weniger besitzen, als wir unserem Auto dabei haben.

Außerdem türmte sich an einigen Stellen oder über weite Küstenabschnitte hinweg der Müll an der Straße – jedoch nicht nur auf dieser Halbinsel, sondern im ganzen Land. In Venezuela werden eigentlich alle Rohstoffe (von armen Leuten!) gesammelt und zur Wiederverwertung verkauft, nur Glas ist davon ausgeschlossen. Und da die meisten Biere in Wegwerfflaschen verkauft werden, und die natürlich auch während der Fahrt fleißig getrunken werden, fliegen sie halt überall in der Gegend herum. Nicht sehr schön für unser europäisches Auge, Südamerikaner haben dafür aber leider gar kein Bewusstsein. Vielmehr werden wir darauf angesprochen, warum wir zum Beispiel Zigaretten nicht einfach wegschmeißen, sondern sie extra in den Müll werfen.

Wir fuhren bis ans Ende der Halbinsel nach Araya, von wo aus wir die Fähre nach Cumaná nehmen wollten. An der Fährstelle konnte man uns jedoch keine Auskunft geben, wann den die nächste abfährt und Ticket wollte man uns auch keins verkaufen. Irgendwie komisch, zumal die meisten anderen Autos welche bekamen, aber so ist es manchmal und wir warteten einfach. Endlich kam die Fähre an, und endlich verstanden wir das System. Die Fähre fasste nur wenige Fahrzeuge und die gerade eintreffenden LKW hatten sozusagen vorbestellt und Vorrecht. Wir waren unter den letzten Wagen und mussten abwarten ob noch Platz für uns ist. Und blöderweise passte das Auto vor uns gerade noch so drauf, wir hatten Pech! Auf die nächste Fähre hätten wir mindestens drei Stunden warten müssen, und darauf hatten wir auch keine Lust, schließlich wurde es bald dunkel. Also entschlossen wir uns, erst mal das alte Fort zu besichtigen, bzw. was davon übrig war. Man brauchte damals gut 50 Jahre dieses Fort zu errichten, da wegen der unablässigen Hitze ausschließlich nachts gebaut wurde. Nach diesem kleinen Ausflug in die Reste der Vergangenheit machten wir uns dran, einen Schlafplatz zu suchen. Jetzt zum Sonnenuntergang empfanden wir die Halbinsel doch wieder sehr reizvoll, da das Abendrot die Felsen in intensiv leuchtende Farben tauchte und die Salzkrusten zum Glitzern brachte. Unterwegs war eine kleine Feriensiedlung mit Cabañas am Hügel, die jedoch geschlossen war. Da ich darauf bestand, uns nicht einfach irgendwo hinzustellen, klingelten wir den Hausmeister heraus, der uns gleich überfreundlich Platz, Strom und Duschen anbot und uns mit der Aufforderung „fühlt Euch wie zu Hause“ zum Fernsehschauen einlud und uns sogar anbot, Wäsche zu waschen. Dort wurden unsere Erwartungen bei weitem übertroffen, wer hätte so was gedacht. Aber die Venezolaner sind ja auch ein sehr freundliches Volk! Wir platzierten uns an einem schönen Fleckchen am Fuße der Anlage, duschten erst mal (natürlich outdoor-mäßig mit der Eigenen) und wollten gerade unser Vesper auspacken, als ich ein lautes Summen vernahm. Oh Schreck, da war nur drei Meter von uns entfernt ein Bienenschwarm, schnell haben wir uns wieder umgeparkt, um vor einer unliebsamen Begegnung verschont zu bleiben. Wir verzichteten jedoch auf das TV-Angebot (er schaute eh kein Fußball), lasen lieber noch ein wenig und legten uns früh zum Schlafen ab.

Zeitig waren wir schon wieder auf den Beinen, ließen die Wüste hinter uns und es ging die vegetationsreiche, von Palmen und herausragenden Felsen und bunten Fischerdörfern dominierte Küstenstraße entlang nach Cumaná. Dort kehrten wir – wie fast immer wenn wir die Gelegenheit bekommen – bei einer der großen Fastfood-Ketten ein, wo wir sogar noch in den Genuss der Wiederholung eines der Vorabendspiele kamen. Danach ging es weiter durch die abwechslungsreiche Natur Venezuelas in die Bergewelt von Los Altos de Santa Fee. Besonders hoch sind die Berge hier nicht, aber wir fuhren kleine Sträßchen entlang, wie überall im Land begegneten uns auch hier Männer mit Macheten um sich durch das Dickicht zu schlagen, und ab und an boten sich traumhafte Blicke auf die unter uns liegende Küste. Wir haben uns zwar zwischenzeitlich mangels Ausschilderung zwei Mal verfahren und unsere Straßenkarte besteht nur aus einer Kopie einer aus Deutschland mitgebrachten Landkarte (Danke Sigrid!), aber die äußerst hilfsbereiten und stets freundlich grüßenden Leute halfen uns immer wieder auf den richtigen Weg. Unter ihnen ein Verkäufer, dessen Moped voll beladen war mit Früchten und einer Waage, der uns gleich ein paar frische Mangos mit auf den Weg gab. Doch im touristisch angeschlagenen Ort Los Altos selbst, gab es leider keinen geöffneten Campingplatz und auch sonst fanden wir keinen entsprechenden Platz, wo wir hätten bleiben wollen. Nach einer kurzen Pause entschlossen wir, in das nicht allzu weit entfernte Puerto la Cruz zu fahren. Die Straße war jedoch wegen Straßenbauarbeiten gesperrt und die Umleitung führte über ein besonders steiles und abenteuerliches enges Stück Schotter, Gegenverkehr natürlich eingeschlossen.

