14. WM-Studio in Buenos Aires

14. Reisebericht: WM-Studio in Buenos Aires (07.06. bis 22.07.2006)

Endlich war es so weit. Nach einem halben Jahr on Tour sollten wir wieder eine feste Wohnung beziehen. Das Autobahngewusel nahmen wir mittlerweile schon recht locker, aber vor der Übergabe waren wir tierisch aufgeregt und fühlten uns wie vor einer Prüfung. Wir hatten zwar schon Bilder der Wohnung zugemailt bekommen, und der Vermieter machte per mail und Telefon auch einen äußerst netten Eindruck, aber die Uffreschung blieb. Schließlich waren wir ja nicht nur für uns zwei verantwortlich, sondern auch für Martin, der sich für gut zwei und Ronny, der sich für 6 Wochen mit uns einquartieren wollte.
So zog sich die Wartezeit wie Kaugummi, die wir uns damit verkürzten, uns schonmal nach einer geeigneten Garage umzuschauen. Und pünktlich um 13.00 standen wir vor der Haustüre, wo uns unser Vermieter schon erwartete. Michael war aufgrund seiner Größe und seines n Haares leicht zu erkennen und wie erwartet ein sehr lockerer und netter Typ. Das Haus hat schon mal einen einladenden Eingangsbereich, und nach einer Einführung in Schlüsselkunde und einer schnellen Fahrt im Aufzug (so einer mit tollen schmiedeeisernen Schiebetüren) standen wir in unserem neuen Heim. Und wir waren mehr als begeistert, als wir die Wohnung betraten, denn die Bilder waren nur ein kleiner Vorgeschmack. Die Zimmer waren jeweils in einer anderen Farbe gestrichen, Wohn-/ Essbereich und Gang in hellem grün, unser Schlafzimmer in knalligem lila, Ronnys Zimmer in blau gehalten und das Büro in ockerfarben gestrichen. Die Möbel überwiegend aus altem Holz und alles sehr gemütlich.Und wir hatten auf unseren 90 qm genug Platz um uns ordentlich auszubreiten und um genügend Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen. Um es noch schöner zu gestalten, durften frische Blümchen nie auf dem Tisch fehlen, und es achtete auch jeder drauf. Das einzige Manko war die schwache Toilettenspülung, die zu manch Überraschung verhalf . :-)
Nachdem wir das Auto komplett ausgeräumt hatten, erstaunlich was alles in so ein kleines Busschen passt, schmückte Mathias gleich mal den Balkon mit unserer Deutschlandfahne, die nach einem halben Jahr in der Box endlich richtig zum Einsatz komen sollte. Und das Beste: nach einem halben Jahr mal wieder ein Fernseher. Nicht dass wir ihn vermisst hätten, aber dank „Deutsche Welle“ mal wieder Nachrichten in unserer Muttersprache zu sehen und wieder auf dem Laufenden zu bleiben ist auch nicht verkehrt. Außerdem wollten wir (oder vor allem Mathias) kein Spiel der WM verpassen. Wir brachten unseren Pauli gut und günstig in einem Parkhaus unter und deckten uns erst mal mit Empanadas und Stückchen ein, drehten die Heizung voll auf und begossen, äh… genossen unser neues Heim. Wir fühlten uns auf Anhieb wie zu Hause. Abgesehen vom Hahn, der mitten in der Stadt auf einem Nachbardach zu Hause ist und dessen innere Uhr wohl etwas verwirrt ist, denn er ließ zu jeder Tages- und Nachtzeit sein Krähen verlauten. Kiiikeriiiiikiiiihiiii! :-)
Für die nächsten Tage machten wir erst mal einen Großeinkauf im nahegelegenen Supermarkt „Disco“, denn wir mußten es ja ausnutzen, mal wieder einen Kühlschrank zu haben. und erkundeten ein wenig die Gegend. Wir wohnten ziemlich zentral in dem recht guten und schönen Viertel Montsrrat und hatten alles wichtige vor der Haustüre: Internetcafé, Bäcker, Gemüseladen, Wäscherei (obwohl wir die ja dank Waschmaschine erst mal nicht brauchten), Cafés und Restaurants (die wir trotz Herd wohl öfters mal brauchten), Kiosks, Post (die gerade mal Briefmarken für 4 Karten hatten!), Frisör, halt alles was man so braucht. Der Einzige Nachteil war, dass die Hundeausführer, die immer mit einem Gewusel von etwa 10 Hunden, die an eigens dafür entworfenen Gürteln befestigt sind, sich genau unser Viertel als Ausgehroute erkoren haben. Und wenn man mal nicht auf holprige Gesteige achten musste, dann lag sicherlich eine Tretmiene neben der anderen auf dem Weg. Die Hunde, die hier nicht auf der Strasse leben werden so richtig schön verhätschelt. Das konnte man am besten daran erkennen, dass sie so süße kleine wollne Pullöverchen und Mäntelchen angezogen bekamen… Aber auf der Strasse sah man auch andere Kurisitäten, da wird beim Umzug gleich das unnötige Holz am Straßenrand verheitzt und das Fleisch darauf gegrillt… Oder der Zement für den Umbau wird einfach direkt auf den Platten des Bürgersteigs angerührt… Oder der Krankenwagen, der sich durch den Verkehr quälte und einfach weiterfährt, obwohl ihm gerade ein nicht rechtzeitig bremsender Mofafahrer in die Seite fuhr…

