02. Dakar – Salvador de Bahia

2. Reisebericht: Auf dem Schiff

Dakar – Banjul – Conakry – Freetown – Atlantiküberquerung – Salvador de Bahia

 

 

Hier auf dem Schiff lebt man eigentlich völlig entkoppelt von Zeit und Datum. Das Datum wissen wir vielleicht gerade noch durch den Adventskalender (danke Mama), aber beim Tag muss man schon überlegen. Ist ja klar, die Woche ist nicht mehr vom Wochenende zu unterscheiden, jeder Tag läuft gleich ab. Der einzige Unterschied ist bei Landgängen, die sich nach keinen Tagen richten.

Wir haben auf jeden Fall eine tolle Route. Vor der Reise dachten wir, wir würden nur Dakar anfahren und es war noch nicht mal sicher, ob wir da von Bord können. Mittlerweile habe ich schon des Öfteren afrikanischen Boden betreten. Casablanca (Marokko) habe ich ja bereits erwähnt. Das schönste Souvenir von Casablanca bekamen wir von George, dem Franzosen. Er hatte uns an Deck vor der berühmten Moschee fotografiert und als wir wieder zurückkamen hatte er das Bild schon in DIN A4 ausgedruckt und uns geschenkt. Das hängt jetzt an unserem Fernseher, wir bekommen hier ja eh kein Programm. Ansonsten waren wir noch in Dakar (Senegal), Banjul (Gambia), Conakry (Guinea) und Freetown (Sierra Leone).
In Dakar war der Landgang schon etwas stressiger. Da kommen ganz offensichtlich öfter mal Touristen vorbei und jeder wollte irgendwas verkaufen oder Spenden sammeln und alle haben uns zugequatscht. Das war schon ziemlich nervig, vor allem, da sich unser Leben ja nur noch auf dem Schiff abspielt und man sich an so etwas erst mal wieder gewöhnen muss.
Christiane und Günther wollten sich eine Holzmaske kaufen und in dem ganzen Tumult hat Christianes Rucksack etwas offen gestanden. Es hat zwar (noch) nichts gefehlt, aber da merkt man schon, dass Vorsicht geboten ist. Wir haben normalerweise eh nichts mitgenommen, wir lassen immer alles an Bord und nehmen nur unseren Pass natürlich und ein wenig Kleingeld mit. Das war’s, da kann man schon nix geklaut bekommen. Aber ganz so schwarz sehen wir die ganze Sache eh nicht und es ist immer wieder phantastisch, in einer afrikanischen Stadt zu sein.
Danach sind wir wieder zurück zum Schiff, vorbei an unzähligen Buden, die irgendeinen Ramsch verkaufen. Sogar direkt vor dem Schiff sitzen Händler um ihr Zeug loszuwerden. Die verkaufen da Uhren, Schmuck, Trommeln, Parfum und natürlich typisch afrikanische Holzschnitzereien. Einzig die Seeleute kaufen bei ihnen ein, da sie ja meist vor lauter Ladearbeiten keine Gelegenheit haben in die Stadt zu gehen.