In Puerto la Cruz haben wir uns erst mal durch den Nachmittagsstau zum Stadion gequält, wo uns die schlechte Organisation dazu verhalf, uns in die Arena zu schmuggeln. Irgendwie müssen wir dann doch aufgefallen sein und man forderte uns zum Verlassen des Stadions auf. Das Bild das sich uns bot, erinnerte auch nicht unbedingt daran, dass am folgenden Tag ein bedeutendes Spiel stattfinden sollte. An allen Ecken wurde gewerkelt, die Lampen montiert, die Architektin lief hektisch durch die Anlage und das nicht gedeckte Stadiondach ließ auf einen regenfreien Tag hoffen. Nebenan fand an diesem Abend ein Konzert statt und wir überredeten die Parkwächter, unser Auto sicher neben die Guardia National zu stellen. Zwar ziemlich verschwitzt dafür in großer Vorfreude gingen wir nebenan erst mal ein Bier trinken. Dort bot uns gleich jemand ein paar Tickets an, doch die Preise schienen uns recht überhöht zu sein.

Danach sind wir wieder zurück in die Innenstadt zur Strandpromenade „Paseo Colon“ gefahren, um zu sehen, was so in der Stadt los ist. Am heutigen Tag fand ja das Venezuelaspiel statt und wir wanderten herum, auf der Suche nach einer Kneipe, in der es übertragen wurde. Doch so recht fündig wurden wir nicht, nicht mal an der Großleinwand wurde das Spiel übertragen! Und so landeten wir in einem Laden, wo zwar der Fernseher mit miserablem Bild lief, aber wenigstens haben sich dort ein paar andere Fußballfans eingefunden. Uns wurde wieder bewusst: Venezuela ist einfach keine Fußballnation! Der Laden war zur Straße hin offen und wir konnten gleichzeitig die Passanten beobachten und dabei ein paar Bier trinken. Beziehungsweise die Passanten beobachteten uns und gleich gesellten sich ein paar Mexikaner zu uns, mit ihnen und anderen Venezolanern feierten wir vergnügt. Die erklärten uns auch die offiziellen Ticketpreise und wie viel wir maximal auf dem Schwarzmarkt bezahlen dürften. Auch der Barmann war sehr nett und bot uns am Ende des Abends an, unser Auto im Hof hinter der Kneipe zu parken, der noch dazu bewacht war, weil man die offene Kneipe nicht abschließen konnte.

Dort verbrachten wir eine extrem schwül-heiße Nacht – wir hatten Fenster und Kofferraumdeckel geschlossen -, und in den frühen Morgenstunden wollten wir uns auch gleich verabschieden, denn wir hatten eine Dusche bitter nötig. Als wir uns beim Wachmann verabschiedeten (der uns ständig noch „unsere“ Bierflaschen mitgeben wollte, aber nein danke!) bot er uns an, gleich hier die Dusche mitzubenutzen. Die Dusche war Teil des Getränkelagers und nachdem wir über diverse Getränkekisten gestiegen sind, konnten wir uns am kühlen Rinnsal waschen.

Dann sind wir zum Supermarkt gefahren und haben uns mit Leckereien versorgt, die wir an der Uferpromenade vertilgten. Wir waren dann ganz schön müde aber recht unschlüssig wohin wir fahren sollten. Zuerst mal sind wir zum Park gefahren, wo wir nach ein paar Minuten das Feld räumten, da uns die Moskitos auffraßen. Dann sind wir zum Stadion gesaust, vielleicht konnten wir schon mal einen günstigen Parkplatz finden und uns dort auf einem schattigen Plätzchen ausruhen. Aber die Gegend rund ums Stadion wurde diesmal großräumig gesperrt, also sind wir wieder zurück zum Paseo, wo wir uns direkt neben die Guardia National stellten. Hier konnten wir wenigstens auch nachts unser Auto beruhigt stehen lassen, wir haben erst mal unsere Decke und Hängematte rausgeholt und uns am Strand (Stadtstrand => Baden verboten!) zwischen den Palmen ein schattiges Plätzchen gesucht. Dort verbrachten wir fast den ganzen Tag, wir beobachteten die verliebten Pärchen und Bummler, ab und zu kamen ein paar Fußballfans vorbei, überwiegend Mexikaner, die sich an der Strandpromenade warm tranken. Weiter vorne gab es einige Hüpfburgen und ein bisschen Kinderanimation, aber das war es auch schon auf der „Partymeile“.

