23. Sao Luis – Manaus – Carupano

23. Durch den Amazonas zur Karibik 

São Luís – Castanhal (20.02.) – Belem (21.02.) – Fähre (23.02.) – Santarem (27.03.) – Manaus (02.03.) – La Linea – Santa Elena – N.P. Gran Sabana (06.03.) – El Dorado (07.03.) – Carupano (08.03.)

Als wir aus São Luís heraus fuhren, sank unsere Tankanzeige bereits in den roten Bereich. Wir wollten eigentlich „Aditivada“ tanken, was unserem „Super“ entspricht, doch aus Erfahrung wussten wir schon, dass es das nicht an jeder Tankstelle gibt. Als die Anzeige dann schon verdächtig tief stand, wollten wir uns dann doch mit „Normal“ zufrieden geben. Aber genau jetzt kam keine Tankstelle mehr. Wir fuhren und fuhren und laut Straßenkarte sollte auch so schnell keine Ortschaft mehr kommen. Aber es ist ja nicht immer alles eingezeichnet, also hofften wir, dass sich in den nächsten Kilometern etwas auftut. Gerade auf dieser Strecke gab es an der Straße auch keinen Randstreifen auf unserer Seite, was einen Stopp nicht ganz ungefährlich machen sollte, und nachdem sich Paulis Durst schon durch das erste Ruckeln bemerkbar machte, war uns wirklich nicht mehr besonders wohl. Endlich kam ein kleiner Ort in Sicht, doch ausgerechnet hier gab es keinen Posto! Wir überlegten kurz, uns mit einem Kanister bewaffnet ein Taxi zu nehmen, entschieden uns aus unerfindlichen Gründen dagegen und wurden wenige Meter nach dem Ortsausgang belohnt, die so dringend benötigte Tankstelle erschien vor uns. Das war knapp!

Weiter fuhren wir wieder durch bekanntes Schwemmland, mit Palmen, Bäumen und viel hellgrünem Gras. Neben Eseln, Rindern und Pferden neben und auf der Straße (wir dachten bei einer Rinderherde es gäbe eine Straßensperre :-)), waren wieder viele Leute unterwegs und saßen am Straßenrand oder auch mal auf der Straße. Wir warteten vergeblich auf Ausschilderungen nach Belem, aber außer zwei Schildern mit Kilometerangaben – innerhalb 350 km – gab es keinerlei Richtungsweiser, obwohl das die einzige und große Stadt in der Nähe ist. Aber wir fanden trotzdem unseren Weg, trotz anderer Abzweigungen nach Nirgendwo, und freuten uns wieder über die süßen Orte die auf unserer Strecke lagen. Da hier am Rosenmontag Feiertag ist, waren zwar die Geschäfte überwiegend geschlossen, aber dafür tummelten sich die Menschen trinkend und gut gelaunt auf den Hauptplätzen. Egal wie groß oder klein die Orte waren, sie waren bunt dekoriert und in jedem wurde eine Bühne zur Faschingsfeierlichkeit aufgebaut und laute Musik mit den immer wieder gleichen Forróklängen dröhnte aus den Lautsprechern. Uns interessierte das jedoch nur noch wenig, wir fuhren bis es dunkel wurde und kehrten dann an einer Tankstelle ein. Dort sahen wir endlich unsere erste Schlange auf unserer Südamerikareise, ich weiß jedoch nicht genau ob man ein 30 cm langes, tot gefahrenes und vertrocknetes Exemplar wirklich zählen kann?

Bei mir setzte mittlerweile auch schon mal der Durchfall ein, Mathias plagte sich seit Tagen damit herum, aber das half alles nichts, wir mussten weiter. Als wir endlich den nächsten Bundesstaat Pará erreichten, wurde glücklicherweise die Ausschilderung auch besser. Ansonsten änderte sich nicht viel, immer noch Faschingsbühnen überall, da hier inklusive Faschingsdienstag heftig gefeiert wird. In manchen Orten kamen wir uns vor wie im wilden Westen, nämlich dann, wenn coole Männer mit Lederhüten und schweren Cowboystiefeln ihre Pferde vor den Läden anbanden. Oder hundert Jahre zurück, wenn die Leute wieder ihre Ochsenkarren nutzten, genug Fazendas gibt es ja. Nur die Fahrräder passen da weniger ins Bild. Aber all diese Fortbewegungsmittel sind halt günstiger, als sein Auto mit teurem Sprit zu versorgen.

Am Nachmittag erreichten wir den Campingplatz in Castanhal, der Hotel, Cabanas und Freizeitgelände einschließt. Gerade als wir ankamen, kühlte ein heftiger Regenschauer die schwül-heißen Temperaturen etwas runter. Später ließen wir uns im Restaurant eine Kleinigkeit zu Essen schmecken, doch leider waren die Bienen genau so interessiert an unserem Hähnchen wie wir und ließen uns keine Ruhe mehr. Erst als wir weit weg geflüchtet sind, konnten wir relativ in Ruhe essen. Nach einer kurzen Erfrischung im Pool – schon wieder einer, wir werden schon langsam verwöhnt – haben wir uns früh ins (teilweise undichte) Auto verkrochen.

Am Morgen war es wieder richtig schwül und wir fuhren die restlichen 120 km nach Belem. Die Stadt ist einfach riesig und wir quälten uns durch volle Straßen und mit Straßenständen und Leuten überfüllten Vorstädte. Immer wieder hielt man uns Garnelen, unbekannte Früchte oder Maistaschen vor die Nase. Unterwegs fuhren wir an einem Krankenhaus vorbei, und da es Mathias immer noch nicht besser ging und er schon ungesund dünn wurde, wollten wir ihn dort untersuchen lassen. Nachdem er nach der Aufnahme und Wartezimmer endlich im Behandlungsraum sein Problem schilderte, wies man uns jedoch darauf hin, dass es sich um ein Krankenhaus für Orthopädie handle, gab uns aber gleich die Adresse und Wegbeschreibung für das zuständige Hospital.

Dort dauerte jedoch die Aufnahme inklusive „Behandlung“ ganze 5 Minuten und wir standen mit einem Rezept in der Hand wieder vor der Türe. Das ist halt das Gesundheitssystem hier, ist zwar kostenlos, aber eine wirkliche Untersuchung findet nicht statt. Und nach fünf Tagen Dauerdurchfall, trotz verschiedener Kohletabletten, die alle nicht im geringsten angeschlagen hatten, haben wir ein bisschen mehr Aufmerksamkeit erwartet. Aber die gab es nicht, also haben wir uns in der Apotheke die entsprechenden Tabletten geholt und erst mal das beste gehofft.

Eigentlich waren wir ja in Belem, um uns eine Fähre nach Manaus zu besorgen, das wollten wir jetzt auch tun. Am Fährhafen verwies man uns auf eine Gesellschaft, die Bootsfahrten anbietet. Dort wollte man uns ausschließlich eine Fahrt in einem der „Gaiolas“ (übersetzt Vogelkäfige, warum nur?) verkaufen, in denen man dann dicht an dicht seine Hängematte aufhängt. Das half uns recht wenig, wir mussten ja unseren L 300 auch noch gut verschiffen. Daraufhin klärte man uns auf dass wir zwar das Auto mit einer Fähre nach Manaus schicken könnten, aber unter keinen Umständen selbst dort mit an Bord könnten. Daraufhin klärten wir erst mal auf, dass wir unter keinen Umständen unser Auto alleine schicken würden und selbst mit an Bord sein müssen! Irgendwie müssen es ja die LKW-Fahrer auch machen! Na und irgendwie ging es dann nach einem Telefonat mit einem Kapitän doch, die Fähre sollte zwei Tage später ablegen, wir bekämen „sogar“ an Board zu Essen und das ganze sollte 580 Euro kosten! Nun gut, da wollten wir uns erst mal weiter erkundigen. Doch irgendwie verwies man uns überall wieder auf das Büro von „Macamazonia“, scheinbar die einzige Agentur, die Tickets verkauft. Eine andere Möglichkeit sollte es noch geben, dazu mussten wir jedoch in nicht besonders sicherer Hafengegend an den Docks entlang laufen. Das war es mir jedoch etwas zu unwohl, lieber fuhren wir später mit dem Auto dorthin.