Der nächste Hafen war Banjul. Wir sind mal wieder mit Verspätung eingefahren. In Banjul ist die Hafeneinfahrt ziemlich eng und klein – wie alles hier – und man kann nur bei Flut einfahren. Durch eine kleine Verspätung in Dakar haben wir aber die Flut verpasst und mussten 12 h warten bis wir nach Banjul einlaufen konnten. Bis dahin sind wir sehr langsam gefahren und mussten wegen Piratengefahr weit vor der Küste kreisen. Es ist sehr interessant auch solche Seiten der Schifffahrt zu erfahren und mitzuerleben.
Als wir endlich in Banjul waren, war es schon fast dunkel. Das Manöver zur Anlegestelle dauerte ewig, da alles so klein ist und so riesige Schiffe kommen da nicht sehr oft hin und der Hafen wird von der Grimaldilinie auch sehr selten angefahren.
Egal, ob dunkel oder nicht, alle wollten von Bord und sich die Umgebung ansehen. Das sah vom Schiff sehr toll aus und äußerst schnuckelig. Beim Abendessen eröffnet uns jedoch Stellio, der „Passwächter“, dass ein Visum etwa 100 U$ kosten soll! Schock. Aber wir wollte es trotzdem versuchen, ohne so viel Geld bezahlen zu müssen. Das hat auch problemlos geklappt und wir haben noch nicht einmal unseren Pass vorzeigen müssen. Das ist alles ein bisschen Panikmache nach Grimaldi-Vorschrift, denen ist es am liebsten, wenn wir gar nicht von Bord gehen. Kann man ja teilweise verstehen, die haben auch schon ihre Erfahrungen gemacht, aber wir wollen ja Länderpunkte und keine Hafenpunkte sammeln. Außerdem sind wir wohl alt genug und passen schon auf uns auf – keine Angst.
Noch im Hafen fangen uns Einheimische ab, um uns den Ort zu zeigen. Es ist ja zum einen nicht zu übersehen, wenn solch ein gewaltiges Schiff in den Hafen einfährt. Außerdem waren wir nicht zu überhören, da bei der Einfahrt irgendwas vom Schiffshorn klemmte und relativ lange nicht mehr ausging. Und so ein Horn ist ziemlich laut!
Wir wollten in Banjul ein wenig herumlaufen, das Flair uns die afrikanische Luft genießen. Also sind wir gemeinsam durch die dunklen Gassen gelaufen. Die haben hier vielleicht mal an jedem zehnten Haus ein kleines Licht, sonst ist es ziemlich dunkel. Aber keinesfalls unheimlich. Überall saßen Leute am Straßenrand, Kinder spielen auf der Strasse Fußball, alle zehn Meter kam eine dicke Wolke aus den Häusern und es war einfach herrlich da rumzulaufen. Wir sind dann von den Einheimischen zu sich nach hause eingeladen worden. Das war toll. Es ist äußerst interessant zu sehen, wie sie hier wohnen. Da war im Hof eine kleine Hütte neben dem Haupthaus, in der irgendwie jeder gewohnt hat. Davor saßen die Mutter, Frauen, Kinder, Moslems, Christen und Rastas, die gemeinsam Allahs Kräuter genießen. Alles bunt gemischt und alle waren super freundlich. Vor allem zu Mathias, der den Satz „feel like home“ äußerst wörtlich genommen hat und mit jedem dort gebabbelt hat. Wir haben dort ein paar einheimische „Jul Brew“-Bier getrunken, die herrlich waren, aber wohl auch deshalb, weil sie nach deutscher Manier gebraut werden. Nach einer guten Stunde sind wir zurück zum Boot, denn so schön es war, viel gibt es hier sonst nicht.
Da das Bier so lecker war, und im Gegensatz zu dem italienischen Peroni-Wasser-Mischgetränk nach Bier geschmeckt hat, wollten wir uns noch eine Kiste bringen lassen. Also wieder runter vors Schiff und dem Nächstbesten den Auftrag erteilt. Der wollte dann von uns einen Vorschuß von 10 Euro, damit er das Bier kaufen kann und hat uns als Pfand seine CDs da gelassen, die er eigentlich an Touris oder Arbeiter verkaufen wollte. Wenn er nicht wieder gekommen wäre hätten wir halt den Porno an die Inder weiterverkauft. Viel bekommen die hier ja sonst nicht zu sehen.
Leider hat er nicht so viel gebracht, wie wir das wollten, aber wenn er schon zu Fuß läuft, dann kann er auch nicht so viel tragen. Aber besser als nix und vor allem lecker Bierchen und ein toller Ausflug in eine neue Welt, deren Namen ich zwei Tage vorher noch nicht einmal kannte.
In Conakry sind wir auch wieder vom Schiff gegangen und haben uns dem afrikanischen Stadtleben hingegeben. Das ist wirklich aufregend den Trubel hier zu erleben. Die Strassen waren voll von Uniformierten (gibt einem ein sicheres Gefühl), Autos, Verkaufsständen und die Leute waren alle superfreundlich. Wir waren ein bisschen Bummeln und sind mal wieder in ein Internetcafe um Verbindung zu Deutschland herzustellen. War ja voraussichtlich das letzte Mal vor der Atlantiküberquerung, da wir für Sierra Leone nicht so große Hoffnungen hatten von Bord gehen zu können. Leider ist der Ausflug für Mathias nicht so glimpflich abgelaufen, da er mit Flip-Flops unterwegs war, der Held. Und auf dem Weg zurück zum Schiff war er noch so viel am gucken, dass er sich ordentlich den Fußzeh angestoßen hat. So viel Blut! Aber wenn es hier an Bord auch keinen Arzt gibt ist doch jeder schnell als Krankenschwester zur Stelle. Ein bisschen desinfiziert und Pflaster drauf und schon war alles nicht mehr so schlimm.