Am Nachmittag sind wir dann mit dem Taxi zum Stadion gefahren und haben auf Karten gehofft. Vereinzelt wurden uns auch Karten angeboten, doch ausschließlich VIP-Tickets für horrende Summen. Tja, und kurz nach Anpfiff gaben wir unser Vorhaben auf, und fuhren wieder in die Stadt zurück, zumindest an diesem Tag sollten die Spiele auf der Leinwand übertragen werden. Am Paseo war dafür am Abend richtig was los, überall waren kleine Verkaufsstände aufgebaut, Eis- und Popkornverkäufer überall, das Angebot für Kinder war groß und die Stimmung im schwachen Licht sehr südländisch. Und für uns ganz ungewohnt abends in Venezuela auf der Straße unterwegs zu sein, es herrschte eine angenehme Atmosphäre, die Leute waren gut gelaunt und wir mit ihnen. In den Parkbuchten standen Autos mit geöffnetem Kofferraum, in denen die Fernseher liefen, alte Männer spielten am Straßenrand Domino, Musik an allen Ecken, Künstler fertigten live Bilder an, so schön kann Venezuela sein. Das erste Spiel schauten wir noch in einer Cafeteria, zum Brasilienspiel holten wir dann unsere Stühle aus dem Auto und schauten die zweite Partie auf der Leinwand an. Gleich bot uns unser netter Nachbar Bier aus seiner Kühlbox an – darf ja bei einem Venezolaner nicht fehlen – das uns jedoch nicht so recht schmecken wollte. Das Spiel war mäßig und noch ehe es abgepfiffen wurde lag ich mit weit geöffnetem Mund im Stuhl. Ups!

Danach haben wir uns in Windeseile im Park geduscht (solche Flecken sind bei Nacht ja nicht ganz ungefährlich) und sind zum bewachten Parkplatz des Fährunternehmens gefahren, wo wir unser Nachtlager errichteten.

 

Am nächsten Morgen ging unsere Reise weiter Richtung Caracas. Zwischen Puerto la Cruz und Barcelona staunten wir nicht schlecht, als wir im Stadtteil Lechería vorbeifuhren. Von wegen armes Venezuela, die dort an den Fluss gebauten Häuser besaßen neben einer Autozufahrt gleichzeitig noch eine Anlegestelle für die Yachten!