Unsere Wohnung war gerade mal 10 Gehminuten vom Obelisken entfernt, dem Wahrzeichen Buenos Aires, der mitten auf der 25 de Mayo (mit 125m Breite und jeweils 9 Spuren einer der breitesten Straßen der Welt) steht. Und so konnten wir es uns erst mal gut gehen lassen und auch die „winterlichen“ Temperaturen von meist 15° bis 20° taten ihr Übriges. Eigentlich die beste Temperatur, so eine Stadt zu erleben, denn im Sommer, wenns bis zu 40° heiß wird, hält man es hier wohl kaum aus. Und erst jetzt, wo wir es uns ein paar Tage gemütlich gemacht hatten, wurde uns bewußt, dass wir ja die letzten Monate in einem Auto gelebt hatten, uns aber an nichts (außer manchmal nem Ofen) fehlte.

Am dritten Tag sollte das erste Deutschlandspiel stattfinden. Sogar ich war ziemlich aufgeregt, aber nix im Vergleich zu Mathias Schwitzehänden. Die Eröffnungsfeier schauten wir noch zu Hause an, aber dann gings nix wie raus ins nächste Café. Zwar sind die Argentiner für ihre Fußballbegeisterung bekannt, aber logischerweise waren wenig Leute am Deutschlandspiel interessiert, noch dazu fand es ja dank Zeitverschiebung schon um 12.00 statt, und da müssen logischerweise die Meisten arbeiten. Aber wir fanden dann doch noch einen Imbiss in dem ein Fernseher aufgebaut war und der uns zusagte. Wir waren zwar die einzigen Zuschauer, aber dafür war die Bedienung schnell. Leider ist im argentinischen Fernsehen nicht so klar auf welchem Programm das Spiel übertragen wird. Die – etwas klägliche – Vorberichterstattung kommt auf mindestens 6 Kanälen, jedoch das eigentliche Spiel wird auf nur einem übertragen. Also beginnt zum Anpfiff das ige Ratespiel, welcher Sender einzuschalten ist und so verpassten wir doch tatsächlich die ersten fünf Minuten und: das erste Tor. War aber nicht so wild, es folgten ja noch zwei andere und die langsam eintrudelnden Argentinier amüsierten sich sehr über Mathias Freudenausbrüche. Ich freute mich auch, war es doch ein guter Einstieg in die WM und ich hatte mich ja auch extra in den Landesfarben schwarz (Pulli), rot (Bluse) und gold (Köpfchen) gekleidet. Unsere Fahne hatten wir zwar dabei, aber da die in Deutschland herrschende Euphorie bei uns noch nicht angekommen war ließen wir sie erst mal in der Tasche. Gut gelaunt schlenderten wir nach Hause und haben dort weiter den ersten Deutschlandsieg gefeiert.
Am nächsten Tag bekamen wir Besuch von Silvia und Willi, die uns in unseren ersten Tagen unserer Reise so freundlich und familiär aufgenommen hatten. Gemeinsam schauten wir das Argentinienspiel und die blau-weiß-blaue Fahne gesellte sich zu unserer. Nach dem Sieg haben wir uns zu den Fans an den Obelisk gesellt und mit ihnen die Siegesfreude geteilt. Später sind wir wieder zurück in die Wohnung und haben den Abend mit guten und offenen Gesprächen ausklingen lassen. Und mußte Silvia vor einem halben Jahr noch als Übersetzerin fungieren, konnten wir uns diesmal die meiste Zeit auf spanisch unterhalten, was den Abend wesentlich interessanter gestaltete. Die beiden sind wirklich toll und absolut liebenswert.
Die nächsten zwei Tage bis die Jungs eintrafen verbrachten wir überwiegend lümmelnd auf der Couch, wir genossen die Ruhe vor dem Sturm.