Ich habe mich auch schon „verletzt“. Das war, als ich zum ersten Mal Delphine gesehen habe. Das war so toll, dass ich vor lauter Delphinen nicht den Pfosten vor mir gesehen habe und ich mir volle Presse das Knie angeschlagen habe. Aber mittlerweile ist auch das wieder gut und ich habe nur noch die einzigartige Begegnung mit diesen Tieren in Erinnerung. Die sind direkt neben uns her geschwommen und haben uns eine Privatvorstellung gegeben. Die sind hoch und weit gesprungen, da hat man richtig gemerkt, dass es ihnen auch einen Heidenspaß macht. Dazwischen sind dann fliegende Fische rum geflogen, so weit, dass ich zuerst dachte, das wären Vögel. Und als fantastischen Abschluss ist dann noch eine riesige Wasserschildkröte vorbeigezogen. Mittlerweile kommen die Delphine und fliegenden Fische öfter mal vorbei und die Franzosen haben sogar schon mal von weitem Wale mit ihren hohen Fontänen gesehen. Auf dem Wasser ist halt auch ne Menge los.
Und in vor dem Hafen von Banjul sind unzählige Schmetterlinge und Libellen umher geflogen. Wahnsinn, da war alles voll. Mathias war sofort in Küsslaune und hat der ersten zutraulichen Libelle einen Schmatzer aufgedrückt. Ich glaube, die war echt verwirrt. Ansonsten hat mit Mathias nur noch eine Kakerlake körperlichen Kontakt gesucht, als sie ihm direkt auf den Kopf geflogen ist. Igitt!

Da das Wetter mittlerweile nur noch schön ist (30 – 35°, um die 80% Luftfeuchtigkeit und dauerblauer Himmel), haben wir uns natürlich schon den ersten Sonnenbrand geholt. Bei dem Wind an Bord merkt man die Sonne halt nicht so und trotz Faktor 20 hat man schwups eine rote Birne.

Wenn man hier in einen Hafen einfährt, dann dauert es immer eine Weile bis alle Formalitäten geregelt sind, da der afrikanische Zoll erst mal ordentlich bestochen werden will. Die sitzen dann in einem Raum und warten und wenn sie wieder raus kommen dann haben sie die Taschen voll mit Zigaretten und Alkohol. Der Hammer! Und dann kommen noch die Verhandlungen für die Passagiere, in Conakry mussten wir pro Person 6 U$ fürs Visum bezahlen. In Sierra Leone wollten sie genauso viel, auch wenn wir nur im Hafen bleiben wollten. Aber da wollte eh keiner von Bord, das sah vom Schiff aus schon so arm und runtergekommen aus. Da konnte man genau sehen, wo vor der wirklich unschönen Stadt die Elendsviertel anfangen. Kein so netter Platz zum spazieren gehen. Sogar die vom Zoll haben uns empfohlen einen Führer zu nehmen und auf keinen Fall alleine loszugehen. Schließlich tobte hier der Bürgerkrieg und die UN, die sechs Jahre hier war ist gerade am abreisen.
Somit haben wir uns damit begnügt, den Verladearbeiten zuzuschauen, was äußerst interessant ist und für die Mannschaft wirklich harte Arbeit. Das ist ein Bereich, von dem man sonst gar nichts mitbekommt.
Auf jeden Fall war die Route über Afrika super, es war eine tolle Erfahrung, von der ich nicht geglaubt habe sie so zu erleben. Das tolle daran war auch, dass die Häfen meistens recht klein waren und man ohne großen Aufwand direkt mitten im Getümmel war. Außerdem hat von ca. 40m Höhe einen tollen Ausblick auf das Geschehen im Hafen.
Überhaupt ist diese Schiffsreise klasse. Ich hätte anfangs niemals gedacht, dass die Zeit hier an Bord so interessant und kurzweilig wird und so viel Spaß macht. Wir sind bisher schon über drei Wochen an Bord und es gibt immer wieder neues zu entdecken und zu erfahren. Wir hatten bisher keine Sekunde Langeweile und es ist absolut interessant zu erleben, was alles auf so einem Schiff passiert. So etwas bekommt man unter anderen Umständen niemals mit. Selbst Anders, der Schwede, der für acht Wochen (oder wie lange das hier insgesamt dauert) eine Rundreise mit der Grande San Paolo macht, kann ich schon fast verstehen. Das hätte ich mir zu Beginn der Reise niemals gedacht. Aber ich bin trotzdem froh, im hochsommerlichen Buenos Aires auszusteigen, als wieder zurück in den Winter zu fahren.