Kurz vor Caracas überraschte uns dann ein heftiger Regenschauer, der ewig andauerte. Die Straßen waren komplett überschwemmt, man konnte kaum noch etwas sehen und wenn uns ein größeres Fahrzeug entgegen kam, wurden wir von der hochspritzenden Welle fast von der Straße geschubst. Dadurch wurde uns mal wieder schmerzlich bewusst, dass unser Auto im hinteren Teil nicht ganz dicht ist. Wir wissen nicht, ob das Wasser von oben rein läuft (der Kofferraumdeckel ist ja auch nicht mehr ganz in seiner Form) oder ob es von unten hoch spritzt, die Matratze war jedenfalls am Kopfende klatschnass! Wenns nur genauso schnell trocknen würde… Immerhin brachte der Regen etwas Abkühlung, aber kaum legte sich der Regen, war es wieder genauso schwül-heiß wie vorher. Langsam näherten wir uns der Millionenhauptstadt, was man unschwer an den immer luxuriöseren Autos (fast nur dicke Jeeps und Pick-ups) und an den in die Berge gebauten Hochhäusern erkennen konnte. Die Werbeschilder (mal nicht handgemalt) erreichten immense Dimensionen und die Slums waren (ähnlich denen in Rio) um die Tunnels herum an die Hänge geklatscht. Wir haben Caracas gut umfahren und haben in La Victoria die Autobahn verlassen, um nach Colonia Tovar zu fahren. Die Berge leuchteten in einem hellgrün und es war eine Wonne die sich hoch schlängelnden Straßen zu fahren, nur Pauli kochte dabei ein wenig. Immer wieder boten sich sagenhafte Ausblicke ins Tal, die für Venezuela so typischen faltigen Berge waren von grünem Bewuchs überzogen, wir fühlten uns wie in einer überdimensionalen Modelleisenbahnlandschaft. Wir waren schon sehr gespannt auf Colonia Tovar, eine ehemalige deutsche Kolonie, die bis vor etwa 50 Jahren trotz ihrer Nähe zu Caracas in absoluter Isolation verweilte. Uns lockte die Aussicht auf deutsches Essen und kühle Temperaturen. Nachdem wir den Nebelwald unter uns gelassen hatten, waren wir schon fast in der 2000m hoch gelegenen Kolonie angekommen, doch erst mal kam wieder unser Wasserkanister zum Einsatz, wir duschten uns an einem abgelegenen Parkplatz solange das Wasser noch warm und der Himmel noch hell war. Bewaffnet mit langen Hosen und Jacken fuhren wir in Colonia Tovar ein und waren überwältigt von dem Anblick, der sich uns bot. Überall an den Hängen lagen weit verteilt die Häuser im Fachwerkstil. Pünktlich um 18.00 erklangen die Kirchturmglocken, etwas unpassend dazu richteten gerade ein paar Muslime ihren Teppich gen Mekka aus. An den Hügeln wurden eine Vielfalt an Obst und Gemüse angebaut, die für Venezuela eigentlich untypisch sind. So ließen uns schon die Stände das Wasser im Munde zusammenlaufen, als wir die saftig Erdbeeren und die frischen Pfirsiche (die meist mit Sahne angeboten werden) vor uns aufgebahrt sahen. Daneben lagen kräftige Karotten, leuchtend rote Radieschen und Backwaren. Aber wir hatten richtig Hunger und aus dem Reiseführer wussten wir von dem empfehlenswerten Restaurant „El Molino“. Die steilen Straßen wieder hinab gegurkt, fanden wir schnell die tief im Tal liegende Mühle wo wir in uriger fränkischer Einrichtung (die Bedienungen natürlich im Dirndl, aber deutsch sprach keiner) uns den Bauch mit Rouladen, Bohnengemüse, Bratwürsten, Kassler und Sauerkraut vollschlugen. Dazu gab’s Bier nach deutscher Brauart und zum Abschluss noch einen Käsekuchen, dieser Abstecher hatte sich also gelohnt. Eigentlich wollten wir in Tovar John treffen, den wir aus der Posada Panda kannten, aber wir konnten ihn nicht auf seinem Handy erreichen. Aber was brauchen wir schon, wir waren frisch, satt und müde, so stellten wir uns an den nächsten Straßenrand, um dort zu übernachten. Doch dauerte die Ruhe nicht lange an, kaum hatten wir uns abgelegt fuhr ein Auto heran und wir wurden auf Deutsch begrüßt. Plötzlich stand eine ganze Familie vor uns und Enrique, der Vater, kann ein paar Brocken deutsch, da er mit einer Deutschen verheiratet ist. Ihm war unser deutsches Nummernschild aufgefallen und er fragte uns ein wenig was wir hier machen, wie wir hier hergekommen sind, usw. Nach ein paar Sätzen wussten wir, dass all seine Geschwister nur wenige Meter entfernt wohnen, er natürlich John kennt und uns zu seinem Haus bringen wolle. Aber wir waren für heute zu geschafft, wir wollten nur noch schlafen und am nächsten Morgen würden wir ihn schon erreichen. So verabschiedeten wir uns und auf unsere Frage, ob wir hier sicher stehen antwortete er: „abgesehen von den vorbeirauschenden Autos schon!“

Doch unsere Pläne für den nächsten Tag wurden leider von einer Magenverstimmung bei Mathias durchkreuzt- er hat wohl das „heimische“ Essen nicht mehr vertragen? Wir fuhren schnellstmöglich auf unseren Duschplatz, wo er recht unbehelligt den Dingen – im wahrsten Sinne des Wortes – seinen Lauf lassen konnte. Dort verbrachten wir dann den ganzen Tag, kurz erkundigte sich die Polizei bei uns, ob alles in Ordnung sei. Ist irgendwie wirklich sehr deutsch hier. ;-) Am Nachmittag fühlte sich Mathias glücklicherweise besser und wir fuhren ein bisschen in diesen eigenartig deutschen Ort. Die Berge hier erinnern schon sehr an Deutschland – deswegen und aufgrund des angenehmen Klimas hatten sich die Leute wohl 1843 hier niedergelassen – nur die Palmen passten nicht ganz in dieses Bild. Das Wetter ist oft nebelig, im Sommer regnet es häufig, aber die Temperaturen um 16° hielten die Einheimischen nicht davon ab, im T-Shirt Moped zu fahren. Ich überlegte mir schon, meine Mütze rauszuholen. :-) Aber sobald sich die Sonne blicken ließ wurde es richtig heiß, wie es in so einer Höhe in Äquatornahe nun mal normal ist.

Es wimmelt dort von Namen wie „ Pension Edelweiß“, „Hotel Berghof“ und „Bäckerei Breidenbach“ die liebevoll in Holzschilder geschnitzt wurden. Nur deutsch spricht keiner mehr – oder zumindest nicht so öffentlich. Und wenn, dann fühlten wir uns 100 Jahre zurückversetzt und hatten ganz schöne Schwierigkeiten dieses Altdeutsch zu verstehen.

Der Ort ist ausgesprochen wohlhabend – weil autonom -, sogar die Polizei Fährt einen Hummer!! und es hat Platz viele Touristen zu beherbergen, die überwiegend aus Caracas kommen und verständlicherweise den Weg in diese untypische Bergfrische suchen. Entsprechend ist dort auch alles etwas teurer, aber es muss ja auch vieles hertransportiert werden. Dafür gibt es schnelle Internetleitungen und eigentlich alles was man so braucht.