Und dann hieß es ausnahmsweise mal früh aufstehen und unseren Pauli nach einer Woche wieder mal anschmeißen. Am Flughafen haben wir eine Deutschlandfahne aufgehängt und uns versteckt. Als die Jungs endlich aus dem Flieger kamen stellten sie sich jedoch ein paar Meter weiter, da sie sich nicht wirklich angesprochen fühlten und sich schon eine – amerikanische!- Frau direkt an die Fahne gestellt hatte. Sie wirkten ein wenig verunsichert, als sie so herumsuchten, aber als sie uns endlich entdeckten (wir hatten uns filmend hinter einen Pfosten gestellt) war die Freude groß. Wir fielen uns in die Arme und begrüsten uns überschwenglich, schließlich hatten wir uns alle schon gut ein Jahr nicht mehr gesehen. Zu Hause hatten wir ziemlich schnell die ersten Bierchen geköpft und das Wiedersehen recht feuchtfröhlich und gebührend gefeiert. Später haben wir uns noch mit Vodka versorgt (0,7 l für 1,50 €, der Laden hat danach schnell die Vodkapreise erhöht :-)), tanzten vergnügt durch die Wohnung und babbelten wie Wasserfälle. Es gab ja soooo viel zu erzählen und schließlich trafen hier sehr verschiedene „Kulturen“ aufeinander. Martin arbeitet ja seit zwei Jahren schon in Saudi Arabien und Ronny hat das letzte Jahr in Amerika verbracht. Und Mathias und ich fühlten uns wie an Weihnachten, da wir viele Geschenke und „Bestelltes“ mitgebracht bekamen.
Dann haben wir erst mal die Wohnung umgebaut. Den Couchtisch haben wir mit unserer Matraze getauscht und uns so eine richtige Liegewiese geschaffen. Ronny hatte noch einige Fanutensilien mitgebracht und wir haben die Schweißbänder und zusätzlichen Fahnen überall verteilt. Das WM-Studio war eröffnet! So waren wir gut gerüstet fürs nächste Deutschlandspiel, welches wir ordentlich beklatscht und angefeuert hatten. Und auch wenn unsere Elf einen spielfreien Tag hatten, wurde doch jedes Spiel mitverfolgt und Mathias und Ronny waren fleißig am tippen. Wir hatten ja Zeit, und wofür haben wir uns denn auch eine Wohnung mit Ferseher und Kabelanschluss gemietet? So vergingen die Tage wie im Flug, Martin und Ronny machten gezwungenermaßen nur noch die Fußball-light-Version, sie hatten sich ja schließlich für täglich 4h Sprachunterricht angemeldet. Ronny hatte sich ja auch fest vorgenommen in seinen 3 Monaten Urlaub die Sprache zu erlernen und ist auf dem allerbesten Weg dorthin. Und mir hilfts auch, denn er animiert mich zum Mit- und Selbstlernen. Aber wenn die Deutschen ein Spiel hatten, hat er schonmal seinen Unterricht ausfallen lassen. Diese Spiele schauten wir vorzugsweise in einem Kiosk, in dem eine Leinwand aufgebaut war, es gab reichlich Tische und Stühle, einen Kicker und eine Jukebox und im vorderen Bereich wurden leckere Fleischgerichte frisch gegrillt. Wo sonst hätte es uns wohl hinverschlagen?
Dort schauten wir auch die Achtelfinalspiele Spiele Deutschland – Schweden und Argentinien – Mexiko. Die Stimmung war super und der Laden voll. Nachdem „wir“ gewonnen hatten und auch Argentinien weiter war, freuten wir uns alle gemeinsam. Auch wenn das bedeutete, dass wir im nächsten Spiel aufeinandertreffen würden. Aber für diesen Tag waren wir Freunde, egal, was kommen sollte und sogar Martin war mitten im Fußballsumpf. So gingen wir gut gelaunt die paar Meter zum Obelisken, um unsere Freude zu teilen, doch dabei mussten wir leider feststellen, dass nicht alle unsere Einstellung teilten. Auf dem Weg versuchten immer wieder Jungs uns die Fahne wegzureißen, und nachdem uns ein Mann freundlich darauf hinwies alles in Landesfarben wegzupacken, wurde uns doch etwas mulmig. Wir erfuhren, dass sich eher die „Fußball-Assis“ hier treffen, die keinen Spass verstehen. Da haben wir halt alles in schwarz-rot-gold weggepackt, man muss ja nichts heraufbeschwören, und schauten uns halt die Freude der anderen an. Nebenbei verfolgte uns ständig ein etwa 12-jähriger Junge. Nach einer viertel Sunde hat es mir gerreicht und ich machte ihn darauf aufmerksam, sich andere Touris zu suchen, denen er etwas klauen könnte. Er nickte und trollte sich daraufhin gleich, aber auch uns reichte es und wir liefen nach Hause.