Als nächstes folgte die Atlantiküberquerung, bei der wir über vier Tage auf offener See waren. Es war endlich mal wieder etwas Zeit, und nachdem wir vorher fast jeden Tag einen anderen Hafen besucht haben, kehrte wieder ein wenig Ruhe in den Schiffsalltag ein. Meine anfänglichen Bedenken wegen der Überfahrt (sooo lange nur Wasser um mich herum) haben sich schon im vornherein erledigt, da wir meistens so weit von der Küste entfernt gefahren sind, dass man eh kein Land sehen konnte. Somit war auch nichts anders als die Tage und Wochen vorher.
Wir verbrachten die Zeit wieder mit lesen, Kickern (ich habe bereits gegen Norbert und gegen Mathias gewonnen!) und süßem Nichtstun. An einem Tag haben wir eine Schiffsführung gemacht und können jetzt erahnen, welch gigantisches Schiff das hier ist. Wenn man so lange drauf ist, verliert man das aus den Augen. An einem anderen Tag haben wir Giorgio geholfen, den (Plastik-)Christbaum zu schmücken. Und das schon zwei Wochen vor Weihnachten! Die Dekoration ist so dermaßen kitschig, aber man muss halt nehmen was da ist. Da haben wir gleich den kompletten Fernsehraum mitgeschmückt und wir wissen jetzt auch, dass wir noch was davon haben. Wir kommen nämlich laut neuestem Bericht am 26. Dezember in Buenos Aires an (kann sich noch ändern) und werden Weihnachten definitiv auf dem Schiff verbringen. Aber das ist ja nicht weiter schlimm, denn die Leute hier an Bord sind zum Großteil so nett, dass hier schon eine sehr familiäre Stimmung herrscht.

Am 12. Dezember war es dann so weit. Die Äquatorüberquerung. Wir waren schon den ganzen Tag sehr uffgerescht und haben ständig auf unserem GPS gecheckt, wie weit es noch ist. Eigentlich dachten wir, dass dann mächtig was los ist, denn laut Reisebericht von denen vom letzten Jahr gibt´s hier eine richtige Feier, mit ordentlich Wasser zum taufen, neuem Namen usw. Aber wie wir jetzt wissen, kommt das auf den Kapitän an. Und unseren kannst du in der Pfeife rauchen. Der sieht alles schlecht, alle Afrikaner sind schlecht, kriminell, bescheißen dich nur, und Südamerikaner sind alle Mörder. Für ihn ist wohl der einzig gute Mensch auf dieser Welt Berlusconi. Aber der war uns (Norbert, Mathias und mir) egal. Wir haben unsere eigene Taufe vollzogen. Wir sind beim Mittagessen rausgegangen, haben beim Koch Prosecco geordert, Becher und einen Kübel mit Eis mitgenommen und haben uns selbst getauft. Ein bisschen naß, aber glücklich haben wir dann die Südhalbkugel betreten. Als wir wieder in den Essensraum kamen, hatte unser Commandante für jeden Tisch eine Flasche Prosecco spendiert. Ein bisschen dürftig, aber geschmeckt hat sie trotzdem.

Jetzt sitzen wir gerade in Salvador de Bahia in Brasilien in einem Café mit Dachterrasse und freuen uns des Lebens.
Darüber später mehr.

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