Endlich ereichten wir John, der aber gerade an der Küste in Chichiriviche de la Costa war, wo er immer wieder hin und herpendelt. Er wollte uns unbedingt wieder sehen und so verabredeten wir uns für den nächsten Tag in Chichi. Nach einer frischen Nacht bei 12° (im Schlafsack versteht sich!) und nach einem Bummel durch die Stadt, der Heimatgefühle weckte, ließen wir uns noch ein paar Erdebeeren und natürlich noch mal die sensationellen Rouladen schmecken. Danach ging es wieder abwärts durch den Nebelwald, ein fast gespenstiger Abschnitt mit Unmengen von Bananenstauden. Weiter unten zeigte sich die Sonne wieder mit voller Kraft, die Häuser wurden immer weniger und die Straße immer kleiner, enger und schlechter, aber John meinte schon, es wäre eine abenteuerliche Strecke. Aber dass sie sooo abenteuerlich werden würde hatten wir nicht vermutet. Wir fuhren mitten durch den Dschungel, immer öfter kreuzte der Fluss unseren Weg und manches Mal hätten wir uns schon einen 4×4 gewünscht. Aber Pauli (und Mathias natürlich) meisterten die Strecke vorbildlich, den ersten Fluss liefen wir noch zu Fuß ab, alle weiteren durchfuhren wir nach kurzem Check direkt. Nach zwei aufreibenden und verzückten Stunden kamen wir in ein kleines schnuckeliges Dorf, aber wir wussten nicht, wo wir gelandet waren. John meinte noch, wir sollten um ihn zu finden einfach in Chichiriviche nach John dem Deutschen fragen, dann würden wir ihn schon finden. Und als wir eine Frau anhielten, um zu fragen, WO wir überhaupt sind, fragte SIE uns, ob wir zu John wollen! Wir waren bereits in Chichiriviche, hatten ohne es zu merken die „Hauptstraße“ verlassen und waren – wie es der Zufall will – genau vor seinem Haus gelandet, wo wir ausgerechnet seine Frau nach dem Weg gefragt hatten.

Als wir bei John ankamen gab es ein großes Hallo, seine Schwester Joyce aus Deutschland war zu Besuch, sein Freund Thomas, der nur ein paar Meter weiter wohnt, auch und noch fünf weitere Bekannte. Dann wohnen im Haus noch Felicia, Johns Frau – so sagt man hier zumindest, verheiratet ist keiner, man weiß ja nie für wie lange –, ihre erste Tochter Maria, die gemeinsame Tochter (auch) Joyce und Felicias Schwester, die als Kindermädchen fungiert. Die Hütte war also voll, aber wir haben ja unser Bett immer dabei. Und das Haus war groß, mit einladender Veranda und Holztisch, auch wenn es für so viele Gäste besser auf die Fertigstellung des 2. Stockes wartet.

Wir sind dann erst mal in den Ort gelaufen, um uns ein Bild machen zu können, wo wir schon wieder gelandet sind. Und auch Chichi war ganz anders als wir es erwartet hatten. Anstelle eines größeren Urlaubsortes der Hauptstädter trafen wir auf ein sehr einfaches Fischerdorf mit schwarzen Bewohnern, fern des Tourismus und völlig idyllisch, das nur am Wochenende von wenigen „Verirrten“ frequentiert wird. Hotels sucht man vergeblich, vereinzelt findet man ein paar Pensionen unter den einfachen Häusern und wir fühlten uns wieder ein bisschen wie auf Tobago. Der Strand war übersichtlich, eingerahmt von grünen Hügeln und lediglich ein paar Fischerboote schaukelten in den Wellen. Und das Beste: hier war die Welt noch in Ordnung, keine Kriminalität und Angst vor nächtlichen Übergriffen, die Kinder spielen rund um die Uhr und vergnügt alleine auf der Strasse.

Wir kehrten in die eine einfache rosafarbene Biereckkneipe ein, um dort Fußball zu schauen und feierten danach noch ein bisschen zu Hause privat weiter. Als wir Alten schon ins Bett gingen, sind die Jungen (mit den noch Älteren) noch mal in die Wochenenddisco gegangen, wobei das hier so ein Trink- und Tanzschuppen war, aber immerhin.