Ansonsten verbrachten wir die Abende meist gemütlich zu Hause, wir unterhielten uns viel, wir genossen es mal wieder zu kochen (mal nicht nur auf nem kleinen Campingkocher) und gerne ließen wir uns auch Pizza, Empanadas oder Pasta per Lieferservice bringen. Dabei verschaffte sich Martin einen ganz eigenen Höhepunkt, als er trotz einiger Sprachbarrieren beim Lieferservice bestellte. Allerdings war der junge Mann am anderen Ende etwas irritiert, als Martin das Gespräch mit „hola, que passa?“ begann. (= „hallo, was iss´n los?“) Aber die restliche Bestellung verlief schnell und gut, er war happy, wir haben gutes Videomaterial und die Pizza kam auch…
Außerdem genossen wir abends des öfteren unseren Fernseher, Ronny checkte täglich die etwas eigenwillige Fernsehzeitung mit den noch eigenwilligeren spanischen Übersetzungen, aber meist erkannten wir mit viel Phantasie doch noch den Originaltitel des Films. Dann hofften wir nur noch, dass der entsprechende Film auf englisch mit Untertitelung gezeigt wurde und nicht ins spanische synchronisiert wurde. Denn die Untertitelung ist gleichzeitig eine gute Spanischlernhilfe, spanisch alleine versteht man eher schlecht.. Und am meisten freute es uns, als James Bond Wochen waren, da kamen „cero-cero-siete“-Filme am laufenden Band. Cool, egal in welcher Sprache! Und wenn wir mal keinen Bond bekamen, haben wir uns halt die Zeit mit Berichte schreiben (eher wenig) oder Internet (eher viel dank unseres „kabellosen“ Nachbarn) verbracht, haben uns über die zahlreichen Anrufe aus Deutschland gefreut oder sind shoppen gegangen. Aber an manchen Tagen haben wir uns stundenlang die Hacken abgelaufen und sind mit nichts als einem Spitzer oder ein paar CD-Rohlingen nach Hause gekommen. Ist zwar eine Wahnsinnstadt, in der es einfach alles gibt – auch WM-Shirts mit einer schwarz-gold-roten Flagge drauf!!!! – aber wenn man etwas bestimmtes sucht, wird’s schonmal schwierig. Es gibt Einkaufsstraßen, in denen sich ein Laden an den nächsten reiht und richtig tolles südamerikanisches Gewusel herrscht. Oder aber für die besser situierten das riesen Einkaufsparadies „Abasto“, dort wurden auch wir fündig, wenn wir auch die ersten Stunden im Kinderland verbracht haben. Staunend standen wir vor Spielbuden, Karussells und Riesenrad, alles im Innern der Mall. Da wurden wir auch ein paar Pesoso los. Unglaublich, und wieder mal ein Beispiel dafür dass wir im – offensichtlich kinderfreundlichen – Land der Extreme gelandet sind.

An manchen Abenden schafften wir es auch noch auszugehen, meist jedoch reichte unsere Ausdauer nur fürs Abendessen (gegen 22.00), in die Disco schafften wir es nicht oft und dann auch meist nicht alle. Schließlich beginnt das Ausgheleben in Argentinien erst gegen 2.00 nachts, die Jungs mußten normalerweise wieder früh raus und wenn man dann erst zwischen 6.00 und 8.00 wieder heimkommt, ist der nächste Tag ziemlich im Eimer. Und wenn wir es mal schafften, dann war es bestimmt Donnerstag, und wenn freitags morgens unsere Putzi Lita kam, liefen wir immer etwas geschädelt und verpeilt durch die Gegend. Die dachte bestimmt, wir machen das jeden Abend so, aber nein, so wild sind wir auch wieder nicht. Außerdem wollten wir ja auch was von der Stadt sehen. So organisierten wir uns über eine Agentur eine Stadtführung, bei der wir viel gelaufen sind, aber eher weniger gesehen haben. Aber wir erhielten einen Überblick über die verschiedenen Stadtteile wie La Boca, San Telmo, Palermo und erfuhren, wo es sich lohnte nochmal hinzugehen.