Also wollten wir es bei den Reedereien selbst probieren, schließlich standen zahlreiche Adressen in unserem Reiseführer, die wir abklappern wollten. Wieder mal setzte heftiger Regen ein und wir fragten uns durch wüste Randbezirke. Alles nicht so besonders vertrauenserweckend und irgendwie auch richtig erfolglos! Wir fragten uns mehrmals nach einer Firma durch, doch jedes Mal waren wir bereits vorbei gefahren! Und selbst wenn wir sie gefunden hätten, wer weiß, ob man uns überhaupt ins Hafengelände gelassen hätte und wann die nächste Fähre gefahren wäre und ob wir nicht alle 15 Unternehmen hätten anfahren müssen, um endlich bei der richtigen Gesellschaft zu landen? Dann kamen wir an eine Stelle, wo uns die Männer schon von der Straße aus ins Auto „Manaus? Manaus?“ entgegen riefen. Wir stiegen aus und einer führte mich durch den strömenden Regen zu einer Abfertigungshalle der Boote. Hier drinnen war es heiß und stinkig, überall saßen die Leute mit Unmengen an Gepäck in den Ecken und warteten auf ihr Boot. Hier schien ich richtig zu sein, doch letztenendes verkauften sie wieder nur die Tickets für die Gaiolas und man erklärte mir wieder, dass wir unmöglich mit auf eine Autofähre konnten. Doch die Ablegestelle dafür war nicht weit, und Mathias verhandelte bereits mit den Seemännern. Die wollten jedoch schon über 650 Euro von uns, wahrscheinlich noch für die selbe Fähre? Also wollten wir als letzte Möglichkeit noch mal das andere Büro am Hafen versuchen, bis wir merkten, dass wir dort gerade waren! Tja, was blieb uns jetzt noch? Wir fuhren also wieder zum Büro von „Macamazonia“ zurück und machten die Reise fest. So gut das ging, denn der Besitzer meinte lediglich wir sollten am entsprechenden Tag um die Mittagszeit vorbeikommen, aber immerhin mussten wir nichts anzahlen. Oder war das ein schlechtes Zeichen?

Eigentlich wollten wir uns für die zwei Nächte ein Hotel nehmen, doch die Sache mit dem Parkplatz erschwerte alles. Bei den bezahlbaren Hotels hätte unser Auto ein bisschen bewacht auf der Straße gestanden, die anderen lagen nicht ganz in unserem Budget. Also fuhren wir etwas außerhalb an eine große Tankstelle, die sogar als „VIP-Tankstelle“ ausgezeichnet wurde. Dort wollten wir bleiben, die Duschen waren sauber, wir standen sicher neben Hunderten LKWs und es gab ein gutes Restaurant. Was wollten wir mehr? Außer vielleicht etwas mehr Appetit für Mathias, dem ging es im Magen immer noch nicht besonders gut, er hatte kaum Hunger und schwitzte nachts fürchterlich. Ich machte mir bereits ernsthaft Sorgen, und hoffte, dass die neue Medizin bald anschlägt, denn wie sollte er sonst die Tage auf der Fähre rum bringen?

Einen vollen Tag hatten wir ja noch Zeit und den nutzten wir dann zum Sightseeing und Erledigen einiger Sachen. Wir parkten mitten im Zentrum auf einem bewachten Parkplatz neben dem bekannten Markt „ver-o-peso“ (= „schau aufs Gewicht“, weil die Waren alle pro Gewicht verkauft werden). Vor uns lagen die größeren und kleineren Boote an den Anlegestellen, die aufgrund des hohen Tidenhubs an schwimmenden Docks anlegen.

Zuerst wollten wir einen deutschen Arzt aufsuchen, ihm Mathias Situation konkret erklären und nach einem zuständigen Arzt fragen. Doch wieder mal das alte Spiel, Adresse im Reiseführer falsch, bzw. gibt es nicht und einen deutschen Arzt schon gar nicht! Und trotz hilfsbereiter und auskunftsfreudiger Leute wurden wir nicht fündig. Danke Reise-Know-How, super Auskunft! Wir haben uns dann immerhin noch in der Apotheke mit Elektrolyten ausgestattet, damit Mathias wenigstens keine zu großen Mangelerscheinungen bekommt. Außerdem wollten wir uns Malariamittel besorgen, doch gibt es die in ganz Belem nicht, hier wird gleich geimpft! Doch darüber bekamen wir auch keine hinreichenden Auskünfte, die Impfung besteht eh aus mehreren Sitzungen und schützt nicht sicher, also wollten wir uns immer gut einsprühen, aufpassen und das Beste hoffen.

Endlich wollten wir uns der lebendigen Stadt hingeben. Wir schlenderten durch die engen überfüllten Gassen, überall Menschen und kleine Stände. Wieder am Markt bestaunten wir die Essstände davor, wo die Waren frisch zubereitet wurden. Überall köchelte und dampfte es in kleinen Abteilen, hier gab es frische Fischgerichte oder für uns exotisch Unbekanntes. In den Hallen selbst wurden die Waren auf Tischen angeboten, ob Früchte und Gemüse, Kräuter, Fisch, Meerestiere, Fleisch, Käse oder lebendige Hühner und Ziegen, Lederwaren und Kunsthandwerk, nichts was es hier nicht gibt! Dazwischen bieten schrumpelige Omis sonderbare kleine Fläschchen mit Kräutern und Medizin aus dem Amazonasdschungel an. Einfach toll, manchmal stiegen uns zwar penetrante Gerüche in die Nase, aber das muss man einfach gesehen und erlebt haben. Vor den Markthallen reihen sich die bunten Fischerboote, die ihre Beute fangfrisch an den Mann bringen. Dahinter warten schon die Geier (heißen hier Urubus) und Möwen auf Fischabfälle, es stinkt unglaublich, aber das ganze ist vor der Kulisse der blauen Stahlkonstruktion der Markthalle einfach ein tolles Erlebnis.

Dann haben wir uns neben kleineren Erledigungen eine zweite Hängematte für unsere Schiffsreise zugelegt, die es hier an jeder Straßenecke in allen vorstellbaren Farben, Materialen und Größen gibt. Nach drei Stunden hatten wir genug vom Trubel, holten uns noch ein paar Früchte vom Markt und fuhren weiter zum Park „Emilio Goeldi“. Hier ist mitten in der Stadt eine Dschungelinsel erhalten worden, es gibt verschiedene Tiere (der Otter war der Beste!) und sämtliche Urwaldpflanzen. Man befindet sich in einer Oase der Ruhe, mitten im Großstadtlärm und zwischen den gewaltigen Baumkronen lugen dahinter die Hochhäuser durch. Danach sind wir noch mal in ein großes Shoppingcenter gefahren, dort war lustigerweise eine Eislaufbahn aus Kunststoff aufgebaut, wo sich die Leute mit der unbekannten Angelegenheit vertraut machen konnten. Nur eine Lavanderia, die wirklich dringend notwendig gewesen wäre, konnten wir nirgends finden.

Danach sind wir wieder zu unserer VIP-Tankstelle gefahren und sind nach einem langen Tag voller Aufregung und Vorfreude eingeschlafen.

Am nächsten Morgen waren wir schon früh auf den Beinen. Mathias ging es besser, die Medizin schlug an und dank der Elektrolyten hatte er auch wieder Kraft, Hunger und Farbe im Gesicht. Wir deckten uns im Supermarkt und auf dem Markt noch mit Lebensmitteln und frischem Obst ein (alles so billig: Ananas für 0,20 Euro, 12 Bananen 0,35 Euro,…), denn wir wussten ja gar nicht, was so auf dieser Fähre auf uns zukommen sollte. Als wir dann um 13.00 bei der Agentur waren, ging alles ganz schnell, wir haben bezahlt, bekamen eine Quittung und einen der Angestellten ins Auto gesetzt. Gemeinsam holten wir einen anderen Wagen ab, tankten noch mal voll (Sprit ist angeblich in Manaus teurer, aber nimmt sich eigentlich nicht viel) und fuhren nach endlosem Gegurke endlich bei der Reederei ein. Die war so weit außerhalb, die hätten wir niemals alleine gefunden!

Dort erledigten die Herren die Formalitäten, benötigten nur einmal kurz unsere Pässe, wir warteten so lange in der brütenden Hitze auf Informationen. Dann wies man uns einen Parkplatz zu, erklärte uns kurz, dass man uns Bescheid gibt, wenn es los geht („Kann aber dauern“) und die Herren verschwanden wieder. So, da standen wir nun und hatten noch etwa 4 Stunden Zeit. Nach einem erfrischenden Regenschauer verließen wir noch mal das Gelände und tranken in der Bar gegenüber ein Bier. Das erste seit Tagen und das wahrscheinlich letzte für die nächsten Tage. Dort trafen wir auf zwei lustige LKW-Fahrer, die mit uns auf der Fähre sein sollten, auch ihr „erstes Mal“ vor sich hatten und genauso wenig wussten wie wir. Wir haben danach ein wenig das Gelände erkundet und die Fähre gesucht. Doch irgendwie gab es keine Fähre! Lediglich ein paar große schwimmende rechteckige Metallplatten lagen vor uns im Wasser und dazwischen ein paar kleine Schleppboote. Wir waren einfach nur baff und gespannt, was kommen würde. So um 19.00 wurde dann angefangen die Fähre zu beladen und man wies uns an, das Auto vor zu fahren. Und da bestätigten sich unsere Vorahnungen, die LKWs und Anhänger wurden auf die Metallplatten verfrachtet. Und das war wirklich Feinarbeit, die Ungetüme wurden in Zentimeterabständen auf die Platte verladen, am meisten Respekt verdiente sich Michel, der seinen doppelten Tanklaster rückwärts einfädelte. Auf eine dieser Platten passen etwa 25 LKWs, darunter auch manche Kleinwagen – und unser Pauli. Unsere „Fähre“ bestand dann am Ende aus zwei dieser Platten, verbunden mit ein paar Seilen, die eine schiebt die andere und das ganze wird dann von einem kleinen Schleppboot geschoben. Was es nicht alles gibt!!! Irgendwann durften wir dann auch drauf fahren, wir waren am vorderen Ende der zweiten Platte und hatten ein paar Meter Platz vor uns. Jetzt mussten wir nur noch auf die Flut warten, dann konnte es los gehen.