Den Sonntag begannen wir erst mal mit Wäsche waschen, was wieder mal bitter nötig war. Zum Glück ist Johns Garten auch entsprechend weitläufig, mit riesigen fruchtreichen Mangobäumen, so hatten wir genügend Platz um alles aufzuhängen. Aber irgendwas kam uns immer wieder in den Sinn und so wurden täglich weitere Stücke wie die Hängematten, Bettbezüge,… gewaschen. Danach trafen wir uns alle am Strand, der ganze witzige Haufen. Mittlerweile lernten wir auch noch die anderen Besucher besser kennen. Da war Laura, 30 und Venezolaner, die in Deutschland wohnt, sehr sympathisch ist und voller Abenteuerlust unser Auto begutachtete, ihr Sohn Jeremy und David, ein lustiger kugelrunder Typ mit seinen zwei Nichten. Die eine war im Abschluss ihrer Pubertät und schlenderte den ganzen Tag mit ihrer neuen Bekanntschaft am Strand entlang. Die Sonne brannte vom Himmel und wir konnten es ausschließlich im Schatten aushalten. Doch so etwas kennen ja Venezolaner nicht, die lieben die pralle Sonne, was dem hellhäutigen Jeremy (halb deutsch) zu seiner leuchtenden und glühenden Gesichtsfarbe verhalf. Aber es gibt ja Aloe Vera… Das Wasser war dafür schön erfrischend, wenn man sich auch erst mal über einige Steine hinweg balancieren musste, nach Möglichkeit ohne umzufallen, bis man endlich ganz im Wasser war.

Als wir dann genug vom Strand hatten, wollte uns Joyce ein wenig den Ort zeigen. Wir landeten auf einer Privatveranda wo Amanda offiziell Bier verkauft. Um uns saßen all die Einheimischen im Hof, und plötzlich sollten wir uns alle um einen Tisch versammeln. Ein fideler Alter hatte Geburtstag und er wurde lautstark besungen, die Torte wurde großzügig verteilt, und wir wieder mitten drin. Der absolute Hammer waren zwei ca. 3-jährige Knirpse, die schon in ihren jungen Jahren die Kunst des Hüft- und Arschwackelns perfekt beherrschten. Angefeuert von den herumstehenden Erwachsenen tanzten sie sich fast in Ekstase, wobei dazugehörige feurig-ignorante Blicke und Augenaufschläge natürlich nicht fehlen dürfen! Unglaublich!

Am Abend fand dann noch die Feier zum 3. Geburtstag von der kleinen Joyce statt. Die Süße hat einen angeborenen Herzfehler und wartet auf eine Operation. Bis dahin quält sie sich an manchen Tagen merklich durchs Leben. Auch an diesem Morgen ging es ihr nicht besonders gut, aber am Abend war sie wieder verhältnismäßig fit, um ihre Gäste (alle Kinder aus der Umgebung) empfangen zu können und um die Torte zu probieren. Kurz drauf fingen auch hier die bis zu 12-jährigen Kinder an zu tanzen, auch hier gaben die afrikanisch angehauchten Rhythmen den Takt vor, wobei dabei immer gemäß der Tradition die „Männer“ die „Frauen“ antanzen um dann wieder weggestoßen zu werden.

An diesem Abend haben wir uns von John verabschiedet, der mit David und Laura nach Caracas fuhr, da sein Auto unterwegs eine Panne hatte und er dadurch ein paar Sachen erledigen musste. Wir blieben noch im traumhaften Chichiriviche und erkundeten den Ort. Joyce zeigte uns ein paar verborgenen Flecken, darunter eine „Bar“ im Garten einer wäschewaschenden Frau. Wir saßen zwischen den Wäschebergen, die Kinder spielten um uns herum und waren ganz irritiert von unseren blauen Augen („kann man damit sehen?“) :-). Dorthin verirrten wir uns natürlich noch einmal, so etwas findet man ja nicht alle Tage.

In den nächsten Tagen wurden wir öfter mal von Alis Sohn Ali (=>Alicito) begleitet, einem Nachbarsjungen, der gerne unsere Einkäufe trug und sich im Gegenzug über ein kühles Malzbier freute. Er und Maria inspizierten genauestens unseren Bus und waren total hingerissen, was da so alles drin ist und von so einer Art zu Reisen. Zumal für die beiden Reisen generell schon etwas Außergewöhnliches ist. Wir studierten gemeinsam den Atlas, wobei ich ihnen erst mal erklären musste, was die verschiedenen Farben bedeuten, wie blau für Wasser,…. Immerhin waren sie neugierig geworden und wollten trotz der beginnenden Ferien mehr von mir „unterrichtet“ werden. Wovon sie allerdings schnell genug hatten, waren unsere Nudeln mit der für venezolanische Verhältnisse etwas zu pikanten Tomatensauce. („Ui, das sticht auf der Lippe!“) :-)

Die nächsten Tage waren weiterhin sehr ruhig, mal gingen wir an den Strand und Fisch essen, mal abends mit Thomas Fußball schauen. Wenn wir uns selbst kochen wollten, war das allerdings gar nicht so einfach Lebensmittel, v.a. frisches Obst und Gemüse zu bekommen, aber zum Glück hatten wir noch genügend Vorräte dabei. Drei Mal in der Woche fuhr ein Gemüselaster durch die Gassen und man konnte dank der Lautsprecher hören, an welchem Ende des Ortes er sich gerade befindet. Brot zu bekommen war noch schwieriger, denn der einzige Laden hatte undurchschaubare Öffnungszeiten und immer zu wenn wir da waren. Aber in einem kleinen Lädchen, in dem sie Cola, Konserven, Pullis, Haarschmuck, Hygieneartikel,… verkauften fanden wir wenigstens ein paar süßliche Brötchen. Und auf unseren Erkundungstouren durch das Örtchen trafen wir, obwohl wir insgesamt gerade mal 5 Tage da waren, immer wieder bekannte Gesichter.