Überhaupt ist Buenos Aires eine phantastische Stadt mit Flair. Die Straßen sind je nach Barrio gesäumt mit alten Gebäuden oder modernen Hochhäusern, überall befinden sich kleine schnuckelige Läden und Kioske. Dazwischen, wenn auch ziemlich selten, gibt’s mal eine Grünfläche oder einen Park. In den Parks haben Katzen ein Traumleben. Dort werden sie gefüttert und da hier hundefreie Zone herrscht, können sie sich unbekümmert tummeln wie sie wollen. Ebenso am Friedhof Recoleta, auf dem auch Evita begraben wurde. Unglaublich, welch Mauseleen und „Gebäude“ für die Toten errichtet wurden. Dagegen war Evitas Stätte eher mikrig.
Wir wohnten außerdem in der Nähe des „Congreso“, des Kongressgebäudes. Hier soll auch der Meilenstein „O“ stehen, von dem aus sämtliche Entfernungen in Argentinien gemessen werden. Aber egal wie oft wir dort vorbeikamen, den Stein fanden wir nie, aber gerade bei Nacht, mit all den Lichtern, den Ständen und dem Leben auf der Straße ist es herrlich. Aber die Nacht hat auch ihre nagativen Seiten. Der Müll wird gegen Abend einfach auf den Bürgersteig gestellt und später kann man dann beobachten, wie sich einige Menschen daran zu schaffen machen. Einige wenige suchen etwas zu essen, aber die Mehrzahl ist darauf aus, Karton, Flaschen und Plastik herauszusuchen. Das wird später verkauft und wiederverwetet. Das ist Mülltrennung in Buenos Aires. Und zu späterer Stunde kommen die Mülwagen durch die Strassen gefahren und sammeln den ganzen Dreck wieder ein und am Morgen spritzen die Hausmeister die Gehwege wieder sauber. Nicht auszudenken, wenn hier die Müllabfuhr mal streiken würde… Andere „verdienen“ sich ihr Geld damit, an roten Ampeln zu Jonglieren, Werbeschilder hochzuhalten oder einfach nur zu betteln. Oft, gerade in Zügen, legen sie dir Klebebildchen, Nähsets oder andere Dinge, die man nicht braucht auf den Schoß, um es dann wieder einzusammeln. Oder sie laufen halb verkrüppelt, mit Kindern, dreckig und verwahrlost durch die Gänge und verkaufen Taschen oder Musikcds, Bändchen, … Auch das ist Buenos Aires.

Es ist außerdem ein Erlebnis sich an den Obelisken zu setzen und den Verkehr zu beobachten. Erstaunlich wie wenige Unfälle sich trotz der Verkehrsdichte ereignen. Auf den Straßen und Fußgängerzonen herrscht hektisches Treiben, alles schiebt sich durch die überwiegend engen Gassen, wie bei uns am Statfest. Nur eben täglich. Und die Straßen sind gefüllt mit Taxen und Bussen, die unglaublich stinkende und schwarze Dieselwolken hinter sich verbreiten. Kein Wunder, dass in so einer Stadt die Haut verrückt spielt und wir Pickel und sonderbare Ausschläge bekamen. (Oder es liegt an der Kombination mit dem Chlorwasser?!) Aber all das hat dem Charme keinen Abbruch getan, Buenos Aires wird als Paris Südamerikas bezeichnet und auch wir waren gebannt von dieser Stadt.

An einem Nachmittag fand mitten in der Fußgängerzone eine kleine Tangoshow statt, bei der wir begeisterte Zuschauer waren. Animiert von der Leidenschaft dieses Tanzes und nachdem Martin in San Telmo ein Poster mit den Grundschritten erworben hatte, versuchten auch wir unser Glück. Die Musik war leicht ins Wohnzimmer geholt, schließlich hatten wir die kabellose Internetleitung eines Nachbarn genutzt um mit unseren Laptops (danke Katja!!) die Außenwelt zu erreichen, und dank Onlineradio gabs Tangosülz frei Haus. Die passenden Videos haben wir uns auch noch runtergeladen und schon ging die Tangoshow im Wohnzimmer los. Und wir waren gut, denke ich, auf jeden Fall waren wir drei (Ronny schaute lieber zu) vom Tango infiziert. Daraufhin wollten wir uns doch mal die professionellen Tänzer anschauen und beschlossen eine Tangoshow zu besuchen. Und wir hatten richtig Glück, denn es gibt viele Shows, meist mit Abendessen inklsive (zahlbar in Dollar, hallo Touris!) aber wir sind in einem relativ autentischen Laden gelandet. Das ganze fand in einem großen Saal statt, mit hohen Wänden, Marmorsäulen und Kronleuchtern. Wir hatten einen Platz direkt an der Bühne und konnten so den Sängern aus nächster Nähe lauschen und die schmetterten ordentlich los, es lag viel Gefühl in der Luft und der alte Ziehharmonikaspieler gab Alles. Dem Anlass angemessen gönnten wir uns Champagner und die Begeisterung über die Tänzer stieg mit jedem Glas. Einfach toll, die ernsten Mienen unterstrichen die Tragik der Musik, und wir wußten, dass unsere Kariere weit entfernt war von dem, was wir hier geboten bekamen. Die Show dauerte relativ lange und nachdem der letzte Tanz getanzt war, begaben wir uns in den ersten Stock, wo man privat sein Können zum Besten geben konnte. Und da probierten wir gleich mal unsere Anfängerschritte aus, mit Unterstützung eines langweilgen Strickpullovertänzers, aber vom Tango verstand er was. Beschwingt und happy schafften wir es auch mal in eine Disco, und tanzten weiter, aber diesmal „freestyle“.