Wie wir so bei der Beladung standen und warteten, sprach mich tatsächlich jemand auf deutsch an. Ich sollte „uff meine Fies ufbasse“, wegen der Metallschlaufen im Boden. Was war das denn jetzt? Wie sich herausstellte, kam Inacio aus einer deutschen Einwandererfamilie, seine Großeltern kamen damals nach Brasilien und die Familie spricht immer noch deutsch. Und was für eins!

Da wir mit der Abfahrt noch auf die nächste Flut warten mussten, und wir genug geschwitzt hatten, wollten wir noch Duschen – es gab auf dem Gelände sogar welche – aber die eine stand unappetitlich unter Wasser und die andere war eine Gemeinschaftsdusche der Hafenarbeiter. Beides nicht so prickelnd, aber nachdem dann Mathias dann Wache gestanden hatte konnte ich mich entspannt erfrischen.

Von Inacio und seinem Kollegen Markus, die diese Tour schon öfters gemacht haben, haben wir uns die Abendstunden vertrieben. Wir saßen im engen Gang zwischen den LKWs, vor der geöffneten „Küchenklappe“, wo Markus seine Lebensmittel und Geschirr aufbewahrte. Wir wurden zu Kaffee und Cachaca eingeladen, den vor allem einer der Hafenarbeiter dankbar annahm. Immer wieder, wenn er ein paar Minuten Zeit hatte, kam er durch die eng geparkten Anhänger zu uns und trank jedes Mal einen kräftigen Schluck – oder gleich ein halbes Glas. Innerhalb kürzester Zeit war die Flasche leer und der Arbeiter voll, aber er konnte glücklicherweise bald nach Hause. So langsam erfuhren wir dann auch Einzelheiten über die Reise, sie sollte nicht wie angegeben 5 sondern 8 Tage dauern und wir würden dafür einen Stopp in Santarem einlegen (in der Agentur hieß es noch, dass wir gar keinen machen).

Wie das dann allerdings mit Strom, Duschen, Wäsche waschen und anderen Sachen ausschauen würde, das war uns noch unklar, aber das würden wir schon mit der Zeit herausfinden. Hauptsache erst mal, wir waren auf der Fähre. Wir haben uns dann abgelegt und Inacio verabschiedete uns mit den Worten: „Schloft gut!“. Dass wir das hier hören würden, hätten wir nie erwartet! Um 4.00 wurden wir durch lautes Geklapper geweckt, als die Leinen los gemacht wurden – es ging los!

Am nächsten Tag machten wir uns erst mal mit unserer neuen Umgebung vertraut. Wir hatten einen ganz guten Platz, um uns herum waren die Wagen nicht so dicht geparkt und wir hatten genug Raum um uns auszubreiten. Um auf das Schleppboot zu kommen, mussten wir nach hinten durch die lange LKW-Gasse laufen und über einen Spalt rüber klettern. Nicht ganz ungefährlich. Das Boot war nicht besonders groß, dort wohnte dann auch die 6-köpfige Crew, die im ersten Deck schlief, und der Kapitän, der auf dem zweiten Deck sein Steuerrad hatte. Unten gab es noch den furchtbar lauten Maschinenraum und die zwei kleine Bäder. Die waren sogar besser als erwartet, das Duschwasser wurde direkt aus dem Fluss gepumpt und war entsprechend braun. Da die Fenster immer geöffnet waren, da man sonst die Hitze vom Maschinenraum nebenan nicht ausgehalten hätte, habe ich mich entweder mit Bikinioberteil geduscht oder Mathias hat zur Sicherheit vor der Türe gewartet. Sonst gab es dort nur noch die Küche. Die war relativ klein, auf der einen Seite bereitete unser Koch das Essen zu, auf der anderen Seite gab es einen Tisch, an dem jedoch maximal vier Personen Platz fanden, aber wir aßen dann halt in Etappen oder man suchte sich seinen Platz im Freien. War eh besser, da es nicht ganz so laut war und man beim Essen noch die vorbeiziehende Landschaft bewundern konnte.

Drei mal täglich gab es Essen, das Frühstück war recht spartanisch, aber wir brauchen ja eh nicht mehr als einen Kaffee. Mittagessen gab es um 11.00 und Abendessen gegen 16.30, dafür kam der lustige Koch immer mit seiner Trillerpfeife über die Balsa gelaufen. Das Essen war eigentlich recht gut, es gab immer Fleisch und/oder Hähnchen, dazu Reis und/oder Nudeln, die obligatorischen Bohnen (manchmal allerdings mit ekligem Bauchfell drin, würg!) und ein bisschen Gemüse oder Salat. Eigentlich war das gar nicht so wenig, aber mit der Zeit bekamen wir heraus, das die Erfahreneren als erste beim Essen sind und sich haufenweise aufgeben. Die haben vielleicht blöd geschaut, wenn wir mal Erste waren. :-) Natürlich gab es auch hier, wie nirgends in Brasilien, mal ein Stück Brot zum Essen. Aber wir freuten uns, dass es Mathias wieder besser ging und er von ordentlichem Hunger heimgesucht wurde. Und die Essensreste oder wenn irgendetwas mal nicht so gut geschmeckt hatte, aber das war wirklich selten, hat man es einfach über Bord geworfen.

Wir haben uns dann auch Strom besorgt, das heißt, man hat einfach eins der dicken Kabel angezapft. Die waren eh an einer Stelle nur mit Isolierband verbunden, dort haben uns die Jungs dann mit zwei Drähten eine Verbindung erstellt und wieder mit Isolierband unser Kabel dran geklebt. So einfach war das. Außerdem mussten wir ja unsere Wäsche waschen, und das ging so: großen Eimer für die Wäsche besorgt und mit einem kleinen Eimer, der an einer Schnur befestigt war, Wasser aus dem Fluss geschöpft. Wir haben wohlweißlich darauf verzichtet weiße Wäsche zu waschen, die wäre durch das Flusswasser bestimmt braun geworden. Das Wasser war wirklich so dunkel, dass ich einmal eine Socke übersah und sie mit dem Schmutzwasser in den Fluss kippte. Ups! Aber wer kann schon von sich behaupten, dass jetzt seine Socke im Amazonas schwimmt? Manchmal kamen wir sogar in den Luxus sauberen Wassers, wenn Markus das an seinem LKW entlanglaufende Regenwasser gesammelt hatte. Danach haben wir zwischen den Wagen eine Schnur gespannt und die Wäsche dort aufgehängt. Und nach kurzer Zeit wurde die Leine nicht nur von uns, sondern auch von den anderen LKW-Fahrern fleißig genutzt.

Wir hatten aber auch noch unseren Kanister mit Wasser gefüllt, um unterwegs mal die Hände oder das bisschen Geschirr zu waschen. Als dann jedoch nur noch relativ wenig im Kanister war und der natürlich ununterbrochen in der prallen Sonne stand, verbrühte sich Mathias einmal beim Hände waschen dermaßen die Handaußenseite und ein wenig die Finger. Unglaublich, nur von der Sonne erhitztes Wasser! Wir haben ihn dann gleich mit Brandsalbe versorgt und nach ein paar Wochen schälte sich die Haut und mittlerweile zeugt fast nichts mehr von der Verletzung. Zum Glück!