Die einzig negative Begebenheit war, dass sich John kurz vor seiner Abreise etwas Geld von uns geliehen hatte, und sich ständig seine Rückfahrt nach Chichi verschob. Letzten Endes wollten wir uns in Tovar wieder treffen, wo wir eh noch mal zum Roulade essen hin wollten. Unsere Abreise wurde außerdem überschattet vom Tod des jungen Hundes Danka, der wohl irgendetwas giftiges gegessen hatte. :-(

 

Wir wollten aber nicht direkt nach Tovar hochfahren, sondern wollten erst noch die beiden anderen Orte an dieser Küstenstraße kennen lernen. Die Strecke nach Puerto Cruz eröffnete anfangs einen grandiosen Blick über die Bucht von Chichi und war kurz darauf noch rauer und abenteuerlicher als die nach Chichi. An manchen Stellen war sie extrem steil, an anderen, wo nur noch große Steine aus dem Boden ragten, dachte ich schon wir müssten umkehren. Aber wir haben alle problematischen und zugewachsenen Stücke überwinden können, sämtliche Flussläufe problemlos überquert und dafür eine phantastische Strecke an Venezuelas wilder Karibikküste zurückgelegt. In Puerto Cruz gab es nicht viel zu sehen, außer ein paar neu gebauten Strandbuden, die sich wie Reihenhäuser an dem schattenlosen Strand ordneten. Wir sind weiter zu der Bucht von Puerto Maya gefahren, die Strecke war zwar auch nicht geteert, aber nicht so schlecht wie der vorherige Abschnitt. Dort erwartete uns noch mal eine in die Berge eingebettet Palmen bestandene Bucht. Doch irgendwie waren die Bewohner dort recht hochnäsig und wollten nichts mit uns zu tun haben. (Oder wir haben genau die arroganten getroffen?) Egal, dann fahren wir halt weiter nach Tovar, doch von der Strecke, die durch den Dschungel dort hoch führen sollte war nichts zu sehen. Und nachdem wir uns nach dem Weg erkundigt hatte, war klar, wir mussten die 15 km (= 1 Stunde Fahrt) nach Puerto Cruz zurück, dafür gab es von dort eine gut ausgebaute und frisch geteerte Straße nach Tovar. Das war uns nur recht, denn langsam hatten wir genug von den Holperstrecken und diese Straße war landschaftlich wieder sehr reizvoll und üppig grün. Der Nebelwald kündigte die Nähe zu Tovar an und endlich erreichten wir hungrig „Deutschland“, wo wir uns erst mal eine Bratwurst mit Kartoffelsalat gönnten.

John erreichten wir wieder mal erst nach wiederholtem Anrufen und er vertröstete uns auf den nächsten Tag. Wir wollten eh noch eine Nacht in Tovar bleiben, einen guten Schlafplatz kannten wir ja. Nachts kam wieder mal die Polizei vorbei, um nach dem Rechten zu schauen. Am Morgen gab’s eine kalte Freiluftdusche – wir finden das richtig toll! – und dann sind wir wieder in die Stadt gefahren um unseren Internetkram zu erledigen. Endlich erreichten wir auch John und er „bestellte“ uns zu Gabi, von ihr sollten wir die Kohle bekommen. Mittlerweile waren wir schon recht stinkig, da leiht man jemandem Geld und muss dann ewig hinterher rennen! Und dann soll man noch zu Fremden fahren, und es dort abholen!? Kann ja sein, dass es Gründe gibt, dass er nicht gleich nach Chichi oder Tovar kommen konnte (gerade ohne Auto), aber uns dann ständig so hinzuhalten. Es handelte sich ja nicht um viel Geld, aber es ging ums Prinzip!

Als wir bei Gabi ankamen erlebten wir eine große Überraschung. Ein blonder Bub öffnete uns die Türe, wir traten in eine Art Wohnküche mit bayrischer Einrichtung und Gabi schmetterte uns den schönsten Münchner Dialekt entgegen. Joyce und Thomas waren auch da, da sie einiges in Tovar zu erledigen hatten. So schnell trifft man sich wieder!