Für einige Tage besuchte uns Norbert, bevor er für zwei Monate ins gute alte Deutschland fuhr. Er wird seinen Buenos Aires-Besuch nicht so schnell vergessen, denn er hat zwei tolle Andenken mitgenommen. Erstens hat man ihm gleich bei der Ankunft den Geldbeutel geklaut, was nur mäßig schlimm war, denn Paß und Ticket hatte er noch, aber das bedeutete halt Gerenne. Zweitens mußte er sich an seinem letzten Abend mit Mathias auf einen Vodka-Orange Schoppen einlassen, doch das vertrug sowohl sein Magen, als auch seine Rippe etwas schlecht :-)

Doch irgendwann ist jeder Urlaub zu Ende und nach gut zwei Wochen war es für „Prinz Martin“ so weit. Er musste wieder zurück in sein heißes Saudi Arabien zum Kamelreiten, äh nein, arbeiten. Ab da wurde es merklich ruhiger, uns fehlten die abenteuerlichen Storys wie die vom falsch gekochten Kilo Schinken, mit dem man die Weltbevölkerung vernichten könnte oder dem pakistanischen Arbeitskolegen, der seine Frau per Telefon schwängerte und sich nichtmal wunderte. Aber wir konnten Martin leider nicht an den Flughafen bringen, da die Stunde der Wahrheit nahte: Deutschland traf (leider schon) im Viertelfinale auf Argentnien. Auch der Taxifahrer kam extra zu früh, um den Spielbeginn nicht zu verpassen (da hat er wohl Pech gehabt!). Wir hatten bei der Vorrunde schon sämtliche Variationen durchgespielt, jedoch die unliebsamste traf ein, wir trafen schon im Viertelfinale auf Argentinien! Und wir wußten, es sollte ein trauriger Tag werden, entweder gewinnt Deutschland und wir sollten uns erst mal als Holländer oder ähnliches ausgeben oder noch schlimmer, Deutschland würde von Argentinien rausgeschmissen. Das hätte viele Tränen bedeutet, also war uns Variante A lieber. Wir schauten am besagten Tag lieber zu Hause das Spiel und deckten uns mit reichlich Futter und Bier ein, damit wir danach erst mal die Bude nicht mehr verlassen mussten. Während des Spiels waren die Straßen wie leergefegt und wie wir alle wissen, Deutschland siegte! Jaaaaaaa!!! Wir konnten nach dem spannenden Elfmeterschiessen unsere Freude doch nur mäßig unterdrücken uns so rannten wir zum Spielende mit Fahnen auf den Balkon und ließen unserem Jubel freien Lauf. Bis uns ein Nachbar auf einem anderen Balkon darauf hinwies besser wieder reinzugehen. Na gut, dann freuten wir uns halt drinnen weiter. Olé, olé, olé, olé! Leider war unser Bier dann doch zu Ende und einer musste raus in die Höhle des Löwen. Und das war dann ich, denn mir würde schon keiner was tun, oder doch? Aber nichts passierte, am Kiosk bediente man mich freundlich (dort dachten sie wirklich ich käme aus Holland) und so konnte die Hausparty weitergehen.