Wir gewöhnten uns in kürzester Zeit an das Leben auf der Balsa und genossen diese außergewöhnliche Erfahrung. Wir fanden es einfach „saugeil“ wo wir wieder gelandet sind! Wir schipperten mit etwa 12 km/h die Flüsse entlang und wunderten uns immer wieder wie nahe wir am Ufer sind, manchmal nur wenige Meter. Mathias schaffte es sogar – unter bewundernden Blicken der anderen – per GPS-Daten unsere momentane Position zu definieren. Um die Strecke nach Manaus zurückzulegen, fuhren wir zuerst auf dem Rio Tocantis, von dort durch die engen Flussarme des Rio Pará und nach zwei Tagen erreichten wir den sagenumwogenen Amazonas. Und auch auf diesem wahnsinnig breiten Fluss, schipperten wir meist nur wenige Meter vom Ufer entfernt. Die Balsa lag auch nur etwa einen Meter tief im Wasser, so konnten wir toll das Leben auf dem Fluss, die Häuser und die Leute beobachten. Und da gab es eine Menge zu sehen. Die Landschaft war einfach atemberaubend schön, üppiges Grün säumte die Ufer, dichte Baumbestände und Palmen, Bambus, Sträucher und Blumen. Da der Amazonas einen gewaltigen Tidenhub von bis zu 12 Metern aufweist, sahen wir auch immer je nach Tageszeit die Wasserkante. Die Häuser waren alle aus Holz und standen fast ausschließlich auf Pfählen. Mal kamen wir an einer Bar vorbei, auch hier durfte der für Brasilien klassische Billardtisch nicht fehlen, mal hing einfach nur bunte Wäsche draußen, Leute wuschen und tummelten sich im Wasser, (sogar blonde) Kinder winkten aus den Fenstern, Leute arbeiteten im Garten, wobei alte Boote manchmal als Blumentöpfe umfunktioniert wurden. Ich konnte mich gar nicht satt sehen und hatte schon wunde Finger vom Fotografieren. Vor den Häusern ragten die Stege ins Wasser, jeder Bewohner hat natürlich sein Boot, auch schon die kleinsten Kinder, und wir sahen viele verschiedene Wassergefährte. Natürlich Einbäume, Motorboote, auf manchen wurde tatsächlich ein kleines Haus drauf errichtet, Fähren wie unsere, Frachter, Passagierschiffe und „Gaiolas“. Das sind die Personenschiffe, auf denen man sich mit seiner Hängematte einquartiert, aber die sind teilweise so überfüllt, da waren wir schon froh, dass wir auf dieser Fähre gelandet sind. Es gibt nichts was hier nicht transportiert wird, schließlich ist der Wasserweg die einzige Möglichkeit zuverlässig Sachen an andere Orte zu befördern, die Transamazonika ist nur in der Trockenzeit befahrbar und selbst dann einfach nur schlecht und voller Löcher. Da werden übers Wasser Holzstämme der Urwaldriesen weggebracht, Rinder und Büffel verschifft, und natürlich Lebensmittel, und alles was man so zum Leben braucht. Immer wieder kamen kleinere Boote heran gefahren und legten an unserem Schiff an. Die Ureinwohner kamen an Bord, versuchten Öl zu bekommen (für Strom und ihre Motoren) und verkauften alles was der Urwald her gibt. Sämtliche Früchte, darunter viel unbekanntes, Palmherzen, Nüsse, Fische, Garnelen (ein Korb mit etwa 500 Tieren für 3 Euro), Holzmöbel und außerdem Zivilisationsdinge wie Cola, Bier oder Zigaretten. Irgendjemand kaufte immer irgendwas und so probierten wir uns durch die komplette Urwaldpalette. Einfach unglaublich. Als sich nach ein paar Tagen die Landschaft geändert hatte, und mehr von Wiesen geprägt war, sahen wir viele Büffelherden durch die sumpfigen Ufer stapfen. Die Milch wurde gleich zu Käse verarbeitet und auch auf dem Schiff angeboten. Wir haben uns auch gleich ein Kilo Büffelmozarella gekauft (1,50 Euro) und schmecken lassen. Die Fahrer der Boote haben dabei stets die Gelegenheit genutzt und sich flussaufwärts mitnehmen lassen. Einmal kam eine Frau zu mir, deutete auf mein T-Shirt und fragte, ob ich nicht so eins übrig hätte. Wo sollen die hier auch einkaufen gehen? Die nächste „Boutique“ lag in Belem oder erst wieder in Manaus, aber bestimmt nicht hier mitten im Dschungel. Und da ich mir ein Shirt mit Öl eingesaut hatte, „tauschte“ ich es mit Maria gegen 5 Limonen. So hatten wir beide was davon.

Jetzt kommt natürlich die Frage, wie das Öl an mein Shirt kommt? Wir lümmelten ja die ganze Woche auf der Fähre rum, die Sonne brannte unaufhörlich herunter, und abgesehen von einigen kurzen Regenschauern, war es unglaublich heiß. Immer wieder holten wir mit Eimern etwas Flusswasser an Bord und schütteten es uns über die Köpfe, was wenigstens für eine kurze Erfrischung sorgte. Dafür gab es kontinuierlich etwas Fahrtwind, was die Sache ein wenig angenehmer gemacht hat und vor unangenehmen Mücken geschützt hatte. Leider haben wir in einer Nacht für eine Stunde halten müssen und da wurden wir so richtig schön verstochen. Kein Insektenmittel half mehr, die Viecher waren überall und unsere Körper hinterher mit jeweils mindestens 30 Stichen übersäht. Doch auf die Amazonasmoskitos reagierte ich sehr heftig, an meinem Beinen bildeten sich große Beulen. :-(

Zurück zum Öl. Um sich ein bisschen vor der Sonne zu schützen suchten wir alle den Schatten der Anhänger. So wurden die Stühle und Hängematten immer unter den LKW-Aufliegern platziert. Da musste man ein bisschen drunter krabbeln und wenn man sich nicht genug geduckt hatte, ist man mit dem Rücken an die Schmiere an der Unterseite gekommen – und schon war das Hemd versaut. So ziemlich jeder hatte mal an seinem Rücken die schwarze Schmiere kleben, immer wieder wurde geschrubbt, was das Zeug hält. Ich bin dann darauf umgestiegen, nur noch schwarze Shirts zu tragen, aber das grüne war da schon hinüber.

Da jedoch nicht alle Fahrer so gut ausgerüstet waren wie wir, und wir ja sogar drei Stühle haben, benutzten sie immer unsere mit. Hat uns ja nichts ausgemacht, sie hätten sonst auf dem Boden sitzen müssen, aber einmal setzte sich halt auch jemand mit Schmiere auf meinen Stuhl. Aber dafür wurde er dann von den Übeltätern eingehend geschrubbt, im Fluss abgespült, und der Stuhl war hinterher sauberer als zuvor, wenn auch mit weniger Farbe.

Überhaupt, unsere Mitfahrer. Es waren insgesamt neun andere Fahrer mit an Board, jeder von ihnen ein absolutes Unikat, jeder eine total unterschiedliche Charaktere. Die einen waren ruhig, verschwanden für Stunden irgendwo und sprachen nicht viel. Andere wiederum waren total aufgedreht und blödelig. Allen voran „Gargi“. Er heißt eigentlich Flavio, ist Indio und erinnerte uns aufgrund seines Aussehens und seiner Art sehr an den Bösewicht Gargamel der Schlümpfe. Er stand den ganzen Tag unter Strom, musste sich immer bewegen und begann schon morgens damit, Cachaca zu trinken. Zur Beruhigung!? Er war sozusagen unser direkter Nachbar, sein neu erstandener alter orangefarbener LKW stand direkt neben unserem Pauli. Er fragte ununterbrochen, ob wir nicht auch einen Schluck „pinga“, also Schnaps wollten, was wir meistens erfolgreich ablehnen konnten. Manchmal auch nicht… aber dazu später.

Er hatte immer irgendwelche blöden Einfälle, und als wir mal unterwegs anhielten, musste er ungeachtet möglicher Anakondas oder Krokos ins trübe Flusswasser springen. Schnell kletterte er immer wieder an einer Schnur an Board und überredete einen anderen (bei uns „Barny“, weil er lachte und aussah wie Fred Feuersteins Freund) auch zu springen. Doch gerade in diesem Moment fuhr die Balsa wieder los, entfernte sich schnell von ihm, er konnte gerade noch an die vordere Seite der Plattform schwimmen. Doch schaffte er es nicht hoch zu klettern, seine Kräfte ließen merklich nach, und im letzten Moment wurde er von drei anderen mit vereinten Kräften an Board gezogen. Das war wirklich knapp, aber er sah es mit Humor, und es war seitdem der „running gag“ der Reise.

Gargi verließ beim nächsten Halt trotzdem wieder die Fähre, kletterte an Land herum, fand angeblich Schildkröteneier und sammelte sonderbare weiche Steine. Mit diesen Steinen rieb er sich dann ein, bis er vollständig weiß angemalt war. Sollte gegen Sonnenbrand helfen, war irgendein Indio-Rezept, wir hielten uns lieber an die klassische Sonnencreme.

Gargi hatte dann auch die Idee, die Sonnenblende seiner Windsschutzscheibe zu verschönern. Er wollte seinen LKW „abencoado“ – gesegnet – nennen, besorgte schon Farbe und ich sollte die Buchstaben aufmalen. Dabei fragte Mathias beiläufig, ob er nicht auch meinen Namen mit darauf verewigen wollte. Gargi war gleich angetan von der Idee und letztendlich prangten neben dem Gesegneten die Namen seiner zwei Kinder und „marron“ auf dem Schild. Warum marron? Das heißt Braun auf portugiesisch und da sich hier ja niemand meinen Namen Melanie merken kann, gingen sie zu dieser Variante über. Das ganze natürlich noch brasilianisch ausgesprochen (so in etwa „mahó“) und schon hörte ich immer wieder: „Ey, marron, musica.“ oder „Ey, marron, cachaca?“ Davor war ich dann nur „befreit“, wenn ich vorher „Acaí“ getrunken hatte. Das ist der Saft von Palmfrüchten in der Größe von Kirschen, dunkelrot und dickflüssig, mit Zucker (natürlich) gesüßt und da er hier im Dschungel in 100 % purer Form verkauft wurde, durfte man den auf keinen Fall in Kombination mit Alkohol genießen, das wäre hoch giftig. Man müsste dann sofort ins Krankenhaus, es wäre lebensgefährlich, ich weiß zwar nicht genau, was mit dem Körper dann passiert wäre, aber davor warnte uns wirklich jeder und passte auch darauf auf.