Gabi ist einfach eine Wucht. Vor acht Jahren ist sie mit Kind und Kegel nach Venezuela ausgewandert und hat hier ihre eigene Backstube (Brezeln, Körnerbrot, Apfeltaschen, Nussschnecken,…mmmhhh) im Haus. Hier fühlten wir uns dank ihrer offenen Art gleich sehr wohl und endgültig wie in heimischen Gefilden. Gabi fragte uns aus heiterem Himmel, ob wir unser Surfbrett verkaufen wollten. Hä? Hier in den Bergen? Und woher weiß sie dass wir ein Surfbrett dabei haben? Dann stellte sich raus, dass unser nächtlicher Besucher Enrique beim Blick in unseren Bus das Brett gesehen hatte. Und er fragte Gabi, ob sie uns kenne, dann sollte sie uns doch mal fragen, denn sein Sohn wünscht sich schon lange ein Brett. So ein Zufall, denn Gabi kannten wir zu dem Zeitpunkt ja noch gar nicht. Also hat sie bei Enrique und seiner Frau Susanne angerufen und die beiden kamen gleich mit ihren Kindern angefahren. Der Junge wollte das Brett, die Tochter Astrid nahm auch gleich noch das Bodyboard. Die Sachen wollten wir ja schon in Carúpano verkaufen, da unsere Surfkarriere ja nur schleppend voran ging und wir in Zukunft eh wenig Gelegenheit zum Wellenreiten finden würden. Aber da sich kein Käufer gefunden hatte, nahmen wir die Sachen halt wieder mit auf Reisen verschenken wollten wir ja auch nix. Und hier verkauften wir die Sachen völlig unerwartet auf 2000m! Tja, das war für uns alle ein gutes Geschäft, sie hätten nie ein so günstiges Brett in Venezuela gefunden und wir hatten wieder mehr Platz im Auto. Außerdem entpuppten sich Enrique und Familie als äußerst herzlich, sie luden uns gleich ein, bei ihnen zu übernachten, denn mittlerweile war es schon so spät, dass wir uns dazu entschieden noch eine Nacht zu bleiben. Den Schlafplatz hatte Mathias jedoch bereits mit Gabi ausgemacht, also verabredeten wir uns für den nächsten Tag in Susannes Töpferei.

Wir sind am Nachmittag noch eine Runde durch den Ort gekurvt und haben uns einen Picknickplatz mit Traumaussicht auf die Berge gesucht. Als wir wieder zurückkamen, tranken wir noch ein paar Bier gemeinsam, aber wollten zeitig ins Bett, schließlich musste Gabi früh raus (so gegen 1.00!!!) um ihre Backbestellungen vom Samstag fertig zu machen. Doch Gabi machte am allerwenigsten Anstalten schlafen zu gehen, sie lud sich zu fortgeschrittener Stunde sogar noch Leute ein. Sie genoss den Abend in abwechslungsreicher Gesellschaft und verarbeitete somit ein bisschen den Tod ihres vor 8 Monaten verstorbenen Mannes. Wir seilten uns schon früher ab, sie saß noch ewig in der Stube und quasselte, heute war es ihr einfach egal! Das sie nicht so früh aufgestanden ist wie sie wollte, ist klar, zu der Zeit war sie noch nicht mal im Bett!

Entsprechend viel Stress hatte sie am nächsten Morgen, über den sie lachend hinwegsah. Als wir ins Haus kamen wuselte sie durch die Gegend, Kaffee war bereits gekocht, die Kunden standen wartend in der Backstube oder in der Küche rum, aber sie nahm alles mit Leichtigkeit, so was passiert ja sonst nicht. Wir warteten bis die Backwaren für Susanne und Enrique fertig waren, denn wir versprachen die Sachen mitzubringen. Zwischenzeitlich quatschten wir mit den Kunden, erfuhren dabei, dass hier unser Auto etwa 6000 € wert ist, Thomas hatte an diesem Tag Geburtstag, und wir labten uns nach einer kalten Nacht an den frühlingshaften Sonnenstrahlen im Garten. Bevor wir in die Töpferei fuhren, ließen wir uns von Joyce – unter Drängen – das Geld geben, John war immer noch nicht da!

Bei Susanne wurden wir vertraut empfangen und erst mal durch den Keramikladen, die große Töpferei und das Haus mit toller Aussicht über Tovar geführt. Dann gab’s Kaffe, einen netten Plausch, viele Informationen über Tovar (ich könnte auch gleich als Deutschlehrerin da bleiben) und eine Adresse in Kolumbien. Zum Abschluss wurden wir noch mit schönen Tonkrügen beschenkt, die ab sofort jeden Morgen zum Kaffeeeinsatz kommen (auch wenn sie eigentlich Bierkrüge sind). Die anderen Kinder fragten noch, ob wir nicht noch etwas zum Verkaufen hätten, sie wollten auch was. Wie süß! Dann haben wir uns noch mal bei Gabi verabschiedet – mittlerweile ist sogar John eingetroffen -  und wir haben uns in der Backstube mit Leckereien eingedeckt.

Die Süßwaren waren leider schon weg, bevor wir wieder unten in La Victoria angekommen waren, die Brote hielten etwas länger, aber wir ärgerten uns schnell, nicht mehr mitgenommen zu haben. Jetzt waren wir wieder im geschäftigen Venezuela zurück, standen auf der Autobahn im Stau und wurden noch mit einer netten Abschieds-sms von Astrid bedacht.

Hier gehts zum nächsten Bericht: 28. Colonia Tovar – Coro – Mérida: Von der heißen Karibikküste in die Andenstadt Mérida