Mit der Autoreperatur, oder besser gesagt dem Austausch unserer Keil- und Zahnriemen, warteten wir jedoch lieber doch noch ein bißchen, bis der erste Ärger und die erste Enttäuschung verflogen war. Zum ersten Mal seit 6 Monaten Südameika war es uns nicht mehr so lieb Deutsche zu sein, doch die Zeit heilt alle Wunden, und nachdem gleich drauf Brasilien rausflog und im Halbfinale auch Deutschland, waren die Wogen wieder geglättet und wir konnten bedenkenlos unseren L 300 bei Mitsubishi abgeben. Da der Austausch schon ein paar Stunden dauerte und die Werkstatt etwas außerhalb lag, fuhren wir wieder nach Hause. So sind wir auch in den „Genuss“ des Zugfahrens gekommen. Die Fahrt ist günstig mit 0,15 € für 5 Stationen, jedoch waren die Abteile vollgestopft und manch einer wurde unfreiwllig zum „surfen“ genötigt, vor allem der Schaffner hing immer mit einem Bein aus dem Abteil. Danach gings weiter mit dem Bus, aber das kannten wir ja schon. Die Linien und die Haltestellen haben ihr ganz eigenes System, da muss man als Unkundiger erst mal eine halbe Stunde den Plan studieren, bis man die richtige Linie ausfindig gemacht hat, oder einer der unzähligen freundlichen Argentinier hilft. An der Bushaltestelle winkt man dem Bus, mit dem man fahren möchte, dann hält er auch. Wenn man mal einen verpasst ists auch nicht weiter schlimm, der nächste kommt wenige Minuten später und manchmal fahren eh drei gleiche Busse hintereinander. (Das System gehört mal richtig reformiert, wäre vor allem gut für die Umwelt, jedoch vielen dem auch einige Arbeitsplätze zum Opfer.) Dann muss man dem Busfahrer sein Ziel mitteilen (dann weiss man auch gleich ob man in der richtigen Linie gelandet ist), schmeißt seine 0,20 € in einen Automaten, nimmt sein „bolteo“ und los geht’s. Und wenn man Glück hat, dann ist die Haltestelle zum Aussteigen auch dort wo man sie vermutet hat. Ist uns nämlich auch schon anders ergangen, da wollten wir abends zu einem Treffen von Ronnys Sprachschule in eine Jazzkneipe, und als wir aus dem Bus ausgestiegen sind, waren wir zwar in der richtigen Straße, jedoch 15 Blocks von unserem eigentlichen Ziel entfernt. Na ja, wir sind ja jung und gut zu Fuß…
Auf jeden Fall wurde in der Werkstatt auch alles ordnungsgemäß getauscht, soweit wir Laien was davon verstehen, und Pauli schnurrte wieder. Und die Zeit im Parkhaus hat er auch unbeschadet überstanden, dort waren sie eh äußerst freundlich zu uns. Kaum hatten wir unser Auto dort abgegeben kannten uns alle dort, obwohl wir die anderen Angestellten vorher nie gesehen hatten. Kaum kamen wir in Sichtweite hielten sie uns schon unseren Schlüssel entgegen. Und als wir den Parkplatz nach um zwei Wochen verlängern wollten, fragte man uns nur, was man uns denn für den ersten Monat berechnet hätte.

Aber davor fand ja noch das Halbfibalspiel gegen Italien statt. Auch das schauten wir wieder in unserem Lieblingskiosk an, wo sie uns nicht mal sauer waren. Außerdem hielten die meisten jetzt eh zu Italien, und die sollten ja auch gewinnen. Vor dem Spiel futterten wir erst mal ordentlich was vom Grill, Ronny kam schnellstens aus der Sprachschule und trotz des vielen Biers, konnte wir unsere Mannschaft nicht hinreichend unterstützen. So waren wir raus, irgendwie hatten wir uns aber relativ schnell damit abgefunden, sehr zum Erstaunen Aller. Aber zum Frustabbau bestellten wir uns zuerst mal drei Vodka-Orange. Diesmal zu unserem Erstaunen bekamen wir eine Literflasche Vodka und eine Flasche Fanta vor die Nasen gestellt. Doch der Beitzer meinte nur, wir sollten halt trinken, wieviel wir wollten, und das taten wir dann auch, jedoch tauschten wir erst mal die Fanta mit O-Saft. Und mit der Abrechnung, das ging dann auch recht einfach, wir hatten nämlich tatsächlich die komplette Flasche gekillt. Ronny ging daraufhin nach Hause, wir warfen ein paar Groschen in die Juke-Box und vergnügten uns mit Tanz und Kickern. Leider habe ich dabei das Deutschland-Schweißband verzockt! Na ja, auch nur aufgrund sonderbarer zählweise des Argentiniers, aber hier wäre es ja eine Schande für einen Mann zu verlieren, und ich hätte sonst nur sein wirklich verschwitztes Shirt bekommen. :-)