Immer wieder gab es etwas neues, anderes, aufregendes zu sehen. Einfach beeindruckend. So eine Fahrt ist unvergesslich und unbuchbar. Wir hatte aber die einmalige Chance so etwas zu erleben. Die Reise war alles andere als langweilig, wir saßen immer wieder alle zusammen, oder in kleineren Grüppchen, beobachteten teilweise mit Fernglas das Geschehen an Land oder auf der Fähre. Manchmal hörten wir auch das Grunzen der Brüllaffen, zu Gesicht bekamen wir sie und andere wilde Tiere leider nie. Wir konnten es stundenlang in der Hängematte unter den Aufliegern aushalten und erfreuten uns an dem dicht vor uns vorüberziehenden Endlosfilm. Wir hatten mittlerweile für fast jeden der Fahrer unsere eigenen Namen, ihre richtigen wussten wir oft nicht, oder konnten wir uns nicht merken. Daher kamen dann auch Namen wie „Bigfoot“, „Hackel“, der „Paraguayaner“ oder „Deller“ zustande. Erstaunlicherweise waren die meisten doch recht gut erzogen, es wurde eigentlich nie rumgerotzt oder andere unangenehme Geräusche verbreitet, wie es für Brasilianer so üblich ist.

Nach vier Tagen Rumlümmeln machten wir Halt in Santarem. Dort verließen uns drei der Fahrer, dafür kam ein neuer an Board. In Santarem verließen wir gemeinsam das Hafengelände und deckten uns in den nahegelegenen Supermärkten mit Getränken und Zigaretten ein. Was man halt so vermisst, auf dem Amazonas. Nachdem wir unsere neu erstandenen Bierdosen im Gemeinschaftseisfach auf dem Schiff kalt gestellt hatten, machten wir uns noch mal auf den Weg in eine der Hafenbars. Wir genossen die Zeit dort mit den anderen Fahrern, schließlich war das letzte Bier im Hafen von Belem, und auch der einsetzende Sturm und Regen schmälerten unser Beisammensein nicht. Kurz bevor das Schiff wieder ablegte, gab uns der Kapitän mit seinem Superleuchtstrahl ein Signal. Wieder auf dem Schiff zurück ließen wir uns unser Bier schmecken und es wurde eine lange und lustige Nacht. Leider „bediente“ sich die Crew auch mal an unseren Dosen, woraufhin wir die restlichen Dosen in den Kühllaster von Inacio legten. Dort lagen bereits unser Obst und unser 20 Liter Wasserkanister, in bester Begleitung von seiner Ladung Schokoladenostereier.

Am nächsten Morgen dröhnte uns das Hirn, was nicht nur am Alkoholkonsum des Vorabends lag, sondern auch an unserem neuen Mitfahrer. Er hatte die Obhut über zwei Fleischkühllaster, die mit superlauten Dieselmotoren betrieben wurden – und genau an unserem Kopfende geparkt waren. Die hätten sie auch ans andere Ende stellen können, aber warum sollte hier auch jemand so weit denken? Irgendwie verpeilte er es auch, dass er mit dem Lärm eventuell den anderen auf die Nerven gehen könnte und ließ die Anhänger nie gleichzeitig laufen. Kaum war der eine aus, schmiss er den anderen an. In diesen Stunden verzogen wir uns alle ans vordere Ende der Plattform um unsere Ruhe zu haben. War halt blöd, denn daraufhin wurden ständig Stühle rumgetragen, Hängematten umgehängt,… um dem Krach zu entgehen.

An diesem Tag spielten die „Offenbacher Kickers“, Mathias Lieblingsclub, gegen die „Eintracht“ und wir mussten das feiern. Wir wussten zwar nicht, wie die Partie endete, was uns nicht daran hinderte, mit lustiger Verkleidung durch die Gegend zu laufen und jedem den Fanschal um die Schultern zu legen.

Auch am nächsten Tag waren alle wieder recht gut gelaunt, wir legten unsere restlichen Bier auf Eis, wieder wurde reichlich Cachaca getrunken und als der Koch zum Essen pfiff, setzte er tanzend im Takt der Trillerpfeife zum Trinken an. Zwischendurch wurden Paranüsse geknackt, es gab Mangos oder wir haben Kakaobohnen gelutscht, die uns an Board geworfen wurden. Was für eine tolle Zeit. Wir feierten den ganzen Abend, tanzten und erfreuten uns an der lustigen Fährfahrt. Man muss dazu erwähnen, dass nicht alle auch getrunken haben, die mit beim Feiern waren. Viele Der LKW-Fahrer – oder überhaupt viele Brasilianer – trinken nichts mehr. Und das ist eine ganz normale Sache, dafür schämt sich keiner, das ist einfach normal hier. Die erzählen zwar dann noch davon, dass sie sich früher mit Schnaps die Birne zugedröhnt hatten, aber schauen sich jetzt ohne Probleme die andere Trinker an. Tja, über den übermäßigen Alkoholkonsum der Brasilianer hatten wir schon viel gehört, und das war dann der eindeutige Beweis. Schade!

Der nächste Morgen war leider nicht so lustig, denn als Mathias seine Videokamera aus dem Handschuhfach holen wollte, stand diese ein paar Zentimeter unter Wasser! Es hatte in der Nacht davor geregnet und wir wussten ja schon, dass unser Auto an manchen Stellen undicht ist, aber das Handschuhfach war uns neu. Und da die Kamera schon seit Stunden dort vor sich hindümpelte, waren sämtliche Trockenversuche leider vergebens – das Ding war hin! :-( Daraufhin klebten wir unsere Windschutzscheibe ordentlich mit Klebeband ab, was man halt so zur Verfügung hat, und seit dem ist die Sache wieder dicht. Immerhin!

Und am Abend saßen wir wie fast immer gemeinsam zusammen, haben mal Filme oder Musik-DVDs geschaut (natürlich Forró), Seilspringen geübt oder uns einfach nur unterhalten. Mit der Zeit verstanden wir die nuschelnden Fahrer auch besser, oder sie sprachen endlich deutlicher. Wir haben auch in schwacher Stunde das Oktoberfestvideo von Mathias gezeigt und erste Reaktion war: „Ihr habt ja tolle Straßen in Europa!“

Eine Nacht stoppte das Schiff und wir sollten alle schnell in unsere Autos gehen. Wir wunderten uns etwas und wie wir von Inacio erfuhren, sollte heimlich Öl von der Balsa abgepumpt und verkauft werden und von uns sollte das keiner mitbekommen. Haben die sich so gedacht…

Nach einer Woche gemütlichem Schippern durch die Urwaldlandschaft, war unser letzter Tag gekommen. Wir haben ihn genutzt um gewisse Dinge und unsere Weiterreise vorzubereiten. Eigentlich wollten wir noch mal Wäsche waschen, aber genau an diesem Tag regnete und nieselte es unaufhörlich. In Manaus wurde die Uhr nochmals um eine Stunde zurück gestellt, was bedeutete, dass es bereits um 10.00 Mittagessen gab! Am Abend habe ich auf dem Notebook noch eine Diashow mit Musikuntermalung vorgeführt, die unsere gemeinsame Woche auf diesem ungewöhnlichen Gefährt wiedergab. Kurz vor der Ankunft in Manaus flossen die zwei Flüsse Amazonas und Rio Negro zusammen. Der Amazonas ist ja sehr braun, der Negro (wie der Name schon sagt) hingegen richtig schwarz. Nur einen Meter unter Wasser herrscht dort absolute Dunkelheit. Nicht dass ich es getestet hätte, aber angesichts der tiefschwarzen Suppe glaubte ich das auch so. Und da die beiden Flüsse unterschiedlich langsam fließen, vermischen sie sich nicht gleich, sondern fließen lange nebeneinander her. Dieses Ereignis des „Encontro das aguas“ (=Zusammentreffen der Flüsse) kreuzten wir zwar bei Nacht, dafür konnte man für wenige Augenblicke gut sehen, wie die beiden unterschiedlich gefärbten Ströme eine relativ klare Linie bildeten, bevor wir den schwarzen Fluss fuhren. Zwar ein kurzes Erlebnis, aber schon irgendwie faszinierend.

Aber an Land konnten wir noch nicht, die Abladearbeiten sollten erst am nächsten Morgen losgehen und so verbrachten wir die letzte Nacht noch im Hafengelände auf der Fähre.

Schon um 6.30 ging es los, wir haben uns zwar von den anderen verabschiedet, noch letzte CDs getauscht und unseren Wagen noch einen Tag im Hafen stehen lassen. Gargi hat uns für seine abendliche Rückkehrparty (er war 8 Monate weg von zu Hause) eingeladen, aber wir wussten schon, wie das enden würde und hatten vorerst genug vom Schnaps.