Und als Deutschland nicht mehr im Spiel war, war für uns Fußball auch nicht mehr ganz so spannend, die Bond-Woche neigte sich dem Ende zu und wir änderten unsere Gewohnheiten ein wenig. Mathias schaute statt Fußball dann die Tour de France und Ronny und ich meldeten uns im Fitnessstudio an! Matzi machte einen Rückzug, obwohl er es als ersten vorgeschlagen hatte und begnügte sich mit seinen Kniebeugen und Liegestützen. Aber für uns hieß es ab sofort drei mal wöchentlich „hoch das Bein“, wir wollten uns ja fürs Ski fahren fit machen. Im Kreise junger und älterer Mädels gab’s die letzten drei Wochen montags Problemzonengymnastik, mittwochs „Step“ und freitags „fight-do“. Das war uns, oder vor allem Ronny, doch zu albern mit ernster Miene in die Luft zu boxen, und so gingen wir stattdessen samstags zum Stretching. Da waren zwar nur Omis, aber anstrengend war’s trotzdem und Ronny erlitt eine kleine Kreislaufschwäche!
Die jüngeren Mädels waren auch sehr interessiert an uns, vor allem an Ronny, nachdem wir aufgeklärt hatten nicht verheiraten und lediglich Freunde zu sein. Wir wurden belagert, jeder versuchte sich mit uns zu unterhalten und nachdem mich eine mit: „Darf ich dir eine Frage stellen, die ich schon immer mal einem Deutschen stellen wollte?“ angesprochen hatte gingen mir gleich die deutsche Geschichte inklusive und sonstige Dinge durch den Kopf. Aber die eigentliche Frage verblüffte mich dann noch mehr: „Wie heißen sie?“ Tja, so kann man sich irren. Man versorgte uns zudem mit mehr oder weniger hilfreichen Ausgehtipps. Ansonsten war das Training zwar anstrengend aber machte viel Spaß, und geholfen % 2€™s auch. Unsere Trainerin namens „Analia!“ war sehr freundlich und motivierend, das Studio eher nicht. So ne richtig südamerikanische Klitsche halt, aber wer will schon meckern bei einem Beitrag von 11€ für zwei! Und wer fit sein will muss leiden, oder so ähnlich. Zum anderen hatten wir einen kleinen Diätplan ins Auge gefasst, nachdem Fettbruzzel-Martin nicht mehr da war und die Hosen nach wochenlangem extrem Couching am Bund spannten. Na ja, wir verzichteten halt auf Butter und auf die täglichen Stückchen, aber Schokopudding, Kekse und ab und an mal ein wahnsinnsleckeres Eis durften halt doch nicht fehlen. Macht ja sonst auch kein Spaß!

Aber sechs Wochen an einem Ort sind halt schon eine lange Zeit und gegen Ende unserer Großstadtzeit kribbelte es uns schon langsam in den Fingern, wir wollten wieder auf die Straße. Vorerst begnügten wir uns mit einem Ausflug zum Naturpark am Puerto Madero. Nachdem wir ein wenig spazieren waren freuten wir uns auf die vielen Grillstände und selbstgebackenen Kuchenköstlichkeiten, die überall an der Promenade angeboten wurden. Am unserem letzten und leider verregneten Sonntag machten wir einen Ausflug mit Willi, Silvia und ihrer Mutter Eugenia ins Tigre-Delta zum Schiffchen fahren. Wieder keine Diät, aber der schöne Tag und die igen Unterhaltungen machten das wieder gut.
Außerdem freuten wir uns auf Nicoles Ankunft (passenderweise am „día del amigo“) und auf die Weiterfahrt in die Berge. Wir holten sie vom Flughafen ab und vielen uns freudig in die Arme. Ein irgendwie unfassbares und schönes Gefühl, wenn man Leute aus Aschaffenburg am Flughafen in Buenos Aires wiedertrifft. Wieder mal war für uns Weihnachten und wir schlenderten durch die Stadt um ihr einen kleinen Einblick zu verschaffen. Das Wetter empfing Nicole mit sommerlichen Temperaturen von 26° und Sonnenschein, es war der heißeste Tag im Juli seit 8 Jahren. Gut gelaunt liefen wir durch die Strassen und Nicole konnte es nur schwer fassen in Buenos Aires zu sein. Sie bekam große Augen von dieser überwältigenden Stadt und wir merkten erst mal wie normal diese Stadt für uns geworden ist. Aber immer noch toll! Und immer wieder beindruckend, wenn man nach stundenlangen umherlaufen auf einen Stadtplan blickt du merkt welch kleinen Klecks auf der Landkarte man sich gerade erlaufen hat. Am Abend litt Nicole unter Jetlag und schlief wie ein Stein während wir noch einen letzten Abend in Buenos Aires genießen wollten. Nachdem Ronny mit Anna (aus der Sprachschule) aus dem Teatro Colon wiederkamen, tranken wir uns ein wenig warm und landeten zu späterer Stunde in einer Disco, wo wir bis in die frühen Morgenstunden tanzten. War ja schließlich Donnerstag und ein gelungener Abschluss. Nicole musste daraufhin freitags allerdings alleine die Stadt erkunden, war jedoch gut ausgestattet mit Adresse, Stadtplan und Telefon, und sie genoss das wilde Treiben einer großartigen Stadt („huch ist die Stadt groß, aber schee!“). Gegen Abend waren wir wieder fit, sind noch mal zum Frisör (diesmal ohne Treppen!), haben lecker gekocht und angefangen zu packen.
Am nächsten Tag roch es nach Abreise, Mathias und ich packten das Auto und nach einer unproblematischen Wohnungsübergabe („wieso soll ich die Wohnung durchschauen? Ihr seid doch nett!“) und einem Abschiedsphoto ging’s zu viert auf die lange Reise von über 1600km Richtung Schnee!

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