Wir wollten erst mal was von Manaus sehen. Wir sind erst ein Stück in die Stadt gelaufen, haben dann aber feststellen müssen, dass es doch zu weit ist. Also haben wir den nächsten Bus angehalten, wussten jedoch nicht genau, wo wir aussteigen sollten, landeten dann doch zufälligerweise genau im Zentrum. Dort besichtigten wir eine Kirche und schlenderten durch die vollen Gassen, wo überall kleine Marktbuden standen. Dort ersteigerten wir einen neuen Taschenrechner, der alte war leider mit der Kamera Baden gegangen. Da wir für unser Visum für Venezuela noch Passbilder brauchten, haben wir uns welche an einem Straßenstand machen lassen. Sechs Stück für 1,50 Euro, innerhalb zwei Stunden per mobilem Drucker fertig. Was wollten wir mehr? Wir sahen zwar auf den Bildern aus wie kurz nach einer Schlägerei, aber wir wollen uns damit ja auch nicht bewerben. Danach ging’s zum Hafen, dem Dreh- und Angelpunkt der Stadt – und da war was los! Boote, Menschen, Gedränge und Gewusel, Essenstände, Bootsvermietung, jeder will was verkaufen, jeder will aufs Schiff, ob als Passagiere, oder zum Beladen. Uiuiui, eine Betriebsamkeit dort, die gefiel uns zwar sehr gut, gleichzeitig freuten wir uns riesig, dass wir nicht mit einem dieser überfüllten Vogelkäfige fahren mussten. Die sehen ja von der Ferne ganz schön aus, erinnern irgendwie an so alte Raddampfer, aber aus der Nähe betrachtet machen sie ihrem Namen alle Ehre!

Später sind wir durch die Markthallen gelaufen, kannten wir zwar schon von Belem, war aber wieder absolut faszinierend. Später sind wir einfach durch die Straßen gebummelt und haben das Leben dieser Urwaldmetropole auf uns wirken lassen. Die Leute sind generell recht klein und es gibt hier sehr viele Indios, aber das ist uns schon gar nicht mehr aufgefallen. Alle schauten immer ganz interessiert und lächelten uns freundlich an. Nur den Regen, den vermissten wir etwas, so trocken hätten wir es uns hier nicht vorgestellt. Nicht mal ein kurzer Schauer ließ sich vom Himmel herab. Aber diese Stadt ist auch so der Wahnsinn, hat knapp über 2 Millionen Einwohner und der Hammer, die Stromversorgung läuft fast ausschließlich über Dieselgeneratoren! Das muss man sich mal vorstellen!

Wir waren natürlich auch bei der bekanten Oper, ich habe einen Blick ins Innere erhaschen können – faszinierend mit welchem Prunk die Kautschukbarone damals gebaut haben – aber von außen war sie für uns nichts so besonderes. Wir haben halt schon so viel restaurierte Kolonialbauten gesehen und wir fahren halt doch mehr auf die verwitterte Eleganz früherer Zeiten ab. Nach einem letzten brasilianischem X-Bacon (= Cheeseburger mit Bacon, sprich Schissbörger) die sind einfach super hier! – und vielen Stunden rumlaufen haben wir uns wieder zum Hafen begeben.

Das praktische war, dass man im Hafen am Wochenende umsonst stehen konnte, dort gab es Duschen und wir standen sicher. Doch dort überraschte uns die Anwesenheit einer der LKW-Fahrer, der nicht aus dem Hafengelände fahren durfte ehe er nicht einen gewissen Betrag wegen Einfuhrsteuer, oder so etwas, bezahlt hatte. Irgendwie haben wir die ganze Angelegenheit nicht so verstanden, wunderten uns auch, warum er das nicht vorher wusste, aber war ja zum Glück nicht unser Problem. Dafür sind wir gemeinsam noch zu einem nahe gelegenen Grillstand gelaufen und haben dort gegessen, getrunken (er vor allem!) und uns unterhalten.

Am nächsten Morgen wollten wir weiter fahren, doch wir brauchten erst irgend einen Schein für die Ausfahrt. Es schwante uns böses, wir befürchteten, wir müssten auch noch irgendwas bezahlen, aber nachdem sie uns auf dem Frachtzettel ausfindig gemacht hatten, bekamen wir problemlos den benötigten Wisch. Und jetzt ging es weiter in großen Schritten Richtung Venezuela. Ein Schild am Wegesrand wies uns darauf hin, dass in einer Woche ein Konzert von der geilen brasilianischen Band „Rappa“ stattfinden sollte, doch so lange konnten wir leider nicht mehr warten, unser Visum lief in wenigen Tagen aus. Und es lagen ja noch läppische 1000?? km vor uns bis zur Grenzüberquerung. Trotz nicht vorhandener Ausschilderung haben wir relativ zügig die richtige Ausfahrtstraße gefunden. Wir passierten unzählige Balnearios, Wochenendanlagen und Flussarme, an denen sich die Massen zum sonntäglichen Badespaß trafen und vergnügten. Die Gegend war recht ländlich und wir konnten kaum fassen, dass wir nach einer Woche Schiff in der Nähe einer „Urwald“-Stadt sein sollten.

Doch irgendwie war die Ausschilderung wieder mal mehr als schlecht, die Kilometerangaben zu den wenigen Orten, die wir passierten, waren recht vage und Ortsnamen gab es eh nicht. Nach 220 km (!!!!!) merkten wir dann endlich, dass wir nicht auf der richtigen Straße waren und statt gen Norden nur östlich parallel zum Amazonas gefahren sind! Scheiße!!! Sorry, aber anders kann ich es nicht nennen. Das waren dann 6 Stunden Umweg, nach 3 waren wir zurück in Manaus und haben endlich wieder miteinander gesprochen. Dort suchten wir die richtige Ausfahrtsstraße, aber wieder verfehlten wir sie, wir konnten die richtige Abzweigung einfach nicht sehen. Die könnten ja auch an der einzigen Kreuzung von Manaus nach Boa Vista (sonst gibt es hier ja nicht viel) ein Schild installieren. Nachdem wir dann nochmals an einer Polizeikontrolle nachgefragt hatten, entdeckten wir die direkt vor uns abzweigende Straße, die wir abermals nicht gesehen hätten! Aber jetzt waren wir endlich richtig und wir konnten uns auch eigentlich nicht mehr verfahren. Hoffentlich!

Kurz vor Sonnenuntergang erreichten wir dann die letzte Tankstelle vor dem Indianerreservat Waimiri Atroari. Dort darf man nachts nicht durchfahren und obwohl sie uns noch reingelassen hätten, wollten wir lieber an der kleinen Tankstelle übernachten. Im Reservat darf man auch nicht fotografieren oder anhalten. Aber wir erhofften uns einen Blick auf ein paar Indios in Lendenschurz zu erhaschen und so wollten wir auf keinen Fall mehr bei Dunkelheit fahren. An der Tankstelle gab es Duschen, aber leider nichts zu Essen. Da wir aber hungrige Mägen hatten, fragten wir uns nach dem nächsten Restaurant durch. Wenn es hier so etwas geben sollte. Zwei Kilometer weiter sollten wir auch auf eins treffen. Wir beachteten die Entfernung nicht, viel würde ja hier nicht kommen. Am ersten Restaurant – stand auch auf einem Schild – hielten wir an. Doch hier warteten ein paar junge Mädels, die Küche sei „gerade zu“ und wie uns später dämmerte, sind wir bei einem Puff gelandet. Also weiter, wieder gab es ein Restaurant, aber dort war die Küche wirklich noch geschlossen. Bei der nächsten Gelegenheit war es so dreckig, stinkig und assig, da hätten wir eh nichts gewollt und zuletzt landeten wir an einem kleinen Essladen, betrieben von ehrwürdigen Senioren, dort gab es zwar nicht viel (wieder Burger), aber satt wurden wir. Wir sind dann wieder zurück gefahren, passierten wieder besagte Etablissements (wo sich mittlerweile so einige LKWs eingefunden hatten) und schliefen letztendlich gut an der Tankstelle.

Am nächsten Morgen fuhren wir früh los, nicht ohne die LKWs zu bewundern, die oben auf ihrer Ladung noch Autos oder Mopeds fest gemacht hatten. Hier wird halt alles überall hin transportiert und jeder wird so voll beladen wie es geht.

Im Reservat haben wir uns dann die Augen wund geschaut aber leider keine Lendenschurze gesehen, dafür trotzdem unseren Pauli im grünen Dschungel fotografiert, und generell über die guten Straßen gefreut, und wenn es nicht so war, sind wir den tiefen und breiten Löchern ausgewichen. Ein paar Erdschweine und Affen kreuzten unseren Weg, ansonsten war die Fahrt durchs Reservat recht unaufregend.

Die weitere Strecke eigentlich auch, viel vom Regenwald ist hier leider nicht mehr übrig, einzig das armselige Äquator-Monument bietet Abwechslung in der trostlosen Gegend. Dort haben wir unser Öl und Benzin nachgetankt – was man dort halt so macht – ansonsten konnten wir auf diese Stelle eher verzichten! Häuser sahen wir nicht viele – wer soll hier im Nirgendwo auch leben und von was? -, die Bäume waren abgeholzt, überall kokelte es vom Brandroden vor sich hin, außer Fächerpalmen und ab und zu unnatürlich grünem Gras gab es hier nichts zu sehen. Die Straße bot auch nicht viel neues, mal war sie super, mal Baustellen, mal Matsch und wieder mal tiefe Löcher. In Boa Vista haben wir uns dann nach einem Schlafplatz umgesehen, aber die Tankstellen in der Stadt waren nicht sonderlich vertrauenserweckend und außerhalb gab es keine mehr. Aber endlich kamen wir an einem kleinen ländlichen Restaurant vorbei, dort schlugen wir uns noch mal ordentlich und typisch brasilianisch die Bäuche voll und auf dem Vorplatz konnten wir gut die Nacht über stehen.

Am Morgen durften wir dort auch noch duschen, und die netten Besitzer bestaunten interessiert unseren L 300. Kommt hier ja nicht so oft jemand aus Deutschland vorbei, der mit dem eigenen Auto von Brasilien nach Venezuela fährt, und dann noch in so einem Bus schläft. Die Gegend war weiterhin trocken, wir fühlten uns eher wie in der Wüste von Afrika als im Regenwald und ob wir es schön finden sollten, darüber waren wir uns noch nicht schlüssig. Wir erwarteten auf jeden Fall mehr Regen, aber der macht sich diese Saison lieber in anderen Ecken Brasiliens  Feinde, indem er alles überflutet. Hier fehlt er dafür, aber wem soll ich jetzt was über verrücktes Wetter und Klimawandel erzählen?

Im Hintergrund tauchten ein paar Berge auf und wir erahnten schon, dass die venezolanische Gran Sabana nicht mehr weit sein konnte. Die Leute wohnten in Hütten aus Stein oder Lehm, die Hängematten dürfen natürlich nirgends fehlen, und wir fuhren wieder auf 900 Höhenmeter. Wir waren schon recht aufgeregt vor der Grenzüberquerung als wir den brasilianischen Grenzort Pacaraíma bzw.

La Linea erreichten. Dort bot man uns überall auf der Straße die Möglichkeit zum Geldwechseln an, leider wussten wir noch nicht über den inoffiziellen Kurs bescheid. Wir erwarteten eine Mail von Volker, aber wir hatten schon lange keine Möglichkeit mehr gehabt sie zu checken. Doch siehe da, in diesem kleinen Bergort gab es die Möglichkeit ins Internet zu gehen, ich musste nur beim Militär nachfragen, dort in der Kaserne würde es kostenlos angeboten. Im entsprechenden Internetraum angelangt, waren leider die zwei funktionierenden Maschinen belegt und keiner der Nutzer machte Anstalten, mich für den Check einer Mail mal kurz ran zu lassen. Die wussten ja schon wie langsam der Zugang war und so ging ich nach einer halben Stunde unverrichteter Dinge wieder raus. Wir vermuteten jedoch, dass der angebotene Kurs nicht der schlechteste sei und wechselten kurzerhand all unsere brasilianischen Reais. Wie sich später herausstellte hatten wir so ziemlich den bestmöglichen Kurs bekommen. :-)

So jetzt aber an die Grenze. Nach über fünf Monaten sollten wir jetzt das schöne und abwechslungsreiche Land Brasilien hinter uns lassen. Vielleicht sind nicht alle Brasilianer „gut“, die wir getroffen haben und die nett zu uns waren, aber wir freuten uns sehr über das überall verbreitete positive Lebensgefühl in diesem Land. Und der immer wieder kehrende Spruch, ob auf LKW, auf Plakaten oder an Häusern „Deus e fiel“ (= Gott ist treu) wird uns noch lange im Gedächtnis bleiben.

Für den Grenzübertritt waren wir wirklich gut vorbereitet, hatten alle Kopien, Passbilder und was wir sonst noch laut Angaben anderer Traveller so brauchen würden. Doch im neuen Hightech-Grenzübergang ging alles super schnell und problemlos, eine Kopie des Fahrzeugschein und eine von Mathias Pass waren genug, wir bekamen unsere Stempel, ein Papier fürs Auto, Mathias einen Stempel in den Pass (Ausgerechnet hier, wo wir doch evtl. ohne Auto nach Trinidad und Tobago wollten), Gelbfierimpfung interessierte auch keinen und schon waren wir über der so gefürchteten Grenze. Zwischen den Grenzübergängen gab es schon die erste – vom Militär bewachte – Tankstelle mit dem ach so billigen Sprit. Obwohl es langsam Zeit wurde zu tanken, verzichteten wir darauf uns in die Schlange von zig Autos einzureihen und fuhren erst mal in den venezolanischen Grenzort Santa Elena. Dort hielt uns jedoch nicht viel, wir sahen ungewöhnlich viele weiße Touristen und fuhren weiter. An der Tankstelle jedoch mussten wir feststellen, dass man mit ausländischem Kennzeichen kein Benzin bekommt. Wir fragten mehrmals nach, wir wollten ja nur ein paar Liter und waren ja keine brasilianischen Tanktouristen, aber der Flecktarnfuzzi ließ sich einfach nicht überreden. Wir sollten wieder die 20 km zurück zwischen die beiden Grenzhäuschen fahren und an der überfüllten Tankstelle so wie alle Ausländer tanken. Dafür schrieb er uns einen kleinen Zettel (nicht auf rosa!), damit wir uns nicht in die Ewigreihe anstellen mussten. Also wieder durch die  venezolanische Grenzkontrolle, diesmal kontrollierten sie uns ausführlich, und tatsächlich konnten wir uns an der Tankstelle „vordrängeln“. Immerhin. Jetzt wussten wir auch, warum die so ein Heckmeck machten, denn hier kostete das Benzin das zehnfache als im restlichen Land. Aber ist es nicht egal, ob man für einen Liter 2,5 Eurocent oder 25 bezahlt? Uns schon, und den Brasilianern auch, die sparten noch genug gegenüber den Preisen in Brasilien (1 Euro) und hatten alle ihre Autos mit zwei Tanks aufgerüstet. Und wo wir schon halb wieder in Brasilien waren, endlich wussten, dass wir sehr gut getauscht hatten, entschlossen wir uns kurzerhand, noch mal schnell – illegal – nach Brasilien zu fahren und dort Geld am Automaten zu ziehen. Blöderweise gab es keinen Automaten in

La Linea und die 250 km bis nach Boa Vista wollten wir auch nicht mehr zurück. Also wieder durch die venezolanische Kontrolle – die kannten uns mittlerweile schon – und weiter ins Land. Endlich waren wir dort, wo unser Reisetraum begann. Schließlich waren wir vor fünf Jahren das erste Mal in Venezuela, verliebten uns damals ineinander und das exotische Land mit dem tollen Lebensgefühl. Und nach über 1 ¼ Jahren und 43.000 km unterwegs in Südamerika erreichten wir es endlich. :-)

Die Straße führte direkt durch den ausschließlich von Indios geführten Nationalpark Canaima und die Gran Sabana. Hier gab es immer wieder einen Grund anzuhalten, wir passierten einige Wasserfälle, die im rot der Jaspersteine leuchteten. Manchmal wurden wir auch an Straßenkontrollen aufgehalten, doch keiner wollte mehr irgendwelche Autopapiere oder Versicherungsscheine sehen, unser neues Papier in Kombination mit Mathias Pass reichten völlig aus. Wir bekamen einen Stempel auf die Rückseite – von dem keiner so genau weiß, wofür der ist – bekamen selbst von den noch so grimmig schauenden Polizisten am Ende ein Lächeln geschenkt und eine gute Fahrt gewünscht. Das waren nicht die Straßenkontrollen in Venezuela, die wir kannten, aber uns sollte es so mehr als recht sein.

Am Nachmittag suchten wir uns einen Schlafplatz, denn man kann hier – normal auch unvorstellbar für Venezuela – an einigen Stellen frei Campen. Wir stellten uns vor ein Restaurant, und zündeten uns zur Feier des Tages unsere Monate aufbewahrte Zigarre an. Vom Restaurant ließen wir uns Bier rausbringen und am Abend in der palmenbedeckten Indio-Rundhütte leckere Hühnchengerichte schmecken.

Am nächsten Morgen suchten wir uns ein Platz etwas außerhalb um unsere Morgendusche zu verrichten. Wir hätten zwar in der Posada nebenan fragen können, aber wenn schon „wild“ campen, dann richtig. Also suchten wir uns einen abgelegenen Weg, wo wir erst frühstückten und dann duschen wollten. Leider stellte sich der Weg als gar nicht so unbelebt heraus wie wir dachten, ständig fuhren Tourjeeps an uns vorbei, oder hielten an und fragten uns, ob alles in Ordnung sei, oder was wir den verkaufen würden. Nachdem wir alle davon überzeugt hatten, dass wir lediglich eine kleine Pause machen wollten, wurde es ruhiger und wir konnten endlich die nötige Dusche nehmen.

Es war nicht mehr ganz so heiß wie am Vortag und am Himmel hing ein diesiger Dunst. Aber wir erfreuten uns trotzdem an der Gegend und den tollen Wasserfällen. Einer war wirklich atemberaubend, wir konnten uns vorne an die 55 Meter hohe Kante setzen und mit unserem Adrenalin spielen. Doch die Aussicht auf die unten im Wasser lauernden Anakondas ließ uns doch sehr vorsichtig sein. Dort lernten wir eine Familie kennen, die uns ein paar Tipps fürs Land gaben und mit denen wir unser eingerostetes Spanisch wieder auffrischen konnten. Obwohl hier ja wieder ein anderes spanisch gesprochen wird als in Argentinien. Von ihnen erfuhr Mathias auch, dass am Nachmittag ein Bayernspiel übertragen werden sollte, wobei es ein Problem darstellen sollte, dass es im Nationalpark keine Fernseher gab. Aber egal, erst mal wollten wir sehen was die Natur noch so zu bieten hat. An einem kleinen Wasserfall trafen wir auf eine Gruppe, die Werbung für den bevorstehenden Amerikacup und das dazugehörige Maskottchen machte. Dort bekamen wir gleich mal zwei leuchtend rote T-Shirts und Baseballkappen geschenkt. Und wir bekamen Einblicke in die venezolanische Eigenart, uns zu fotografieren oder sich mit uns fotografieren zu lassen. Da stehen die total drauf.

Wir tranken unterwegs noch ein Bier an einem kleinen Kiosk und machten dabei Bekanntschaft mit zwei Guyanern. Erst wunderten wir uns, warum die beiden so gut englisch sprachen und auf welche Schule sie wohl in „Ciudad“ Guyana gegangen sind, bis wir kapierten, dass sie illegal und zu Fuß aus dem Nachbarland gekommen waren. Daraufhin fragte uns das junge Kioskmädel, ob wir denn etwa legal im Land wären? :-)

Um aus dem Park herauszufahren ging es durch ein Stück Nebelwald, es wurde merklich frisch und regnerisch und dort gab es wieder mal eine Kontrolle. Die jungen Soldaten waren sichtlich angetan von uns – lag das daran, dass wir mit unserem deutschen Auto hier waren oder etwa an den sozialistisch roten Shirts? – und legten gleich mal wieder eine Fotosession mit uns ein. Als wir die über 1000 Höhenmeter aus dem Park hinter uns gebracht hatten kamen wir im hässlichen Goldgräberort KM 88 an. Ja, der heißt wirklich so! Dort kam unser Auge endlich wieder in den Genuss der zahlreichen und für Venezuela so typischen alten und rostigen Straßenkreuzer. Im Park fuhren ja kaum andere Autos als die Tourjeeps rum. Dort tankten wir voll und freuten uns über die Tankanzeige, die bei 40 Litern gerade mal 4000 BS anzeigte, also weniger als EIN EURO!! Das war aber auch das einzige, was uns dort erfreute, ansonsten war es ein klassisch dreckiger Minenort, von dem unser Reiseführer schreibt, „dass es nur noch einen erbärmlicheren Ort gibt, als diesen“. Angesichts der finsteren Typen auf der Straße, von denen wahrscheinlich jeder mindestens eine Waffe trägt uns sich auch nicht scheut, diese einzusetzen, glaubten wir das sofort. Die Leute waren auch mäßig freundlich und obwohl das ersehnte Bayernspiel schon im Gange war, hielt es uns dort nicht. Wir fuhren dann weiter nach El Dorado, dort sah es ähnlich ärmlich aus, aber wir wussten dort von einem Platz des Schweizers Bruno, wo man campen kann.

Bruno, der seit über 35 Jahren in Venezuela lebt und früher General bei der Armee war, wunderte sich erst mal über die zwei Deutschen, die mit roten T-Shirts und deutschem Kennzeichen ankamen. Da er ein bisschen mit dem System im Konflikt steht, war er anfangs nicht sonderlich erfreut uns zu sehen. Doch nach kurzer Aufklärung war er erleichtert und plauderte freimütig aus dem Nähkästchen. Und da gab es wirklich viel zu erzählen. Wir bekamen eine volle Kompaktaufklärung über die Vorgehensweisen von Präsident Chavez und die momentanen Zustände im Land.

In Venezuela herrschen momentan anarchische Zustände und es gibt viele Verbrechen. Chavez möchte aus seinem Land einen sozialistischen Staat machen, Fidel ist sein großes Vorbild. Ihn möchte er ja auch in Amtsjahren übertreffen, daher hat er nach den letzten getürkten und gewonnenen Wahlen auch gleich mal das Gesetz dahin verändert, dass die nächsten Wahlen erst wieder in 15 Jahren stattfinden! Wie man das als Diktator halt macht. Momentan tauscht er im ganzen Land sämtliche Glühbirnen gegen Energiesparlampen eines chinesischen Konzerns aus. Dafür verzichtet er auf die Ausgabe neuer Reisepässe! Im nahegelegenen Gefängnis sind die Zellen der Schwerverbrecher (wie Mörder, Vergewaltiger,…) leer, die hat er zum Großteil gegen eine Unterschrift und ein Häkchen bei den letzten Wahlen wieder Freigelassen. Und El Dorado ist ein Ort, den man nicht braucht. Dort wird fleißig nach Gold gesucht, und falls jemand mal etwas finden sollte, gibt er es schneller aus, als man schauen kann. Dort wird gesoffen, geschossen und gehurt, was das Zeug hält. Die Armut breitet sich explosionsartig aus, was bei 10-jährigen Schwangeren auch nicht verwunderlich ist. Wir kamen uns wirklich vor wie im Wilden Westen, und Bruno als König von El Dorado mittendrin. Das ganze wurde von seiner Pumpgun unter der Theke glaubwürdig unterstützt. Aber wir sollten uns keine Sorgen machen, bei ihm wären wir sicher.

Das war uns eigentlich schon zu heftig! Jetzt waren wir endlich hier, wussten schon, dass Chavez ein Fanatiker ist und Venezuela auf der Reisewarnungsliste steht, aber so krass? Wir waren irgendwie ganz schön enttäuscht, und das, wo wir endlich im Land unserer Träume angelangt waren. Immerhin konnte Mathias am Abend noch die Wiederholung des Fußballspiels sehen. Obertraum!

Obwohl wir uns eigentlich erst mal entspannen und akklimatisieren wollten und den Kopf wieder für neue Erlebnisse frei bekommen wollten, verzichteten wir, noch länger an Brunos vom Gräbertum verschmutzen Fluss zu bleiben und fuhren weiter. Dieser Entschluss festigte sich noch durch den morgendlichen Besuch bewaffneter Soldaten, die übers Grundstück liefen und da änderte auch Brunos Erzähltalent nichts mehr. Die Gegend war auch rund um die Städte nicht viel einladender, immer wieder roch es penetrant nach Rauch, da viele der Felder durch Brände bewirtschaftet werden und immer wieder fuhren wir an weiten verkokelten Stellen vorbei. Unterwegs konnten wir schon einen kleinen Einblick in die venezolanische Fahrweise bzw. die leider dazugehörigen Unfälle gewinnen. Aber generell fahren die Venezolaner nicht so schlimm wie die Brasilianer, sie sind nicht so überholgeil, dafür hupen sie gerne. Und was für uns ganz wichtig ist, ein vor uns links blinkendes Auto auf der Landstraße will uns nicht unbedingt vor dem Überholen warnen sondern dazu aufmuntern. Also gerade andersrum als bei den Brasilianern. Wir haben also Kilometer gefressen, und die brütende Hitze ertragen, da wir schnell vorankommen wollten. Manche Städte wurde schon ordentlicher und schöner, aber alle Fenster waren vergittert. Wir mussten auch erst mal wieder ein Gefühl für das neue Land und die hießigen Preise bekommen und stellten dabei fest, dass Venezuela in Sachen Lebensmittel nicht gerade am billigsten ist.

In Ciudad Guyana wollten wir eigentlich noch einen Park besuchen, der uns empfohlen worden ist. Aber die Stadt war voll, heiß, weder gab es Schilder für den Park noch in Richtung Stausee. Obwohl eigentlich in Venezuela alles bestens ausgeschildert ist und die Straßen wirklich super sind. Uns war das alles mittlerweile egal, wir wollten nur heraus aus dem ärmeren Stadtteil San Felix, überquerten per Fähre den Fluss Orinoko und auf der anderen Seite erwartete uns noch mehr Armut! Ein Planendorf aus schwarzem Plastik, viel Wäsche hing herum, die nackigen Kinder spielten auf der Straße, nichts wo man hätte verweilen müssen. Also sind wir schnell weiter gefahren, durch Kilometerlange Ödnis. Eigentlich wollten wir in der nächstgrößeren Stadt Maturin übernachten, aber kurzerhand entschlossen wir uns die letzten paar Kilometer nach Carupano auch noch hinter uns zu bringen. Ungeachtet der Dunkelheit kurvten wir die Strecke ab und landeten nachts um 22.30 endlich bei Volker in der Posada. Das war eine Freude. Lustigerweise trafen wir an der Bar auf Markus, den wir vor 3 ½ Jahren zu Volkers Pooleinweihung kennen gelernt hatten, und der jetzt nur wenige Meter weiter seine eigene Posada hat. Dieses Wiedersehen sollte sich für ihn und für uns als Glücksfall herausstellen. Abgeschafft und gleichzeitig überdreht quatschten wir lange und trotz der Müdigkeit ließen uns unsere kreisende Gedanken über das neue Land nur schwerlich einschlafen…

Hier gehts weiter: 24. Carúpano I.